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ABHANDLUNGEN
DER
NATURFORSCHENDEN GESELLSCHAFT ZU HALLE.
ORIGINALAUFSÄTZE
AUS DEM GEBIETE DER GESAMMTEN NATURWISSENSCHAFTEN,
VERFASST von MITGLIEDERN und VoRGETRAGEN
N DEN SITZUNGEN DERGESEE ’ : HERAUSGEGEBEN
IHREM VORSTANDE.
Erfier Band. Jahrgang 1853. * —B830 —— - HALLE, | Druck .und VERLAG von H. W. Scanmipr, "1854.
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Inhalt des ersten Bandes;
Erstes Quartal.
Geschichte der naturforschenden Gesellschaft zu Halle, vom Secretair derselben, Prof. Kranmer Verzeichniss der noch lebenden Mitglieder der Gesellschaft, von Demselben Beiträge zur Naturgeschichte des Seriema, von Prof. Burmeister Vergleichung des Skelets von Dicholophus cri- status mit dem Skelettypus der Raubvögel, Trappen, Hübner und Wasserhühner, von , Prof. Nırzsen a “ Eingeweidewürmer des Dicholophus cristatus, beschrieben von Dr. CrerLın
Vierteljahrsbericht über die Sitzungen der Gesellschaft. Sitzung v. 12. Januar. Eingegangene Schriften, neues Mitglied Hr. Dr. Mann. — Prof. v. SCHLECHTENDAL über Holzpapier. — Prof. BurMmEISTER über Dicholophus cristatus Sitzung v. 26. Febr. — Neue Mitglieder, Hr. Dr. CrerLin und Hr, Dr. Scuaun. — Prof. V. SCHLECHTENDAL über Pflanzenmonstra. — Prof. Kraumer über Bivver’s und Scamimr’s Arbeiten, die Verdauung betreffend. — Prof. Heinzz und »’Auron’s Bemerkungen dazu Sitzung v. 12. März. — Eingegangene Schrif- ten, neues Mitglied Hr. Kaufm. Liersen. — Prof. y. Schreenrenpar über das Reispapier ‚und seine Malerei. — Prof. v’Auron über „LuscukA's anatom, Untersuchungen. — Dr. v. BAERENSPRUNg über die Krätzmilbe.— Prof. BURMEISTER über seine, Reise nach Brasi- lien. — ‚Derselbe über. ‚brasilianische
Vogeleier. — Prof. Kranmer über Gallert- kapseln
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Zweites Quartal.
Ueber die Folge und den Verlauf epidemischer Krankheiten, von Dr. v. BAERENSPRUNG
Vierteljahrsbericht über die Sitzungen der Gesellschaft. Sitzung v. 23. Apr. — Prof. v. ScHLECHTENDAL legt einige neueste botanische Schriften vor. — Prof. v’ALron über einen monströsen
Entenkopf. — Prof. Kranner über ein blut-
stillendes Mittel. — Derselbe über Ath-
mung Neugeborner
Sitzung v, 7. Mai. — Dr. v. BAERENSPRUNG über Epidemien. — Prof. v. SCHLECHTENDAL über Phytelephas macrocarpa und hirseartige Getreide-Arten. — Prof. Kranmer über Re- valenia arabica
Sitzung! v. 28. Mai. — Eingegangene Schrif- ten. — Prof. v. SchLECHTENDAL über Dr.
RABENHoRST Süsswasser - Diatomaceen und Ta. Irmisca Biol. der Orchideen. — Prof. Heinz über Wägbarkeit: der Wärme. — Prof. Burmeister über Prrer’s Säugeth. v. Mossambique. und Barranne’s Syst. Silur, du Centre de la Boheme. I. P. Trilobites. — Derselbe über die Phyllostomen Brasi- liens. — Prof. Kranmer über Arsenikdunst Sitzung v. 11. Juni. — Neue Mitglieder Hr. Dr. Vocer, Hr. Dr. HarrLAaus, Ar. Th. Ir- Misch. — Prof. Burmeister über die Beutel- thiere Brasiliens. — Derselbe über Keser’s Schrift: De Spermatozoorum introitu .etc. Sitzung v.: 25. Juni. — Prof. v. ScHLECHTEN- var über. Missbildungen bei Acer. — Prof. Burmeister über Newrorr’s Befruchtungs- versuche. — Derselbe, Neue Beobachtun-
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über.Archegosaurus,' nebst Nachtrag dazu. — Dr. v. BAErREnsprunG über ein Kalb mit Ich- thyosis. — Prof. Kranmer über Extraute- rinalträchtigkeit bei einem Kaninchen. — Nachträge
Drittes Quartal.
Bemerkung über die Gattung Hemerocallis und deren Arten, von Prof. v. SCHLECHTENDAL Beitrag zur Naturgeschichte der einheimischen
Valeriana-Arten etc., von Tu. Irmisch
Vierteljahrsbericht über die Sitzungen der Gesellschaft,
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Sitzung v. 3. Juli. — Prof. v. SCHLECHTENDAL
über Haarbildungen der Pflanzen. — Prof. Kraumer über Stärkemehl-Arten
Sitzung v. 16. Juli. — Prof. v. SchLEcHTENDAL über Pilzbildungen. — Derselbe über Missbildungen bei Dictamnus. — Prof. Bur- MEISTER über die Metamorph. einiger bra- silianischer Insecten, mit Anschluss an M. S. Merıan’s Werk
Sitzung v. 30. Juli. — Neues Ehrenmitglied, — Eingegangene Schriften. — Prof. BuRrMEISTER über Archegosaurus. — Prof. p’Arron über den Zitzenapparat der Beutelthiere. — Prof. v. SCHLECHTENDAL über BArkER WepR’s Otia hispan. — Prof. Krammer über Bischorr's Schrift: der Harnstoff als Maass des Stofl- wechsels
Sitzung v. 13. Aug. — Prof. Burmeister über die Antiklinie der Wirbelsäule der Säuge-
thiere. — Prof. v. ScHLECHTENDAL über Flora juvenalis. — Hr. Liersch über Para- siten an Birnen. — Neue Mitglieder und
Verluste früherer. — Druckfehler
Viertes Quartal.
a Bemerkungen über den allgemeinen Bau und die Geschlechtsunterschiede bei den Arten der Gattung Scolia, von Prof. Burmeister
Ueber die Umdrehung der magnetischen Erd- pole und ein davon abgeleitetes Gesetz des
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Trabanten- und Planetenumlaufs, von Prof. SCHWEIGGER
Bericht über eine im Jahre 1851 unternom- mene geognostische Reise durch die süd- lichsten Punkte des Banates, der Banater Militäirgrenze und Siebenbürgen, von Dr. ANDRAE
Vierteljahrsbericht über die Sitzungen der Gesellschaft.
Sitzung v. 22. Octob. — Eingegangene Ge- schenke für’ .die Bibliothek. — Prof. v. SCHLECHTENDAL über die Uluco, als Surro- gat der Kartoffel. — Derselbe über fos- siles Holz von Maracaibo.. — Prof, Bur- MEISTER über die Gattung Scolia
Sitzung v. 5. Nov. — Eingegangene Schriften für die Bibliothek. — Prof. pD’ALron über Formen des Gehörapparats bei Fischen. — Prof. v. ScuLgcutenpaL über gallapfelartige Auswüchse. — Prof. Burmeister über. ein sehr grosses Spinngewebe. — Dr. Anprar Reisebericht. .
Sitzung v. 19. Nov. — Eingegangene Schrif- ten für die Bibliothek. — Aufnahme neuer Mitglieder. — 0. B.-R. Mürrer über Ver- steinerungen des Muschelkalks bei Lieskau, — Prof. Burmeister über Stachelratten Brasiliens. — Prof. v. SchLecutennaL über Amygdalus-Arten
Sitzung v. 3. Dec. — Eingegangene Schriften. — Neue Mitglieder. — Prof. Burmeister Vergleichung des Skelets von Dicholophus mit dem der Störche. — Prof. v. Scurech- TENDAL über Centaurea jacea und Pinus- Arten. — Prof. Kraumer über abweichen- des Verhalten des Nabelstranges. — Dr. Mann über das Reibungsgeräusch bei Pleu- ritis
Sitzung v: 17. Dee. — Eingegangene Schrif- ten und Briefe. — Aufnahme neüer Mit- glieder. — Prof. Burmeister über die bra-
silianischen Murinen. — Prof. v. Scauxen-
TENDAL über Bere und Schmmr oflic. Ge-
wächse. — Wahl des neuen Vorstandes. —
Nachträge zum Mitgliederverzeichnisse
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DER
NATURFORSCHENDEN GESELLSCHAFT ZU HALLE.
ORIGINALAUFSÄTZE
AUS DEM GEBIETE DER GESAMMTEN NATURWISSENSCHAFTEN,
VERFASST von MITGLIEDERN unn voRGETRAGEN
INDENSITZUNGEN DER GESELLSCHAF 1:
HERAUSGEGEBEN
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IHREM VORSTANDE
Erfien Dandes erfies Onartal.
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HALLE,
Druck uno Verzag von H. W. Scmmipr.
1853.
Geschichte der naturforschenden Gesellschaft zu Halle.
Beim Beginn einer neuen Reihe von Schriften, welche von Mitgliedern der naturforschen- den Gesellschaft zu Halle herausgegeben werden, scheint es um so mehr an der Zeit einen kurzen Blick auf die bisherigen Schicksale dieses wissenschaftlichen Vereins zu werfen, da die letzten derartigen Mittheilungen *), welche wir dem verdienten Chr. Lud. Nitsch verdanken, hauptsächlich auf die literarischen Leistungen der Stifter der Gesellschaft Bezug nehmen, die früheren Berichte aber bereits fast ein halbes Jahrhundert zurückliegen. Vereine unter relativ gleich befähigten und gleich berechtigten Forschern sind für die Entwickelung der Naturwissenschaf- ten eine faktisch anerkannte Nothwendigkeit. Sie sind überall und zu allen Zeiten dagewesen. Der Naturforscher, auch wenn er die Systematik als den höchsten Zweck seines Strebens an- erkennt, hat es nicht wie der Anhänger einer philosophischen Wissenschaft mit der Ordnung hlosser Verstandeskategorien zu thun. Selbst über das System hinaus hat er die Wirklich- keit als seine Lehrerin anzuerkennen. Je dringender in den empirischen Wissenschaften das Bedürfniss einer möglichst allseitigen Erkenniniss der Sinnenwelt hervortritt, desto häufiger muss dem Einzelnen der Unermesslichkeit des Untersuchungsobjektes gegenüber die Unzuläng- lichkeit seiner eigenen Kräfte zum Bewusstsein kommen und ihn für Belehrung durch gleich-
*) Zur Geschichte der naturforschenden Gesellschaft zu Halle ist zu vergleichen:
»Kurze Geschichte der Hallischen naturforschenden Gesellschaft von J. €. C. Löwe und M. Fabri“ in Ab- handlungen der Hall, Nat. Ges. Dessau und Leipz: 1781,58, SA. UIT—XX,
»Geschichte der Entstehung und neueren Einrichtung der Gesellschaft von €, C. Schmieder“ in Neun Schriften d. Nat, Ges. zu Halle. Halle 1309, 8. I, 8— 54,
Societas Naturae curiosorum Halensis solemnia sua semisaecularia celebranda indieit interprete Chr. Lud- Nitsch. Brevi societatis historiae accedit deseriplio Spiropterae strumosae tabula aeri. incisa illustrata.. Halae 1829. 4. p. HI—xı,
Der Verf. dieses Ahrisses hat grösstentheils aus handschriftlichen Mittheilungen aus dem Archive der Ge- sellschaft geschöpft.
Abh. d. Nat. Ges. zu Halle, 15 Heft, 1
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strebende Genossen zugänglich und dankbar. machen, Die Geschichte eines Vereins, der nun ununterbrochen fast 75 Jahre hindurch einem solchen Bedürfnisse nach wissenschaftlicher Mit- theilung unter Naturforschern, wenn auch in den beschränkten Verhältnissen unserer Stadt genügt haben muss, (dieses Bedürfniss ist ja das einzige Band, welches ihn zusammengehal- ten hat), sollte daher selbst für einen grösseren Kreis nicht ganz ohne Interesse sein. Die Einen können aus unsren Erfahrungen die Lehre entnehmen, ihre Ansprüche an solche Ver- eine nicht zu hoch zu spannen, um mit‘ der Wirklichkeit nicht in verderbliche Conflikte zu gerathen; Andren dürften unsre Schicksale in einem bisher vielleicht noch erfolglosen Streben zum Troste und zur Aufmunterung im Ausharren gereichen.
Die naturforschende Gesellschaft zu Halle wurde nach dem Vorbilde der Gesellschaft na- turforschender Freunde zu Berlin von dem damaligen Studirenden der Theologie, nachwali- gem Erziehungsrathe und Gutsbesitzer in Schlesien J. €. €. Löwe begründet, Unter dem Vorsitze des Geh. Kriegs-R. von Leysser konstituirte sie sich am 3ten Juli 1779 und erhielt bald darauf durch die hiesige Universität die Anzeige, dass sie durch ein Königl. Reskript vom 17/09. Septbr, 1779 allergnädigst bestätigt sei. Danach wurden die bereits unter dem 1. Juli festgestellten Statuten veröffentlicht, die im Wesentlichen noch heute, wenngleich sie in den Jahren 1809 und 1830 eine Ueberarbeitung erfuhren, das Gesetz der Gesellschaft bilden.
Der Verein behielt lange Zeit den Charakter einer Privatgesellschaf. Die Mit- glieder versammelten sich zunächst in einem durch den damaligen Kammerrath Wucherer ihnen bewilligten Lokale, später in verschiedenen andren für einen jährlichen Mieths- zins gewonnenen Räumen. Erst mit der Besetzung Halle’s durch die Franzosen trat der “öffentliche Charakter der Gesellschaft deutlicher hervor, indem die Verwaltungsbehörden sie behufs der Beantwortung naturwissenschaftlicher Fragen wiederholt in Anspruch nahmen und ihr durch. Vermittelung ihres nachmaligen langjährigen Ehrenmitgliedes, des damals als Unterpräfeet im Saaldepartement angestellten, jüngst hier verstorbenen Hrn. J. A. Wim. Franz vom Ministerium in Cassel unterm 26. Dechr. 1308 die Zusicheruug eines für ihre Zwecke passenden eigenen Lokals in einem der Universität gehörigen Gebäude erwirkten. Im Jahre 1813 erhielt die Gesellschaft sogar das amtliche Versprechen, mit ‚den durch Aufhe- bung der Universität herrenlos gewordenen naturhistorischen Sammlungen und der Bibliothek bedacht zu werden, als die eintretende glückliche - Wendung der Dinge das Fortbestehen der Universität sicherte.
Nach mancherlei Verzögerungen erhielt die Gesellschaft in der That im Juli 1809 einige zimmerarlige Räume im vordern Flügel des sogenannten Residenzgebäudes überwiesen, die für ihre Zwecke brauchbar und wohnlich einzurichten sie vergeblich wiederholt bestrebt war- Ihr Lokal blieb so düster und unwirthlich, dass es das Zusammensein der Mitglieder. wesentlich
beeinträchtigte und im Jahre 1825 sogar den Entschluss hervorrief, wiederum ein Miethslokal
in der Stadt zu den Versammlungen zu acquiriren. Schon ım Jahre darauf trat der sächsisch- !hüringische Alterthums- Verein durch Vermittelung des damaligen Berghaupimanns Hr. von Veltheim, eines langjährigen, sehr verdienten und eifrigen Mitgliedes der naturfor- schenden Gesellschaft, eine unbenutzte Lokalität im hinteren Flügel des Residenzgebäudes an unsre Gesellschaft auf so lange ab, bis durch die Königl. Universitätsbehörden ausreichender für ihre Bedürfnisse gesorgt sein würde. Dies geschah endlich im Jahre 1841. Nach einem in dem genannten Gebäude bewirkten Neubau erhielt die naturforschende Gesellschaft in des- sen westlichem Flügel zwei nach der Saale gelegene, helle und geräumige Zimmer zum aus- schliesslichen Gebrauche angewiesen, in welchen sie ihre Bibliothek aufgestellt und ihre Ver- sammlungen seitdem gehalten hat.
Es steht zu erwarten, dass die überwiesenen Räumlichkeiten, deren zweckmässige Einrich- tung die Gesellschaft sich stets angelegen sein lässt, ihren Bedürfnissen auf lange hinaus um so mehr genügen werden, da von allen früheren Sammlungen nur die Bibliothek übrig geblieben ist, die noch gegenwärtig vermehrt wird. Den Gedanken, noch andre naturwissenschaftliche Gegenstände zu einem eigenen Museum zu vereinigen, hat die naturforschende Gesellschaft schon seit vielen Jahren als unpraktisch aufgegeben. Was früher zum Theil Werthvolles zusammen- gebracht war, ist bei den verschiedenen Umzügen verloren gegangen, oder im Laufe der Zeit verdorben, Die Reste einer mineralogischen Sammlung und eines Herbariums wurden im In- teresse der Vereinskasse im Jahre 1935 an Mitglieder verkauft. Spätere Sendungen von aus- wärligen Freunden der G. sind an die entsprechenden Sammlungen der Universität, einige pappnen Modelle endlich im Jahre 1841 an die hiesige polytechnische Gesellschaft abgegeben. Durch systematische Ordnung und Katalogisirung der längere Zeit in Kisten verpackten Biblio- thek und durch Bezettelung und Aufstellung der Bücher haben sich zwei frühere Mitglieder unserer Gesellschaft, Herr Buchhändler Ed. Anton und der verstorbene Dr. Anton Sprengel ein grosses Verdienst erworben, welches hier dankbar anerkannt werden soll.
Die formellen Einrichtungen der Gesellschaft sind seit dem Jahre 1816 nicht verändert worden. Nach dem Tode ihres zweiten Vorstehers, des Dr. Zepernick, wurden alljährlich vier Direktoren, für allgemeine Naturwissenschaft, für Mineralogie, für Zoologie und für Botanik gewählt, welche in vierteljährlichem Wechsel den Vorsitz in den Versammlungen führen und die besondre Verpflichtung haben, für Stoff zu wissenschaftlichen Diskussionen zu sorgen, In den letzten fünf und zwanzig Jahren haben unter den bereits verstorbenen Mitgliedern K. H, Dzondi, R. F. Marchand,, Ch. L. Nitzsch, Alb. W. Perlberg, Fr. W. Schweigger - Seidel und von Veltheim vorzugsweise Eifer und Geschick für Förderung der wissenschaftlichen Gesell- schafts-Zwecke gezeigt, Unter den noch Lebenden wurden die Hrn, E. d’Alton, H. Burmeister, E. Fr. Germar, L. F. Kämtz (jetzt in Dorpat), €. Hankel (jetzt in Leipzig), H. Martins u. Dir.
Fr, Inh. von Schlechtendal. durch die häufigste Wiederwahl zu dem mühevollen Amte eines 1%*
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Direktors von den Mitgliedern geehrt und anerkannt. Die Hrn. H. Burmeister, W.H. Heintz, D. F. L. von Schlechtendal und Graf Seckendorff haben in diesem Jahre den Vorsitz und in dieser Eigenschaft übereinstimmend den von der Gesellschaft genehmigten Entschluss ge- fasst, den wissenschaftlichen Geist, welcher die Mitglieder in ihren Sitzungen und ihrem gewissermassen häuslichen Verkehr beseelt, durch Herausgabe einer neuen Reihe von Gesell- schaftsschriften auch nach aussen kennbar hervortreten zu lassen.
Die eigentliche Geschäftsverwaltung der Gesellschaft liegt in den Händen des Rendanten und Schriftführers. Nachdem bei der ersten Herausgabe von Gesellschaftschriften durch ein- getretene Zahlungsunfähigkeit der Buchhandlung nicht unbeträchtliche Einbussen entstanden waren und in späterer Zeit das aus den Beiträgen fliessende Kapital für bauliche Einrichtun- gen im Lokale, und für Sammlungen, Bibliothek und die zweite Reihe der Schriften sofort wieder verausgabt war, erzielte Hr. Ed, Anton durch Pünktlichkeit und Sorgfalt in der Ver- waltung des Gesellschaftsvermögens zuerst wieder das lang entbehrte glückliche Resultat, sei- nem Nachfolger im Amte, Herrn E. d’Alton, im Jahre 1339 ein schon nicht mehr unbeträcht- liches Kapital als Ueberschuss und baaren Bestand überantworten zu können. Der Letztere brachte es durch weise Sparsamkeit dahin, dass die Gesellschaft, ohne irgend einer anderwei- tigen Beihülfe sich zu erfreuen, lediglich aus den Beiträgen ihrer einheimischen Mitglieder ein Vermögen gesammelt hat, welches sie hinreichend in den Stand setzt, wissenschaftliche Bestre- bungen ihrer Mitglieder wirksam zu unterstützen.
Das Amt des Schriftführers war vom Jahre 1809 bis 1835 von dem nachmals verstor- benen Inspektor Bullmann ge ihrt worden... Sein Nachfolger Schweigger-Seidel musste es zu- nehmender Kränklichkeit wegen sehr bald wieder abgeben. Im Jahre 1537 ging es auf An- ton Sprengel über, dem die Gesellschaft unter Anderen die Ordnung ihres Archivs, ihrer Cor- respondenz und ihrer Bibliothek verdankt. Er legte es bei seiner Abreise nach Schleswig- Holstein im Herbst 1850 in die Hände des. vorsitzenden Direktors Hrn. Ed. d’Alton. _ Seit
dem Anfange dieses Jahres hat Unterzeichneter die Funktionen des Schriftführers überkommen.
Die naturforschende Gesellschaft zu Halle ist aus dem Streben hervorgegangen, durch ge- genseitige Belehrung die eigene naturwissenschaftliche Bildung zu fördern. Dieses Streben hat die Gesellschaft zusammengehalten, als sie nur noch aus drei Mitgliedern (von Leysser, Schaller und Zepernick) bestand; es hat die Mitglieder zusammengeführt, als die ungünstigsten Aussenverhältnisse, das Eindringen fremder Eroberer oder die bösartigsten Typhus- und Cho- leraepidemien die Stadt in Bestürzung und Trauer versetzten; es hatte aber auch den $. 1. des ursprünglichen Plans: „Die Zahl der ordentlichen Mitglieder der Gesellschaft hier in Halle
darf nicht zu stark sein, weil sonst die Verfehlung ihres Zwecks zu besorgen wäre“! diktirt, den die Gesellschaft noch heute als leitenden Grundsatz anerkennt.
Die Versammlungen der Mitglieder wiederholten sich früher allwöchentlich.‘ Sie wurden in den frühen Nachmittagsstunden gehalten und bestanden geraume Zeit hindurch in einer zwanglosen Unterhaltung über naturwissenschaftliche Gegenstände bei einer Tasse Kaffee und einer Pfeife Taback. Erst Chr. L. Nitsch, obgleich selbst Liebhaber vom Taback, nahm an dieser Gewohnheit Anstoss und fand sie unzulässig für Einführung auswärtiger Mit- glieder und fremder Naturforscher. Durch seinen Einfluss gewannen die Sitzungen eine ge- haltenere Form, die sie seitdem, trotz der dagegen erhobenen Anklage des Pedantismus und der Ungemüthlichkeit, unverändert beibehalten haben.
Die Theilnahme zahlreicher Universitätslehrer an der naturforschenden Gesellschaft brachte es mit sich, dass unerwartete Behinderungen derselben durch Vorlesungen, Senats- oder Fa- kultätssitzungen nicht nur auf die Frequenz der Versammlungen, sondern auch auf ihre wis- senschaftliche Thätigkeit störend einwirkten. Diesen Uebelstand glaubte man im Herbst 1844 durch Verminderung der Zahl der Versammlungen, die sich fortan nur in monatlichen Zwi- schenräumen folgen sollten, wirksam beseitigen zu können. Diese Massregel hat aber nur dazu geführt das Interesse der Mitglieder an den Sitzungen zu lähmen. Die Zwischenräume der Zusammenkünfte sind deshalb gegenwärtig wieder um die Hälfte verkürzt,
Kein Zweig der gesammten Naturwissenschaften ist unter den Mitgliedern der Gesellschaft ohne Vertretung, keine wichtigere Erscheinung auf diesem Gebiete in den Versammlungen un- besprochen geblieben. Die mindestens in den letzten funfzig Jahren grösstentheils mit Pünkt- lichkeit und Sorgfalt geführten Protokolle der Sitzungen liefern die vollgültigsten Beweise da- für. Hier mag es genügen die Männer anzuführen, um sie den von Chr. L, Nitsch erwähn- ten Mitgliedern anzureihen, welche in den letzten fünf und zwanzig Jahren ausführlichere Ar- beiten in der Gesellschaft mitgetheilt haben. Zur Geschichte der Naturwissenschaften gehörige Gegenstände sind erörtert von d. H. HJ. K. Bullmann (Y), Ch. Keferstein, J. S. C. Schweig- ger; Mittheilungen aus dem Gebiete der Physik, Meteorologie, Chemie u.s.w. haben gemacht: d. H,H. Bariels (+), Fr. K. Dunker, C. Hankel (jetzt in Leipzig), W. H. Heintz, C. F. Kaemtz (jetzt in Dorpat), R. F. Marchand (7), H. Martins, J. Rosenbaum, J. S. €. Schweigger, Fr..W. Schweigger - Seidel (4), €. Steinberg (X), W. Weber (jetzt in Göttingen); auf. Mineralogie, Geologie, Oryktognosie u.s. w. bezügliche Arbeiten wurden von den H.H. Ed. d’Alton, H. Bur- meister, F. K. Dunker, E. F. Germar, Chr. Keferstein, IH. Martins, Chr. L. Nitsch, Alb. W. Perl= berg (7), von Veltheim (F), J. Nic. Weber in der Gesellschaft mitgetheilt ; die Botanik ward in Vorträgen von den H.H. Ed. Anton, Frz. F. Kützing, G. F. Wach, D. Frz. L. von Schlechien- dal und Ant. Sprengel vertreten ; zoologische Themata haben die H. H. Ed. d’Alton, Ed. Anton, H. Burmeister, Chr. Ad. Buhle und Chr. L. Nitsch (+) behandelt; eine Lösung anatomischer, physiologischer und anthropologischer Fragen haben die H. H. Ed, d’Alton, Fel. von Baeren- sprung, B. H. Dzondi (+), J. Ag. Heller, Heinr. Meckel von Hemsbach (jetzt in Berlin), J. Ro-
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senbaum, A. G. Volkmann und J. N. Weber gegeben, denen der Unterzeichnete sich anzuschlies- sen bemüht gewesen ist.
Die eigenen Arbeiten der Mitglieder sind in den Sitzungen ausnahmsweise ausführlich, gewöhnlich nur ihrem wesentlichen Inhalte nach mitgetheilt. Diess und der Umstand, dass mehrere ganz besonders thätige Mitglieder unserer Gesellschaft als Herausgeber oder Mitarbei- ter bei naturwissenschaftlichen Zeitschriften näher betheiligt waren, während die Protokollaus- züge besonders in den letzten Jahren, wo sie in sehr verschiedenen Zeitschriften erschienen sind, ein sehr unvollständiges Bild von dem wissenschaftlichen Leben unserer Gesellschaft ga- ben, hatte veranlasst, dass die naturforschende Gesellschaft in Halle innerlich zu zerfallen, nach aussen in gänzliche Vergessenheit zu gerathen in Gefahr kam. Glücklicher Weise gehö- ren ihr aber noch so bedeutende wissenschaftliche Persönlichkeiten an, dass es nur eines Ent- schlusses bedurfte, die Gesellschaft nicht sinken zu lassen, um auch sofort Mittel in Bereit- schaft zu haben, die, so hoflen wir, geeignet sein werden, ihr einen ehrenvollen Platz unter ihren. Schwestern zu sichern.
Nicht egoistische Motive allein haben indess den Entschluss zum Beginn einer dritten Reihe von Schriften hervorgerufen. Es ist vielmehr die erklärte Absicht, ein Kapital, welches aus Beiträgen zu wissenschaftlichen Zwecken entstand, im Interesse der Naturwissenschaften zu nutzen. Die Gesellschaft wendet sich deshalb nicht blos an ihre wirklichen, auswärtigen oder einheimischen Mitglieder mit der Bitte, ihr für die Schriften*) geeignete Arbeiten einzu-
senden, sie fordert noch besonders jüngere Naturforscher, die nicht Mitglieder der Gesellschaft
sind und denen es vielleicht an einer Gelegenheit zur Drucklegung ihrer sonst werthvollen Un- tersuchungen fehlt, hiermit auf, für die Schriften geeignete Aufsätze zur Prüfung und event. zur Veröffentlichung ihr. anzuvertraun. Die den Zwecken der Gesellschaft nicht entsprechen- den Arbeiten sollen den Verfassern pünktlich zurückgestellt werden.
*) Die Schriften der Gesellschaft erscheinen in Quartalheften wie das gegenwärtige im Verlage der Buch- handlung von H. W. Schmidt zu Halle, dessen vielseitiger Verkehr mit Naturforschern aller Länder Europas bekannt ist. Jede Abhandlung kommt auch vereinzelt in den Buchhandel. Die naturforschende Gesellschaft selbst wird 25 Exemplare von jedem Hefte an befreundete Gesellschaften abgeben. Der Autor erhält 20 Ab- drücke seines Aufsatzes mit den erforderlichen Abbildungen gratis. Auf vier Bogen Text wird eine Tafel in gr. 4. gerechnet. Zu einer Ueberschreitung dieses Verhältnisses behält sich die Gesellschaft ihre Genehmigung vor. Jedes der folgenden Quartalhefte wird zugleich eine Uebersicht der in den Sitzungen verhandelten Gegen- stände bringen, die ausserdem sofort in der Hallischen Zeitung (im Schwetschkeschen Verlage) abgedruckt erscheint,
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ers
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u.
Verzeichniss der noch lebenden Mitglieder der naturforschenden Gesellschaft zu Halle,
E. Einheimische ordentliche Mitglieder.
Ed. d@’Alton, M. Dr. u. Prof. d. Anatomie,
C. J. Andrae, Ph. Dr. u. Privatdozent.
J. @. F. von Baerensprung, M.Dr. u. Privatdozent.
L. G. Blanc, Ph. Dr. u. Professor.
E. Blasius, M. Dr. u. Professor der Chirurgie.
@. Brassert, Berghauptmann.
A. Buhle, Ph. Dr. u. Privatdozent.
IH. Burmeister, Ph. u. Med. Dr. Zoologie.
H. Damerow, M. Dr., zial- Irrenanstalt.
J. E. Erdmann, Ph. Dr. u. Professor der Philosophie. Fr. @ermar , P. u. Med. Dr.,:O.B.R. und Pro- fessor der Mineralogie.
G. Gräfe, M. Dr. u. prakt. Arzt.
W, H. Heintz, Ph. Dr. u. Professor der Chemie.
u. Professor der
G.M..R. u. Direktor der Provin-
28, Auswärtige
Der Wirkl. Geheime Rath Bexih zu Berlin.
4. Hohl, M.Dr. u; Prof. der Geburtshülfe.
L. Krahmer, M. Dr. u. Prof. der Heilmittellehre.
P. Krukenberg, M.Dr., G.M.R. u. Professor der Pathologie u. Therapie.
A. Mann, M. Dr. u. prakt. Arzt.
H. Martins, Berghauptmann a. D.
K. Fr. W. Meissner, Ph. Dr. u. Stadtrath a. D.
@. Müller, Oberbergrath.
J. Rosenbaum, M. Dr. u. prakt. Arzt.
D. F. L. von Schlechiendal, Ph. Dr. u. Professor der Botanik.
J. S. C. Schweigger , Ph. Dr. u. Professor der Physik.
€. A. @. Graf von Seckendorff, Oberbergrath a. D.
4. V. Volkmann, M. Dr. u. Professor der Physio- logie.
J. N. Weber, M. Dr. u. prakt, Arzt.
Eihrenmitgzlieder.
Der Staatsminister a. D. Eichhorn zu Berlin.
Der Geh. R. R. Graf Henkel von Donnersmark zu Merseburg.
Der K. Kammerherr Freiherr A. von Humboldt zu Berlin.
Der Staatsminister a. D. u. Präsident der Oberrechenkammer von ee zu Potsdam.
Der Prinz Maximilian von Neuwied,
Der Staatsminister a. D. Graf von Schwerin - Putzar.
Zul,
Ackermann, Dr. u. Gr. Bad. Reg. R. zu Ettlingen. L. Agassiz, Dr. u. Prof. zu Neufchatel.
Ahrens, Dr. u. Prof. Math. zu Soest.
v. Ammon, Dr. u. Geh. M. R. zu Dresden.
Ag. Andreae, Dr. u. Reg. M, R. zu Magdeburg. Fre. Arago zu Paris.
Joh. Erh. Arschoug, M. Dr. zu Gothenburg.
K. E. von Bär, Akademiker zu St. Petersburg. Th. Fr. Balız, Dr. u. Reg. Arzt zu Berlin.
Bauer, Dr. u. Prof. zu Cassel. Andr. Baumgärtner, K. K. Reg. R. zu Wien. Elie de Beaumont, Prof. zu. Paris. Bergemann, Dr. u. Prof. zu Bonn.
Auswärtige ordentliche und correspondirende Mitglieder.
J. H. Bernheim, ‚Dr. u. Lehrer zu Kaiserslautern.
Berthold, Dr. u. Prof, der Phys. zu Göttingen.
Anton Bertoloni, Prof. d. Botan. zu Bolognai
Graf Ignaz Bevilacqua -Lazise zu Verona.
Bartol Biasoletto, Dr. u. Apotheker zu. Triest.
Frär. Bidder, Dr. u. Prof. zu Dorpat.
J. Bierbaum, Dr. u. Arzt zu Dorsten.
Jean Bapt. Biol, Membre de !’Inst. zu Paris.
C. @. Bischoff, Dr. u. Prof, zu Bonn.
Th. Bischoff, Dr. u. Prof, zu Giessen.
Ign. Rud. Bischoff Edler von Altenstern, Dr., u.K.K.Reg. R. zu Wien.
Bley, Dr. wM.R. zu Bernburg.
Prof.
C. L. Blume, Dr. u. Prof. der Botan. zu Leyden.
von Boddien, K. Han. Reg. R. zu Aurich.
Rud. Bötiger, Prof. der Chemie u. Physik zu Frank- furt a.M&
C. Luc. Bonaparte, Kais. Hoh. zu Paris.
Ami Boue zu Paris.
Bernhard Brach, Dr. u. Privatdozent zu Bonn,
J. F. Brandt, Akademiker zu St. Petersburg.
Braumüller, Baudirector zu Brünn.
von Braun, Präsident zu Bernburg.
Fr. Wilh. Braune, Amtsrath zu Löberitz.
Horst Bretschneider, M.Dr. zu Gotha.
Bravais, Prof. der Astron. zu Lyon.
Franz Brefeld, M. Dr.u.M.R. zu Breslau.
Brenner Ritter von Felsach, M. Dr. zu Ischl.
Broeckx, M. Dr. zu Antwerpen.
Alex. Brogniart, Prof. Mineral. zu Paris.
Adolph Brogniart, Prof. Botan. zu Paris.
Robert Brown zu London.
Leopold von Buch, K. Kammerherr zu Berlin.
W. Buckland zu Oxford.
R. Cantzler, Dr. u. Conrect. zu Greifswald.
G. Carus, Med. Dr, u. Geh. Hofrath zu Dresden.
Vinc. von Cesati zu Mailand.
Catullo, Prof. zu Verona.
de Caumont, Prof. zu Caen.
L. Choulant, Dr. M. u. Prof. zu Dresden.
P. Cleaveland, Prof. zu Penobscot. N. A.
P. Confligliacchi, Prof. zu Pavia.
Constantini, Hofapotheker zu Fulda.
Louis Coulon zu Neufchatel.
Geo. Heinr. Crusius, M. Dr. zu Helmstädt.
Flor. Cunier, M. Dr. zu Brüssel.
Jos. Jul. Czermack, Dr. u.Prof. zu Wien.
v.'Dalwitz, K. Russ. Oberst - Lieut.
Ch. von Daremberg, M. Dr. zu Paris.
Ch. Deshayes, Prof. zu Paris.
K. M. Diesing, M. Dr. zu Wien.
Dreverhoff, Hauptm. zu Zittau.
Dreyssig, Prof. zu Kasan.
Ad. Duflos, Dr. u. Prof. zu Breslau.
Const. Dumeril, Prof. zu Paris.
W. Dunker, Dr. Phil. zu Cassel.
P. N. C. Egen, Prof. Math. et Phys. zu Soest.
€. @. Ehrenberg, Dr. u. Prof. zu Berlin.
Karl Ehrenberg zu Mineral de Monte (Mexico).
E. von Eichwald, K. R. Staatsrath zu Wilna.
Tob. Phil. Ekart, Dr. u. Hofgärtner zu Koburg.
. L. Aug. Emmerling, Hof- u. Kammerrath zu Giessen.
Joh. Fr. Erdmann, Dr., Prof. u. Staatsrath zu Dorpat. -
Otto Linne Erdmann, Dr. u. Prof. derChemie zu Leipzig.
Erlenmeyer, Dr. u. Direktor einer Irrenanstalt zu Bendorf bei Coblenz.
W. €. von Eschwege, ehemaliger Generaldirektor der Bergwerke in Brasilien.
Andr. von Eitinghausen, Dr. u.Prof. der Phys. zu Wien.
J. Faraday zu London.
Baron de Ferussac zu Paris.
A. L. A. Fee, Prof. Bot. zu Strasburg.
Frz. Ignaz Fiber, K.K. Appellationsbeamter zu Prag,
Gotthelf von Fischer, Dr., Prof. u. Staatsrath zu Moskau.
L. L. Fitzinger zu Wien.
Baron von Fölkersahm auf Papenhof in Kurland.
G. Fresenius, M. Dr. u. Prof. der Bot. zu Frankfurt a.M.
El. Fries, Dr. u. Prof. zu Lund.
€. Fuchs, M. Dr., Hofrath u. Prof. zu Göttingen.
E. Fr. Glocker, Dr. u. Prof. zu Breslau.
Const. Gloger, Dr. u. Prof. zu Breslau.
L. Gmelin, Dr. u. Prof. emerit. zu Heidelberg.
Gust. von Gaal, M. Dr. zu Wien.
Hugo Gerold, M. Dr. zu Aken.
Santo Garovaglio, Dr.u. Prof. zu Pavia.
Aug. Bozzi Gramille, M. Dr. F.R.S. zu London.
Just. Günth. Grassmann, Prof. zu Stettin.
J. C. L. Gravenhorst , Dr. u. Prof. Zool. zu Breslau.
Wilh. Gregory, M. Dr. u. Prof. Chem. zu Edinburgh.
Grunert, Phil. Dr. u. Prof. Math. zu Greifswald.
Wenzel Gruber, M.Dr. u. Prosektor zu St, Petersburg.
Heinr. Häser, M. Dr. u. Prof. zu Greifswald.
W. Haidinger, K. K, Bergrath zu Wien.
C. Hankel, Ph. Dr. u. Prof. der Phys. zu Leipzig.
Chr. Hansteen, Prof. der Phys. zu Christiania.
@G. Chr. Harless, Geh. M. R. u. Prof: zu Bonn.
Th. Hartig, Dr. u. Forstrath zu Braunschweig.
Franz Ritter von Hauer, K.K. Bergrath zu Wien.
Frz. Hauser, Prof. der Chir. zu Olmütz.
Hehl, Dr. u. Bergrath zu Stuttgart.
K. J. Heidler, M. Dr. u.K.K. Rath zu Marienbad.
Maxim. Heine, M.Dr. u. K.R. Stabsarzt zu St, Pe- tersburg.
Joh. Flor. Heller, Dr. der Chemie zu Wien.
Hendriksz, Dr. u. Prof. Med. zu Groeningen.
Fr. G. Jak. Henle, M. Dr., Hofrath u. Prof. der Ana- tomie zu Göttingen,
Aug. Henschel, Dr. u. Prof. Med. zu Breslau.
Frz, Herbich, M. Dr. u. Regimentsarzt zu Lemberg.
E. Herberger,, Dr. u. Akademiker zu Kaiserslautern.
Hessel, Dr. u. Prof. Minerl. zu Marburg.
Ferd. Hessler, Prof. Phys. zu Prag.
Heusinger , Dr. u. Prof. Physiolg. zu Marburg.
Lud, Ritter von Heusler zu Insbruck.
Isid, Geoffr. St. Hilaire zu Paris.
van der Hoeven, Prof. zu Leyden.
Phil. Ritter von Holger, M. Dr. zu Wien.
Horaczek, M. Dr. zu Wien.
W. Horn, M.Dr.u. 6. 0.M.R. zu Berlin.
Hornung, Apotheker zu Aschersleben.
Arved David Hummel zu St. Petersburg.
Huschke, M. Dr., Geh. Hofr. u. Prof. der Anatomie zu Jena.
Hyril, M. Dr..u. Prof. der Anatomie: zu Wien.
Frz. Junghuhn auf Java.
K. Jos. Jurende zu Brünn.
L. Fr. Kämtz, Dr. u. Prof. der Phys. zu Dorpat.
v. Kalinovski, Dr. u. Direktor des landwirth. Inst. zu Moskau.
€, W. Kastner, Dr. u. Prof. zu Erlangen.
Kaup, Med. Dr. zu Darmstadt.
G. D. Kieser, Dr., Prof. u. G.M.R. zu Jena.
Kikx, Dr. u. Prof. zu Brüssel.
Fr. Klug, Dr. u. G.0.M. R. zu Berlin.
Jos. Joh. Knolz, M.Dr., Rg. R. u. Prof. zu Wien.
Alb. Koch aus Roitsch, Ph. Dr. in Amerika.
Koch, M. Dr. zu Wien.
Vinc, Kollar, Gustos des K.K. Museums zu Wien.
Kapp, Prof. der Physik zu Giessen.
Emil Kratzmann, M. Dr. zu Marienbad.
Krause, M.Dr., Prof. u. M.R. zu Braunschweig.
Joh. Bapt. Kraus, K. K. Hofbuchhalt. Official zu Wien.
dv. Kummer, Direktor der Saline zu Dürnberge. Zähr, M.Dr. zu Berlin.
J. ©. Lauer in Brünn.
Karl Leuchs, Kaufmann in Nürnberg.
Heinr. Lichtenstein, Dr., Prof. u. 6.M.R. in Berlin. Freiherr Just. v. Liebig, Dr. u. Prof. zu München, E. Litire in Paris.
J. H. Chr. Lippold, Prediger zu Horstdorf in Cöthen. M. J. Ritter v. Lobarzewski in Lemberg.
Löw, Dr. u. Prof. zu Posen.
Macartney, Prof. ia Dublin.
Marklin, Dr. u. Custos d. akad. Mus. in Upsala. Martins, Prof. in Paris,
Abh. d. Nat. Ges. zu Halle, ]r Band,
—
Mayer, Dr. u. Prof. Anat. in Bonn. J. H. Meckel von Hemsbach, M. Dr., Prosekt. an der Charit& u. Privatdocent zu Berlin.
Jos. Meneghini, M. Dr. in Padua.
Mencke, M. Dr., G. Hofrath zu Pyrmont.
J. de Meyer, Dr. u. Prof. in Brügge.
Fr. Ant. Wilh. Miquel, M. Dr. in Rotterdam.
Eul. Mitscherlich, Dr., Prof. u. G.M.R. in Berlin. Joh. Pet. Jos. Monheim zu Aachen.
Montain, M. Dr. u. Praes. d. Ackerbaug. zu Lyon. Ch. Morren, Dr. u. Prof. zu Lüttich.
Alb. Mousson, Prof. d. Phys. zu Zürich.
Joh. Müller, Dr., Prof. u. 6. M.R. zu Berlin. Müller, Dr. u.M.R. zu Emmerich.
E. Mulsant, Stadt-Bibliothekar zu Lyon.
Georg, Graf zu Münster in Bayern.
Muncke, Dr., Prof. u..G.M.R. zu. Heidelberg. Herm. v. Nathusius auf Hundisbaurg.
Joh. Fr. Naumann, Prof. zu Ziebigk in Cöthen.
K. Fr. Naumann, Prof. zu Freiberg.
Chr. Gotifr. Nees von Esenbeck zu Breslau.
Sv. Nilson, Dr. u. Direktor d. zool. Mus. zu Stockholm. Jak. Nöggerath, Dr., Prof. u. Ob. B. R. zu Bonn.
J. de Notaris, M. Dr. zu Turin.
Martin Ohm, Dr. u. Prof. d. Math. in Berlin.
J. K. Fr. Ollenroth, M. Dr. u. R. M.R. in Bromberg.
Anton Palliardi, M. Dr. u.M.R. in Franzensbad.
Etienne Pariset, M. Dr. Secret. perp. d. Y’Acad.: d. M. zu Paris.
Pasquier, M. Dr. zu Lüttich.
L. Pfeiffer, M. Dr. in Cassel.
R. A. Philippi, Ph. Dr. in Chili.
Adolph Pleischl, Dr. u. Prof. d. Chem. zu Wien. Placido Portal, M. Dr. u. Prof. d. Chir. zu Palermo. L. Rabenhorst in Dresden.
H. Rathke, M. Dr. u. Prof. in Königsberg.
P. Fr. Oliv. Rayer, M. Dr. u. Prof. zu Paris.
Karl Reichenbach, Dr. zu Blansko in Mähren.
Lud. Reichenbach, M.Dr., Prof. u. Hofrath zu Dresden. C. B. Reichert, M. Dr. u. Prof. d. Anat. zu Dorpat. Fr, Jul. Reil, ©. B.R. in Schlesien.
@. C. Reinwardt, M. Dr. u. Prof. d. Botan. in Leyden. Remer, Prof. zu Padua.
Aug. Emil. Reuss, Dr. Med. in Bilin.
Richter, M. Dr. u. R. A. zu Düsseldorf.
Riecke, M. Dr. u. Leibarzt zu Brüssel.
del Rio, Prof. in Mexico.
2
Po EEE
Joh. Röper, M.Dr.fu. Prof. der Botan.-zu Rostock.
Elard Romershausen, Dr. zu Wetzlar.
Gust. Rose, Dr. u. Prof. zu Berlin.
Heinr. Rose, Dr. u. Prof. zu Berlin.
Franz Edler von Rosenhorn auf Wolfsberg bei Kla- genfurt.
Ruhlandt, Prof. in München.
Joh. Bapt. Rupprecht, Dr. phil. in Wien.
Sause, Lehrer am Gymnas. zu Guben.
Savi jun., M. Dr. u. Vorsteher d. naturhist, Museums zu Padua.
H. Schaum, M. Dr. u. Privatdozent zu Berlin.
Ad. Schlagintweit, De. d. Chemie in München.
Herm. Schlagintweit, Ph. Dr. in München.
H. Schlegel, Dr, u. Gonservator des zool. Museums in Leyden.
Fr. Schlemm, M. Dr., Prof. u. G.M.R. in Berlin.
Fr. J. Schmidt, Kaufm. u. Entomolog in Laibach.
Pet. Schmidt, Forstinspekt. in Königsberg.
Schneider, Direktor der naturf. Gesellsch, zu Görlitz.
Schneider, M. Dr. u. Stadphysik. zu Ettlingen.
Scholz, Prof. in Wien.
v,-Schreibers, Ritter, k. k. Rath in Wien.
Schrön, Dr. u. Observator in Jena.
Anton Schrötter, Prof. Phys. in Gratz.
K. H. Schulz, M. Dr. u. Prof. zu Berlin.
Ad. Seidl, Forstmeister in Tetschen.
N. 0. Seringe, Prof. d. Botan. zu Lyon.
K. L. Sigmund, M. Dr. zu Wien.
Benj. Silliman, Dr. u. Prof. zu. New - Haven.
Speck Freiherr v. Sternburg auf Lütschena.
v. Specz, Dr. u. Prof. in Wien.
Fr. W. Spehr, Dr. u..Prof. Mathem. zu Braunschweig,
M. C. Sommer, Kaufmann in Altona.
H. Stannius, Dr. u. Prof. zu Rostock.
E. Jul. Stöhrig, Dr. u. Prof. in. Berlin.
C. J. Temminck in Amsterdam.
@. P. F. Thon, Justizrath zu Ilmenau.
Fr. Tiedemann, M. Dr., Prof. emerit. u. 6. Hofr. zu Heidelberg. Lud. Chr. Treviranüus, M.Dr:u. Prof. der Botan. zu Bonn.
Graf Victor Trevisan in’ Padua.
Frivaldsky, Dr. u. Cust.d. Nat.-Mus. zu Pesth.
Fr. Unger, Dr. M. u. Professor der Botan. zu Wien.
Valenciennes zu Paris.
Vogel, Prof. in München.
A. Vogel jun., Prof. in München.
Rud. Wagner, M. Dr, u. Prof. d. Physiol. in Göttingen.
Wagner, Prof. zu Philadelphia.
Wahrendorf, ©. B. R. in Hirschberg.
Jos. Waltl, Prof. in Passau.
Jos. Edler v. Wattmann, M.Dr., k. k. Rath u. Prof. in Wien. i
Ed. Weber, M.Dr., Prosektor u. Prof. in Leipzig.
Ernst Heinrich Weber, M. Dr. u. Prof. der Anat. iu. Physiolg. in Leipzig.
Wilhelm Weber, Dr. u. Prof. der Physik in Göttingen.
Chr. Sum. Weiss; Dr., Prof. der Mineral. u, Geheim. Rath in Berlin.
W. Rud. Weitenweber, M. Dr. in Prag.
Weller, M. Dr. u. prakt. Arzt in Dresden.
Werber, M. Dr. u. Prof. in Freiburg.
Gust. Wetzlar, M. Dr. in Hanau.
K. Wiebel, Prof. in Hamburg.
Fr. Will, Dr. M. u. Prof: der Chemie zu Erlangen,
James Wilson in Edinburgh.
Wirer von Redienbach, M. Dr. u. k.k. Hofrath in Wien.
Witicke, Dr. M. u. Reg. M.R. in Erfurt.
Wolski, Dr. M., Staatsrath u. Leibarzt.
Wutzer, M. Dr., 6. M.R. u. Prof. der Chirurgie zu Bonn.
Alex. Zawadzki, Dr. u. Prof. in Lemberg.
v. Zimmermann, M. Dr. u. k. k. Reg. Arzt in Wien.
K. Zinken, Bergrath zu Mägdesprung bei Ballenstedt.
Frz. Xav. Zippe, M, Dr., Prof. u. Custos am Museum zu Prag.
Versehen in diesem- Verzeichniss bitte ich gütigst zu 'entschu:digen.. Für mir zugehende Berichtigungen werde ich dem Uebersender dankbar verpflichtet sein. —
L. Krahmer, ‘d. Zeit Schriftführer der H.N. G.
d & 1
Rn D..05 ua «
Beiträge zur Naturgeschichte des Seriema,
von
MH. Burmeister.
(Hierzu Taf, 1—II.)
$. 1.
Wenn man die mannichfache, nirgends vollständig unterbroehene Gebirgskette Brasiliens überschritten hat, ‚welche östlich neben der Stadt St, Paulo die Meeresküste berührt und von da nordwärts über Bahia hinaus bis in die Gegend von Pernambuco, in einem Ab- stande von 40—60 g. Meilen von der Küste, sich erstreckt, so trifft man jenseits derselben nach Westen ‚auf. ein weites hügelreiches Gebiet, das stellenweis von mässigen Gebirgszügen unter-
brochen, im Ganzen den Charakter licht bewaldeter, z. Th. ganz baumloser Heiden oder Trif-
ten trägt und ‚von den, Brasilianern, im Gegensatz gegen den dicht bewaldeten Küstenstrich
östlich von der bezeichneten Gebirgskette, der Jerra do mato, mit dem Namen der terra dos campos belegt wird. Dieses weite Gefilde ist zwar nicht waldlos, aber die Waldungen sind der offenen Triftenbildung untergeordnet; sie ziehen sich in den Thälern zu beiden Seiten der Flüsse, Bäche und Niederungen fort, und werden je mehr nach Norden um so luftiger und schwächer. Ein Theil derselben sind die merkwürdigen Catingas, welche sich durch voll- ständigen. Blattfall während der trocknen Jahreszeit vor den. stets grünenden Urwäldern (malo virgem) auszeichnen. —
Auf diesem Gebiet der Campos, uns zwar nur da, wo es offen, frei und waldlos, wenn auch nicht völlig baumlos ist, erscheint überall in seiner ganzen Ausdehnung ein Vogel, der von jeher die Aufmerksamkeit der Reisenden und Naturforscher, wie der einheimischen Ansied-
ler in gleichem Grade gefesselt hat. Zwar sieht man den Seriema, denn ‚so heisst er in 9*
1
= u. _
Brasilien, obgleich er die Grösse eines Storchs besitzt; höchst selten, aber man hört seine weitschallende Stimme, während man durch die Campos reitet und oft so ganz in der Nähe, dass man glauben sollte, das Thier müsste nur auf zehn Schritt vom Reiter sich befinden. Der Ton ist eigenthümlich, er besteht aus kurzen, pfeifend oder kreischend ausgestossenen, schnell mit geringen Modificationen wiederholten Lauten, die man theils mit dem Kläffen junger eingesperrter Hunde, theils mit dem Gekakel der Truthühner, aber nicht mit dem Gekuller der Truthähne, auf unsern Hühnerhöfen vergleichen kann. Ich finde keine dieser beiden Arten von Ge- schrei allein dem des Seriema ähnlich, sondern möchte es am richtigsten eineMischung aus beiden nennen. So kurz und fein, wie das Gekläff junger Hunde, ist es nicht; man hört deutlich, dass der Ton.in einem längeren Rohr erzeugt wird, er geht wie durch die Nase, und ‚darin erin- nert er an den Ton der Truthennen, ist aber nicht so sanft, sondern viel lauter und krei- schender. Gewöhnlich schreien mehrere Seriemas gleichzeitig durcheinander, denn die Vögel halten sich gern in kleinen Trupps von. 3-—4 Individuen zusammen auf. Sie sind höchst vorsichtig, ducken sich beständig im hohen Grase, dessen Farbe ihr Gefieder nachahmt, und stecken, wenn sie Gefahr merken, bloss den Kopf heraus, die Richtung des Feindes zu erkun- den. Dann laufen sie gebückt im Grase nach der andern Seite davon, und sind längst fort, wenn der Reiter oder Jäger die Stelle berührt, wo sie anfangs standen. Man hört den Vogel zu allen Tageszeiten, selbst bei Nacht. In der Zeit, wo ich mit meinem gebrochenen Schen- kel im Innern von Minas rasten musste (Juni —November 1851), habe ich oft, wenn ich schlaflos auf meinem Lager lag, den Vogel bei völliger Dunkelheit des Morgens zwischen 8 und 4 Uhr vernommen; ja es sind Wochen hingegangen, namentlich Ende August, Anfangs September, als der Frühling heranrückte und die Brutperiode sich näherte, wo ich den Seriema alle Tage lange vor der Dämmerung gehört habe. In der stillen Nacht, wenn Alles der Ruhe pflegt und nur die feindlichen Raubthiere, namentlich die Füchse und Beutelthiere, herum- schleichen, schallt der warnende Ruf des scheuen, furchtsamen Vogels in weite Fernen;,; und obgleich ich mitten im Dorfe Gongonhas wohnte, von wo die nächsten Composflächen wohl 2 Sunde entfernt waren, so konnte ich die gelle Summe des Seriema doch sehr deutlich in meinem luftigen Schlafzimmer, ohne Decke und ohne Fenster, vernehmen. — Bei Tage ist dieser Ruf theils ein warnendes Zeichen, welches gegeben wird, wenn ein Reiter oder ein Lastthierzug dem Standorte der Vögel zu nahe kommt; oder es ist eine Art von Unterhaltung, eine Mittheilung an entfernte Trupps, die dann ebenso antworten. Während ich bei Lagoa santa in Begleitung meines lieben Wirthes, des Hr. Dr. Lunn, Insecten sammelnd durch die Camp os-Gefilde schlenderte, wurden wir oft von dem nahen Ruf der Seriemas überrascht, und wenn wir nun stillstanden, um zu lauschen, schallte aus weiterer Ferne die Antwort einer anderen Seriemas- Truppe zu uns herüber. Noch besser konnte ich mich von der Unterhal- tung dieser gefiederten Camposbewohner überzeugen, als ich selbst niedergeduckt still im Cam-
nr
Posgrase sass, um die schöne Flur mit dem heiligen See und der violetten Serra da Curral del Rey im Hintergrunde in meine Mappe zu zeichnen. Ein Schwarzer, welcher für mich den grossen Sonnenschirm hielt, stand daneben und erklärte mir die verschiedenen Stimmen), deren ich da lauschen konnte. Der Seriema war ‚unter ibnen der Hauptschreier, alle 10 Minuten hörte ich seinen Ruf in meiner Nähe, und wenn 'er geendet hatte, beantwor- tete hald hier, bald dort, eine andere Gesellschaft seinen Gruss. Darum kennt ihn alle Welt und wer ihn auch nicht gesehen hat, gehört hat ihn gewiss Jedermann), der auch nur einen einzigen Tag durch die Fluren des Inneren von Brasilien zu reiten das Glück hatte,
2
Unter diesen Umständen ‚wird man.es natürlich finden, dass schon. die ältesten Schrift- steller über die Naturgeschichte Brasiliens des Seriema gedenken, Der Erste, welcher ihn aufführt, ist meines Wissens MarcerAr in seiner Histor. rer. natur. ‘Brasiliae (Amstel. 1648, Fol.). ' Unter dem Namen Cariama beschreibt er (Lib. V. pag. .203,) den. Vogel. kenntlich und giebt eine Abbildung, die zwar vieles zu wünschen übrig lässt, namentlich in den Beinen viel zu kurz gerathen ist, aber doch die allgemeine Gestalt des Vogels einigermassen. richtig vorstellt. Woher er die unrichtige Benennung Cariama habe, ist schwer - zu sagen ;. Manc- GRAF scheint nicht überall selbst im Innern Brasiliens gewesen zu sein, sondern manche Thiere nur nach alten Bälgen zu beschreiben ; denn- sonst könnte er den Schnabel und die Füsse des Seriema nicht schmutzig. gelbbraun nennen, während beide im Leben schön lackroth sind. Im Uebrigen sind seine Angaben richtig und namentlich wird auch der weitschallenden Stimme von ihm gedacht.
$. 3.
Diese kurze Schilderung von 20 Zeilen ist die Quelle, woraus Alle späteren Schriftsteller bis Liwn# und noch später geschöpft haben.*) Ich übergehe dieselben, da: sie nichts von Bedeutung enthalten, ja selbst Burron”*), ‚der den Vogel nie gesehen hat, nicht: viel mehr, als jene, älteren, von ihm zu sagen weiss. Sogar die Charaktere , welche Linn# und La- THAM angeben, scheinen nur den ältesten Autoren entnommen zu sein,«und keiner von ihnen den Vogel in natura gekannt zu haben. Linnt erwähnt ihn erst in der letzten Originalaus- gabe seines Systoma naturae (Tom: 1.232. Holm. 1766) ‚als. Palameda_cristata und: La-
ee
*) G. Piso, hist, nat, Brasiliae, p. 81. (Amstel. 1658. Fol.) — Willughby,, Ornithol. p- 202. (Lond. 1676. Fol.) — J, Ray, Syn. meth. Avium p. 96 sg. (Lond. 1713, 8.) — Brisson, Ornithol, V, sp. 516, (Paris. 1760. 4.) **) Hist. nat des Oiscaux, VIr, 325, (8.) oder IV. 26 (4%)
Pe
uam ändert an dieser ‚systematischen Stellung gar nichts (Ind. orn. II. 669. Lond. 1790), so dass der Vogel-bis in die neueste. Zeit hinauf den. europäischen 'Naturforschern fast unbe- kannt blieb. Dagegen war er in seiner Heimath zu ‘Anfang. des Jahrhunderts Gegenstand der sorgfältigen. Untersuchungen ‚des. bekannten trefflichen ‚Beobachters Don Funıx or Azara, welcher ihn unter, dem guaranischen Namen ‚Saria beschreibt”). Allein der Vogel ist in den südlichen Theilen Süd-Amerikas so selten, dass sich Azarı nie ein vollständiges Exem- plar verschaffen konnte. Nach: ihm. überschreitet er den 31°. 8. Br. nicht; doch‘ behauptet Azarı, in der Nähe desselben sein Gesehrei noch gehört zu ‚haben.
$. 4.
Die genauere Bekanntschaft des Vogels in Europa datirt von den Untersuchungen, welche Intern, Georrroy Sr. Hırame, Vieisvor und besonders der Prinz Maxmirrn zu Nruwiıen über ihn angestellt haben. Iruser gründete für den Seriema die eigene Gat- tung Dicholophus**) und der Prinz gab die erste vortreftliche Abbildung des Kopfes nach dem Leben in natürlicher Grösse***). Seitdem war das Aeussere seines Baues und seine Lebens- weise gut bekannt, aber besonders die Anatomie blieb noch ‘von grossem Interesse, weil fort und fort Ansichten laut wurden, welche den Seriema, wegen mancher formellen Ashnlichkeit mit dem Secretär (Gypogeramus serpentarius), in die Nähe der Raubvögel bringen und mit dem Secretär in eine Familie zusammenwerfen wollten. Selbst der Prinz v. Nruwımp hat sich , durch Bos« verleitet, von diesem Missgriff nicht ganz frei gehalten****). Ich erinnere mich noch sehr deutlich, mit welcher! Sehnsucht mein seliger Lehrer und Amtsvorgänger, Ci. L. Nırsen, ‘von dem Bedürfniss einer solehen ‘Untersuchung in’ 'seinen ‚Vorlesungen sprach und wie lebhaft er es bedauerte, bei seiner Anwesenheit in Paris im ‚Jahre 1827 kein Skelet des Vogels gesehen zu haben, weil die Pariser Sammlung des Pflanzengartens damals noch keins besass. Indessen hielt er sich ohnehin überzeugt, dass zwischen dem Seriema und Seeretär nur eine Analogie der Form, nicht aber eine zoologische Affinität bestehe. Mit diesen "Gedanken sich herumtragend und stets bemüht, seine systematischen Ideen durch allseitige Studien zu unterstützen, ‘kam Nırscn im Jahre 1834 nach München und fand dort zu seiner freudigen Ueberraschung 'ein leider lückenhaftes Seriemaskelet, welches v, Srıx auf seiner ‘Reise mit 'v.. Marrıus in Brasilien gesammelt hatte. Obgleich die flüchtige Un-
tersuchung schon 'hinreichte, ihm den ‚Beweis zu führen, dass seine systematische Ansicht ‚von
u men
*) Apuntamientos para la hist. nat. de los päxaros. Tom, Ill, p. 101. Nr. 340. (Madrid, 1802—5. 8.) Voyage dans Amer. merid. publ. p. Walekeuaer & Sonnini. Vol. IV. pag. 175. (Paris, 1809. 8.)
*%*) Prodrom. Syst. Mammal. & Avium. (Berl. 1811. 8.) ä
*"*) Nova acta ph. med, soc. Caes. Car,Leop, nat. cur, XI. 2. Tab. 14, —
****) Beitr, zur Nat. Bras. IV. 570.
ie WE ae
der Nichtverwandtschaft des Seriema mit ‘den Raubvögeln richtig sei, begnügte er sich doch damit ‚keineswegs, er erbat sich das Skelet zur Untersuchung 'nach Halle, ‘erhielt es, und gründete darauf die vollständige 'osteologische Vergleichung desselben mit ‘benachbarten Vogel- iypen, ‘welche ich‘ später aus seiner Handschrift mittheilen werde. 'Nrrscnuns Anwesenheit in München hat wahrscheinlich ‘die Beschreibung der Skelettheile veranlasst, welche bald dar- auf A. Wacner bekannnt machte*);' sie bewog’ auch "meinen 'seligen Lehrer, der un- gern Arbeiten in Bruchstücken veröffentlichte, seine Untersuchungen liegen zu lassen, bis er sie vollständiger, etwa nach Einsicht der weichen Theile, "würde geben können. "Auch darin kam ihm indessen bald ein Anderer zuvor; G, Mirrın publieirte in den Proceedings der z00lo- gischen Gesellschaft 'zu London eine kurze iSchilderang**) der innern Organisation des Seriema,
$. 9.
Während meiner Reise durch Brasilien schwebte mir die Erinnerung an das wissenschaft- liche Verlangen meines lieben Lehrers beständig vor der Seele, ein wahrer Heisshunger nach dem‘ Seriema ergriff auch mich; 'seit ich in "seiner Nähe verweilte. Das ‘erste Exemplar desselben sah ich in Ouropreto , "bei "einem dortigen ‘Mechänicus Hsınk. Schmmt, den ich wegen seiner Beschäftigung mit der Naturgeschichte aufgesucht hatte. Er sagte mir, dass der Vogel weiter im Innern gemein sei und ich ihn ‘ohne Frage erhalten werde, So kam ich nach Lagoa santa, noch immer ohne Seriema. Hier ‘sollte und’ musste er erlangt werden; alle dortigen Jäger kannten ihn und jeder versprach, einen zu schiessen, aber nie kam ein Exemplar in meine Hände ; theils weil seine Jagd mit grosser Anstrengung und Beschwerde verbunden ist, theils weil die Brasilianer zu gleichgültig sind, ihre Versprechungen zu erfüllen. Sicher wäre ich auch von Lagoa santa mit leeren Händen wieder abgezogen; denn alle Ver- suche, die mein Sohn machte, einen Seriema zu erlegen, schlugen fehl; er jagte zu Pferde, wie ein Brasilianer, durch die Campos hinter den schreienden Vögeln her, aber umsonst, die Seriemas entwischten stets, bevor er sie schussgerecht hatte***); — da traf mich das Un- glück des Beinbruches und ihm verdanke ich meine Seriemas. Während der 2. Monate, die ich nun in Lagoa santa lag, von der wohlthätigen Freundschaft des Herın Dr. Lunp mit Allem versehen, was mir nöthig und nützlich war, erhielt ich nach und nach 5 Exemplare; anatomirte sie auf dem Bett, nachdem mein Sohn die Bälge abgezogen hatte, und entwarf da die Zeichnungen und Beschreibungen der weichen Theile, welche ich hier jetzt veröffentliche,
a ..... »
*) Abhandlungen d., Königl. bayer. Akadem. d. Wissenschaft, zu München; physik. mathemat. Klasse Bd. II. S. 482. 1837,
**) Proceedings Of the zool. Society of Lond. 1836. 8,
*#*) Man sehe über diese Methode der Jagd die Reise des Prinzen von Neuwied (II. S, 188 fig.) und dessen Beitr, z. Naturg. Brasiliens. (IV. 580.)
u NEE
Unter den mir gebrachten Exemplaren war auch ein lebendes, das ich 3 Tage im Gar- ten beobachten konnte, worauf es starb. Der Vogel war flügellahm geschossen und schon sehr matt, als er in meine Hände kam; er stand in der Regel still, mit eingezogenem Halse und sass den zweiten Tag 'auf dem Boden, die ganzen langen Läufe bis zum Hacken aufge- legt, also allein von den Unterschenkeln getragen, wobei der Rumpf den Boden nicht be- rührte, sondern frei über demselben schwebte. Zahme Störehe, welche man auf Höfen hält und besonders den Winter durch hier zu bleiben zwingt, pflegen ebenfalls in solcher Position sich der Ruhe zu: überlassen.. Mein Seriema frass in der Zeit nichts, obgleich ihm allerlei Gegenstände, welche mit dem Inhalte des Magens der andern Exemplare übereinstimmten, ge- boten wurden. Ich habe darüber unten ausführlich berichtet; der Seriema frisst weder aus- schliesslich vegetabilische, noch ausschliesslich thierische Nahrung, sondern eine gemischte, die besonders aus saftigen Beeren und grösseren Insekten, Heuschrecken und Raupen besteht. Er lebt zur Bruizeit paarig und nistet auf niedrigen Gebüschen, etwa 6—8 Fuss über dem Boden. Seine ‚Eier, deren Tuienemann eins abbildet*), erinnern in Farbe und Zeichnung am meisten an‘ die der Wasserhühner (Gallinulae) oder Rallen, weisen also auf eine gewisse Verwandtschaft mit den Fulicarien hin, obgleich der Seriema durchaus kein Sumpf- bewohner ist und niemals in der Nähe des Wassers angetroffen wird. Man findet gewöhnlich 2 Eier in einem Neste, selten mehr. Die Jungen sind daunig befiedert und bleiben im Nest, wie die der Störche, bis sie flügge sind. Ein solches Junge, kaum so gross wie eine Lerche, also nur wenige Tage alt, wird in der zoologischen Sammlung zu Berlin aufbewahrt; es hat, im Vergleich mit dem alten Vogel, ‚auffallend kurze Beine und einen sehr dicken plumpen
Schnabel. Der Prinz v. Neuwıern fand Ende Februars zwei noch ziemlich kleine Jungen in einem Neste.
*) Fortpflanzungsgesch. d. ges. Vögel. Taf. 72. Fig. 14.
1. Osteologie des Seriema. Hierzu Tafel.
$. 6.
Der Schädel, dessen allgemeine Form aus den Abbildungen hinreichend erkannt wird, hat folgende Dimensionen : *)
_ Ganze Länge in grader Linie 4” 81/,"' nach Wagner 4” 61/, Grösste Breite am Schläfenbein ig ie or - „ am hintern Augenhöhlenrande 1.9” Breite der Stirn am Orbitalrande 2 Grösster Abstand der Thränenbeinflügel Ei M EU Höhe der Augenhöhlen vom Jochbogen bis zum obern ‚Orbitalrande ir we Länge des Nasenlochs er Länge des Oberkiefers bis zum Ende des proc. _ frontalis 27 1017, | Länge des Jochbogens bis zur Anlage an den P Oberkiefer gr Te Ganze Länge des Unterkiefers EEE Sag desgl. Grösste Breite am Gelenk mit dem Paukenbein ne Abstand der untern hintern Höcker von einander 11 Breite des Hinterendes der Gaumenbeine or FA Abstand ihrer äussersten Spitze vom Gelenkkopf am Hınterhaupte yf2 Länge des ganzen Gaumenbeins 14/5 Abstand der Spitze des Oberkiefers am Nasenloch 1 4 Höhe des Schädels vom Keilbeinkörper bis zum Scheitel 1 4” nach Wacner 1” 21/,%
Der Oberkiefer, ‚dessen Hakenform mehr in dem Hornüberzuge, als in der Gestalt des eigentlichen Kieferknochens liegt, hat einen sehr langen processus frontalis, welcher nur vorm mit den an ihn angelegten Spitzen der Nasenbeine verwächst, später durch eine Naht von ihnen: getrennt bleibt und bis auf den Anfang der Stirn hinter die Thränenbeine hinein- greift. Sein unterer äusserer' Ast ist Hach und am Ende nach oben durch - einen aufsteigen- den Fortsatz mit dem. ‚äusseren Ast: des Nasenbeines innig verwachsen. Am Gaumen lassen
*) Die Maasse sind in alten Pariser Zollen angegeben.
Abh. d. Nat. Ges. zu Halle, Ir Band. 3
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diese Aste des Oberkiefers eine schmale, parallelseitige, weit nach. vorn reichende, scharfkan- tige Lücke. |
Die Nasenbeine haben die gewöhnliche Winkelform, grenzen innig mit dem Oberkiefer verwachsen an das Stirnbein und tragen an ihrer 'hintern Aussenkante die Schuppe des Thränen- beins; sie umschreiben mit dem Oberkiefer eine länglich elliptische Nasenöffnung,, deren Quer- durchmesser nur wenig kürzer ist, als die Hälfte des Längsdurchmessers.
Das Thränenbein (Fig. 2.) besteht, wie immer, aus einem absteigenden Ast 1% und einer horizontalen Schuppe. Ersterer ist nicht sehr lang, gerundet, schief nach hinten und unten gerichtet und nach innen mit einem Höcker versehen (d), woran ein eigner kleiner griffelförmiger Knochen (b) stösst, der in entgegengesetzter Richtung nach vorn und unten herabsteigt und sich mit dem Jochbogen innig durch Naht verbindet, Dieses Thränenver- bindungsbein (os lacrymale - communicans ) ist dem Seriema ausschliesslich eigen; es, er- innert zwar durch die Verbindung des Thränenbeins mit dem Jochbogen an den Typus der Raubvögel, allein bei ihnen ist es der viel stärkere absteigende Ast des Thränenbeins_ sel- ber, welcher die Verbindung bewirkt. Der horizontale Schuppentheil ist relativ gross, und nähert sich auch darin etwas dem Raubvogeltypus; er ist mit breiter Basis an den Rand des Na- senbeines durch eine Naht angesetzt, nach hinten aber mit dem benachbarten Theile des Stirn- beins inniger verbunden, wenn auch nicht völlig verwachsen. Anfangs ist der Knochen, schief nach hinten, aussen und oben geneigt, seitwärts abgerundet und ziemlich dick; später breitet er sich in eine mehr senkrecht als wagrecht gestellte, nach aussen abstehende, leicht gekrümmte Platte aus, deren beide Ränder etwas gebogen sind. Die Spitze ist bei meinem Exemplar stumpf, ohne Spur eines kleinen Supereiliarbeines, welches bei dem Münchener Skelet in Form einer dreieekigen Platte vorhanden ist. Auch Martin gedenkt desselben nicht, obgleich er (S. 30. a. a. 0.) das 'Thränenbein im Allgemeinen beschreibt. Vielleicht ist die Anwesenheit desselben Geschlechtscharakter, denn auch mein Exemplar war, wie das Marrıns, ein Weibchen.
8.7.
Die‘Schädelkapsel zeigt einem zugeschärften Orbitalrand, welcher: anfangs in paralleler Richtung nach ‘hinten geht, ‘dann sich seitwärts in schiefer Direction 'ausbreitet (Fig. 3.). Er umschreibt so’ den‘ Schuppentheil des Thränenbeins ‘in ziemlich gleichem Abstande, ' DieStirn ist leicht vertieft und besonders da, 'wo.'der. Ast des Oberkiefers sich anlegt, tief eingedrückt; Eigenschaften, die 'habituelle Aehnlichkeiten ‘mit den Raubvögeln bedingen. In der hinteren \Ge- gend des ‘Obertilrandes wird (die Stirn «flacher und grenzt hier an den 'stark 'gewölbten und dahinter schief abfallenden Scheitel. Der hervorragende Hinterkopf (Fig. 5.) ist nur schwach durch eine stumpfe Kante von dem Scheitel abgesetzt und in 4. flache Grübchen ge-
a4 nn u.
theilt welche »das Hinterhauptsloch in einem Bogen umgeben; dieWulst für das’ kleine Ge- hirn tritt ziemlich stark hervor.‘ An den Seiten’ der Gehirnkapsel macht sich ein’ schroffer, senkrechter Orbitalfortsatz, der nach vorn scharfkantig ist und nach unten spitzer wird, . sehr bemerklich. Er ähnelt in, seiner Form dem Hühnertypus, ist aber schlanker und länger *). Der Temporaliheil des Schädels ist gross, namentlich sehr breit und giebt durch seine Stärke dem Kopf von hinten ein quadratisches Ansehn. (Fig. 5.); besonders ist auch der un- tere innere Rand der Paukenhöhle sehr stark entwickelt. Die Schädelbasis hat die Form eines Herzens, ist gewölbt und sowohl nach vorn in eine, wie nach hinten in zwei stumpfe Ecken verlängert. Von ihr steigt der grosse Flügel fast senkrecht in die Höhe, die hintere Orbitalwand bildend; indem er sich hinter der tiefen, aber ziemlich engen, bogenförmigen Lücke zwischen dem Orbitalfortsatz des Stirn- und dem Tympanalfortsatz des Schläfenbeins, dem Schläfendorn, empor- zieht. Da wo er an die innere Wand der Scheitelbeine stösst, befindet sich das grosse ovale Loch für den Austritt des Sehnerven.‘ Eine dünne, papierne, aber knöcherne Scheidewand zwischen den. Augenhöhlen,' welche man als Siebbein zu betrachten pflegt, beschränkt dies Loch nach vorn (Fig. 1.); sie begiebt sich aufwärts zum Stirnbein und hat hier, in der oberen Ecke der Augenhöhle, eine sehr längliche, scharf begrenzte Vertiefung, welche grösstentheils in die wagrechte Fläche des Stirnbeines von unten her hinein gedrückt ist und vorwärts hinter dem absteigenden Ast des Thränenbeins in die Nasenhöhle sich senkt (Fig. 1. oben, hinter dem Flügel des Thränenbeins). Sie wird zur Aufnahme einer Nasendrüse (glandula nasalis) be- stimmt sein. Hinter ihr verläuft, in der obersten Ecke, der sehr enge Kanal für die Riech- nerven, ohne äusserlich sichtbar zu werden. Nach unten ruht die knöcherne Augenhöhlen- scheidewand auf dem spitzen Fortsatz des Grund- oder Keilbeins, mit dem sie innig verwach- sen ist; nach vorn bildet sie einen etwas abstehenden Querflügel hinter dem absteigenden Aste des Thränenbeins, der in dieser Gegend die Augenhöhle von der Nasenhöhle sondert, mit dem Thränenbein aber nicht in directe Berührung tritt.
Anm. Die bisher. betrachteten Theile des Schädels zeigen, ‘neben mancher Aehnlichkeit mit andern Vögeln, doch überall ihre Eigenthümlichkeiten. Wenn man die scharfen Orbitalränder als Zeichen einer Verwandtschaft mit den Trappen ansieht, se passt dazu die geringe Grösse des Thränenbeins eben dieser Vögel nicht. Auch die knöcherne Augenhöhlenscheidewand ist beim Trap- pen viel ' solider. und ‚namentlich der ‚starke Querflügel "hinter dem absieigenden "Aste des Thränenbeins, init ‚dem er sogar 'zusammentrifft, völlig dem. Bau’ des Seriema unähnlich.. Pso- phia stimmt sowohl hierin, als: auch in ‚dem 'solidera Thränenbeinaste: selbst, mit Otis, ‚aber nicht mit Dicholophus, überein. Wären nicht bei Psophia zwei hintere isolirte Superciliarbeine vorhan-
den, so würde sein Augenrandgerüst am meisten mit dem des Seriema Aehnlichkeit haben. Grus wu un.
*) Die Analogie mit den Hühnern wird noch vermehrt durch den Schädel des Münchener Skelets, der die bekannte Knochenbrücke zwischen diesem Fortsatz und dem analogen Schläfendorn besitzt, welche den Hühnern eigen ist; mein Schädel
hat davon keine Spur und Marrın gedenkt ihrer ebenfalls nicht. Sollte das auch Geschlechtscharakter sein können?
3*
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hat. zwar viel kleinere 'Thränenbeine, aber ihre ‚Gesammtform ist der 'von Dicholophus sehr ähn- lich ; ‚selbst der: absteigende; Ast zeigt: durch. die schlanke Spitze. eine ‚gewisse. Analogie. Dagegen harmoniren die abgerundeten Orbitalränder, der offene Kanal für die Geruchsnerven,und das in der Mitte durchbrochene Septum weniger mit dem Bau des Seriema; auch die Grenze gegen die Na- senhöhle ist anders, wenngleich die Form des abstehenden Querflügels an ihn erinnert. Mit den Falconiden ist, trotz des knöchernen Septums, keine Verwandtschaft erweislich; auch hat _ Gypogeranus eine grosse Lücke darin.
$. 8.
Der Quadrat- oder Paukenknochen (1.4.5. e.) hat die. ‚gewöhnliche viereckige Grundform ‚und, keine besonders, starke Entwickelung, wie er sie etwa bei den Raubvögeln annimmt; ich finde, dass der Typus der Kraniche dem des Seriema, am nächsten kommt, Zwar. fehlt ihnen der starke Tympanalast am Schläfenbein, worauf der obere Fortsatz des Quadratbeines ‚sich stützt; allein bei den Raubvögeln ist, dieser Ast noch viel kleiner und beim Trappen ‚ebensoviel plumper. _ Es ‚scheint auch hier wieder. Psophia das ‚Mittelglied zwischen Dicholophus und Grus zu ‚sein, und Otis ferner. abzuliegen;, dagegen haben. alle vier mit dem eigenthümlichen ‚Bau, der Hühner, bei denen der sehr lange Tympanalfortsatz mit dem, Or- bitalfortsatze sich ‚verbindet, einige Aehnlichkeit, . Der obere Ast ist also ziemlich schlank und steckt. sehr tief in seiner Gelenkgrube ‘vor dem Paukenfell; der vordere nach innen gewendete Ast ‚ist nicht. länger, ziemlich schlank, kürzer als beim Kranich ; der untere Ast ist breit, sehr in die ‚Quere gezogen, nach aussen scharfkantig und vorspringend;. er hat zwei ganz getrennte Gelenkflächen für den Unterkiefer ‚(Fig. 4.): eine äussere grössere $förmige, und ‚eine innere kleinere kreisrunde; beide sind. gewölbt,
Ueber der inneren stösst _mittelst einer dritten, schiefen Gelenkfläche das Verbin- dungs- oder Flügelbein an den Paukenknochen. Es ist (Fig. 4. d.) ein schmales, an beiden Enden verdicktes Knöchelchen, welches nach hinten mehr drehrund, nach vorn und in- nen mehr flach wird und hier mit dem 'Gaumenbeine zusammentrifft. Beide legen sich da- selbst innig auf die schiefen Ansatzflächen des Grundbeines, so dass das Gaumenbein die vordere, das Flügelbein die hintere Hälfte jener Flächen einnimmt.
Anm. Beim: Trappen ist das’ Verbindungsbein viel 'plumper gebaut, ‘beim Kranich zeigt es ziemlich dieselben Verhältnisse, beim Trompetenvogel finde ich es’ feiner’gebildet. Letzterer zeich- net 'sich ‘besonders durch das gewölbte polsterförmige Grundbein zwischen den Paukenknochen aus; der Kranich ähnelt auch darin dem Seriema'am meisten; bei dem Trappen ist diese Fläche relativ kürzer, breiter, nach vorn scharfkantiger und besonders die vordere Strecke des Grundbeins vor dem Sattel viel massiver.
—_ u $. 9,
Die Gaumenbeine (Fig. 4. 1) sind breiter und flacher als bei den verwandten Vö- geln, namentlich viel breiter als beim 'Trappen und’ Kranich ; sie lehnen sich mit ihrem vor- deren allmälig 'schmäleren "Ende an die ' vordere fläche Ausbreitung des Jochbogens (9) und verbinden sich" vor‘ demselben mit ‘der entsprechenden ‘Fläche’'des'Oberkiefers durch innige Verwachsung. "Von der Gegend an, wo ‚der Verbindungskriochen’ des’ Thränenbeins an den Jochbögen stösst, werden die Gaumenbeine schnell sehr 'breit“und lassen hier nur’ eine'schmäle parallelseitige 'spaltenförmige Lücke, welche 'durch .die herabhängende'Platte des Pflugschar- beines (h) in zwei Hälften getheilt wird; das’sind die Ch o anen. "Vor dieser Spalte umschreiben sie einen,länggezogenen elliptischen Raum, in dem ’die Nasenrhuscheln'des-Oberkiefers (a) liegen ; wo derselbe endet, “beginnt die’ schmale Lücke in’der Gaumenfläche ‘des Oberkieferknochens. Die hinten breitere Platte des 'Gaumenbeins ist anfangs eben, schief nach innen und oben ge- neigt, "beiderseits scharfkantig ; "weiter gegen das hintere Ende enthält sie eine muldenförmige Grube, deren innerer Abfall durch "eine hohe, "senkrechte Randleiste'begrenzt wird. Der schmale Endrand des Gaumenbeines ist leicht 'S förmig' geschwungen und unter dem Fortsatze des Keil- beines in eine 'stumpfe "Spitze ausgezogen, welche sich mit dem’ vorderen Ende des Flügel- beines (d) verbindet. ‘Sein nach oben Kegen die Schädel-Basis gewendeter Rand liegt an letz- terer ihrer ganzen Länge nach, «und* trifft 'mit' ‘dem’ Gegner von’ der‘ ändern’ Seite in'der Mit: tellinie zusammen. |
Anm. Auch im Gaumenbein zeigt sich bei Dicholophus eine grössere Aechnlichkeit mit Grus, als mit Otis; ‚doch ist der Knochen ‚bei Grus viel schlanker, die hintere. Hälfte schmäler, in ihrer ganzen Ausdehnung muldig vertieft und am Innenrande mit einer hohen Leiste begrenzt, welche sich neben dem ganzen Rande der ‚Choanenöffnung hinzieht. Psophia hat viel kürzere Gaumenbeine, de- ren hintere breite Hälfte vorn ausgeschnitten ;ist,. wie bei Otis ; wodurch die Gaumenplatte des Gau- menbeins ausserordentlich verkürzt wird.
Das Pflugscharbein (Fig..4. h.), beginnt: da,;; wo..die, oberen. Ränder, der Flügelbeine enden ; „es sitzt. ‚hier mit,einer, erweiterten, aber.doch-nur. schmalen ‚Basis -auf..der Spitze des Keilbeines 'und schiebt sich nach“ hinten zwischen die väuseinander "weichenden Flächen der Gaumenbeine hinein. Von dieser schmalen Basis steigt es als eine knöcherne Scheidewand bis in die Choanenspalte hinab und theilt sie in zwei gleiche Theile, verdickt sich etwas nach vorn und endet mit einer scharfen lanzenförmigen Spitze zwischen den vor den Gaumenbeinen gelegenen Nasenmuscheln.
Anm. Diese Bildung des Pflügschars ist dem Seriema eigenthümlich. Bei Psophia und Grus theilt sich derselbe ‚Knochen nach "hinten in ‘zwei leistenförmige Schenkel und geht ‘vorn in eine
feine lang ausgezogene Spitze über, die.frei zwischen den Nasenmuscheln 'hindurchläuft, ‚ohne sie zu berühren. . Beim Trappen ist vorn eine ähnliche ‚Bildung sichtbar , aber hinten ist der Knochen eine. sehr zarte ‚Platte,. welche. bis ans Ende der Gaumenbeine reicht und mit der -Schädelbasis nur durch eine Haut verbunden ist.
— DE u
$. 10.
Die bekannten. Knochenblätter, “welche nach ‚innen vom. hintera Ende des. Oberkiefer- knochens ‚ausgehen und die ‚Stelle der Nasenmuscheln (Fig.4. a.) zu vertreten 'scheinen, sind bei Dicholophus sehr gross; sie übertreffen in ihrer Ausdehnung zumal nach unten, wie es scheint, alle. anderen Vögel. , Man sieht sie vor ‚der Spitze des Pflugschars, in der Lücke zwi- schen den ‚vorderen schmalen ‚Aesten der Gaumenbeine ‚als ‚zwei kleine längliche, nach vorn abgerundete, ‚nach hinten. spitze Knochen, welche divergirend die abgeplattete Spitze des Pflug- scharbeines zwischen. sich nehmen, Hier. berühren ‚sie ‚zugleich mit ihrem ‚hintersten Ende die stumpfe. Ecke des breiten Theils vom Gaumenbein,. vorn, wo 'sie stumpf gerundet sind, senden sie einen engen Communicationsast über die schmale Spitze. des Gaumenbeines zum Oberkiefer.. Von der wagrechten Knochenplatte geht ein Fortsatz nach oben ‚aus, welcher sich “etwas nach. vorn und: aussen: begiebt, bis ‘er mit dem. aufsteigenden Aste des Ober- kiefers am Nasenbein. ‚zusammentrifft. Dadurch bekommt die Nasenhöhle. in dieser Ge- gend eine äussere Knochenwand, worin an der Basis eine nicht immer gleich grosse Lücke (Fig. 1. a.) sich 'zu befinden. pflegt. An den hinteren Rand des aufsteigenden Fortsatzes setzt sich eine. knorpelige Fortsetzung, wodurch die Muschel mit dem Gaumenbeine und weiter mit dem Septum zwischen den Augenhöhlen in Verbindung steht, so dass die Nasenhöhle nach die- ser Seite hin völlig abgeschlossen wird.
Anm, Zwei ähnliche kleine Knochenplatten finden sich auch bei Psophia, aber sie treffen nicht in der Mittellinie des Gaumens zusammen, sondern das Ptlugscharbein geht zwischen ihnen hindurch. Man sieht sie von unten nur in der Form kleiner Wölbungen, die auf dem vordersten schmalen Ast des Gaumenbeins ruhen, in blasenförmiger Ausdehnung durch die Nasenhöhle hinaufsteigen und sich an den aufsteigenden Ast des Oberkiefers von innen her anlehnen. Bei @rus vertritt eine leicht gewölbte Platte zwischen dem hier viel kürzeren Gaumenbein und Nasenbein, die kräf- tig vom Oberkieferknochen ausgeht, ihre Stelle; noch mehr weicht Otis ab. Eine gewisse nicht zu verkennende Analogie mit der beschriebenen Bildung von Dicholophus zeigen die Raubvögel und unter ihnen ganz besonders Gypogeranus, obgleich die nähere Betrachtung ergiebt, dass der Bau im Einzelnen doch ganz anders ist, als beim Seriema. —
$. 11.
Als letzten: Knochen des. ‚Schädels ist des Jochbogens (Fig. 1. 3. 4.9.) Erwähnung zu thun. Er bildet eine ‚sehr ‚zarte, ‚grade, fast ‚grätenförmige Knochenbrücke zwischen dem äus- seren Aste des Oberkiefers und der äussersten Ecke des Paukenknochens, woran ich keine Sonderung in mehrere Stücke mehr wahrnehmen kann; auch die Grenze ‘gegen den Oberkiefer ist durch Verwachsung unkenntlich geworden. Bis zu dem Verbindungsast mit dem Thränen-
bein ist ‘der Jochbogen ‚mehr flach 'als rund, und im grösseren Theile dieser Strecke ziem- lich dicht an den vorderen Ast des Gaumenbeins angelehnt; hinter der’ Commissur zum Thränenbein wird er enger, rundlicher und bald ganz drehrund. An der Verbindung mit dem Paukenknochen breitet er sich in einen flachen Knopf aus, der seitwärts neben der äusseren Gelenktläche des Paukenknochens liegt und hier innig mit dem Paukenknochen verbunden ist,
Anm, Die auffallende Gracilität des Jochbogens hat die grösste Aehnlichkeit mit demselben Gebilde beim Kranich; bei der Trappe ist er stärker und etwas nach aussen gekrümmt; bei den Raubvögeln noch viel solider. —
$. 12.
Der Unterkiefer zeigt in seinem: Bau: nichts wesentlich Eigenthümliches. ' An seiner Spitze nach dem -Oberkiefer etwas herabgebogen, wird er bald grade und. behält diese Rich- tung bis ganz nach hinten. Auf; der vorderen Hälfte seiner: Schenkel ist er vertieft "und am Mundrande ‚scharfkantig aufgeworfen; unter. dem Thränenbein erreicht er seine grösste Breite und umschliesst hier ‚eine ovale schiefe Oeffnung, von deren unterer. hinterer Ecke eine sehr deutliche Naht ‚nach hinten ausgeht, welche ‚die Grenze: des Zwischenkiefers und Oberkiefers bezeichnet; weniger sichtbar ist. eine zweite Naht, die von ‘dem oberen’ Rande des Lochs zu der Ecke am oberen Kieferrande ‚sich 'begiebt, woran die Backenmuskeln sich‘ anheften. Das durch diese heiden Nähte abgetrennte hintere: Stück, der eigentliche Kieferknochen, ist viel kürzer, ‚als der Zwischenkiefer, anfangs sehr dünn, ziemlich hoch uhd zumal ‘am un- teren Rande stark verdickt bis zur Gelenkgegend hin. Hier breitet sich der Unterkiefer jn einer Breite Gelenkung aus, die besonders nach innen sehr stark wird und den ganzen freien Theil des Paukenknochens umfasst, indem an demselben ein bis zum Paukenhöhlenrande hinaufreichender Fortsatz. sich’ entwickelt. Von hinten betrachtet (Fig. 5. f.) hat er das An- sehn eines gleichseitigen Dreiecks ; von aussen sieht man zwei Ecken: eine unter dem äusse- ren Gelenkkopf des Paukenbeines, die andere dahinter, der mittleren Ecke der dreieckigen Endfläche entsprechend; von oben gesehen ist die Fläche des Gelenkfortsatzes vertieft und mit 2 kleinen Gelenkgrübchen für die 'Gelenkhöcker am Paukenknochen versehen; an der Innen- seite ragt der beschriebene hakenförmige Fortsatz. aufsteigend neben ‘der inneren Gelenkgrube hervor. Vor der Gelenkpartie. ist der Unterkiefer scharfkantig und auf dem Rande mit zwei kleinen Höckern versehen, die dei Kronenfortsatze .des Säugelhierunterkiefers entsprechen.
Anm, Völlig analog ist der Unterkiefer bei Psophia gebaut, nur die untere Ecke der hinteren dreieckigen Fläche ragt mehr hervor; auch ist die Lücke in den Schenkeln relativ etwas grösser, Otis hat eine relativ kleinere Lücke, eine sehr stumpfe untere Ecke am Hinterende, aber eine sehr spitz ausgezogene mittlere Endecke. Grus ist Psophia am ähnlichsten, nur die Lücke in den Schen-
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keln ‚bleibt. sehr. viel. kleiner, während: die, untere: Endecke| noch‘ etwas höher! wird. «Die Tagraub- vögel haben gar keine Lücke in: ihrem. niedrigeren , viel dickeren Unterkiefer.
$. 13.
Der Hals des Seriema besteht aus dreizehn Wirbeln, wenn man diesen Theil des Ske- lets bis dahin rechnet, wo die angewachsenen Costalfortsätze enden, und die erste durch Ge- lenkung dem Wirbel angefügte Rippe beginnt. Der darauf folgenden ,- isolirte' ‚oder. vollstän- dige Rippen tragenden Wirbel sind acht, nicht sieben, wie Marrın (a. a. 0.8.31.) an- giebt; letzterer scheint den Atlas übersehen und den ersten mit einer sehr rudimentären Rippe versehenen Rückenwirbel noch zum Halse gerechnet zu haben. Auch in den Zahlen der Lenden -' und Schwanzwirbel hat er ‚sich 'geirrt; im Becken befinden sich dreizehn Wirbel, wie A. Wacner (a. a.,0.8. 486.) richtig angiebt und ‘im Schwanze nur sieben, wie ‘der- selbe. Autör schon ; bemerkt, während Martın zwölf: Lenden- und acht Schwanzwirbel zählt.
Die Halswirbel sind zierlich und ‘schlank’ gebaut, namentlich viel zierlicher, als die des Trappen; sie ähneln! mehr dem Typus des Kranich, ohne deren Grösse zu erreichen. Die vollständigste Analogie zeigt Psophia ; ganz verschieden, viel solider und kräftiger sind die von Gypogeranus), gestaltet. Bestimmt man ihre Dimensionen nach den Abständen zwischen den vorderen, Rändern der schiefen Fortsätze, so ergiebt sich, dass der erste Halswirbel oder At- las der kürzeste, der sechste von allen. der längste ist,’und von ihm ab die einzelnen Wirbel bis zum Rücken hin an Länge abnehmen, aber nicht gleichmässig, so dass die beiden vor- letzten wieder etwas grösser sind, als der allerletzte. ' Ich finde folgende Grössen an den 'be- zeichneten ‚Stellen:
Erster Halswirbel, Atlas, 2% Linien. Zweiter Halswirbel,, 3. Linien, Dritter Halswirbel,, 6'/s Linien. Vierter Halswirbel,, 7°/s Linien. Fünfter Halswirbel , 9 Linien. Sechster Halswirbel, 10"; Linien. Siebenter Halswirbel , 9!/,: Linien. Achter Halswirbel,, 8°/, Linien. Neunter Halswirbel,, 7'/a Linien. Zehnter Halswirbel , 7% Linien. Elfter Halswirbel,, 8!/, Linien, Zwölfter Halswirbel, 8. Linien,
Dreizehnter Halswirbel,, 7": Linien.
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Der erste und zweite Wirbel haben keinen Rippendorn, also auch keinen canalis verte- bralis, doch ist auf dem Bogen des zweiten ein recht bemerklicher ziemlich dicker Dornfortsatz vorhanden; auch der Körper dieses Wirbels, gleich wie der des dritten, hat nach unten einen deutlichen, ‚selbständigen Höcker. Dagegen stellt der Atlas bloss einen in der Gegend des Körpers: verdickten dünnen Knochenring dar, an dem, mit Ausnahme der hintern Gelenkfort- sätze, alle Fortsätze fehlen, während das vordere, oder richtiger, das nach oben gewendete Ende des Körpers tief ausgehöhlt ist zur Aufnahme des einfachen halbkugeligen Gelenkkopfes am Hinterhaupt. ; Der zweite Wirbel hat auch hier, wie bei den Vögeln überhaupt, keinen Zahn- fortsatz, um-den sich der Atlas drehen könnte. Die drehende Bewegung des Atlas ist, we- gen des. einfachen Condylus, unnöthig. Am dritten Wirbel beginnen die angewachsenen Rippen als anfangs breite, flache, unterwärts zugeschärfte, zweimal gekielte Brücken über den canalis vertebralis, die später feine, schlanke, unter sich wie mit dem Wirbelkörper parallel laufende Dornen am Vorderrande tragen. Bis zum zwölften Wirbel, ihn mitgerechnet, sind die Kör- per unten der Länge nach ausgehöhlt und am Vorderrande neben der Furche mit zwei kleinen Höckern oder Dornen: versehen, die sich am elften und zwölften Wirbel beinahe zu Bogen verbinden; am dreizehnten Wirbel fehlt die untere Furche, der Körper ist flach und trägt am Vorderrande einen hohen, dicken , etwas comprimirten Höcker, dessen Ende divergirend in 2 Lappen getheilt ist. Obere Dornfortsätze haben, ausser dem zweiten Wirbel, noch der dritte bis fünfte; am. sechsten. ist kaum noch ein Höcker bemerkbar; von da an sind die hinteren Ränder ‚der Wirbelbogen tief. ‚ausgeschnitten, : so dass die hinteren Gelenkfortsätze wie zwei flache Lappen divergirend auseinander gehen; am achten Wirbel ist die Divergenz der Lappen am stärksten; seitdem nimmt sie mit der Tiefe des Einschnitts merklich ab und ist am dreizehnten nur noch als Bucht bemerklich. Eben dieser Wirbel und der zwölfte hat an der Stelle des oberen Dornfortsatzes wieder einen recht merklichen Höcker, wovon Spuren auch an den zwei vorhergehenden wahrgenommen werden; wirkliche Dornfortsätze aber kann man keinen von diesen Höckern nennen, während sofort der folgende Wirbel, welcher eine freie Rippe von höchst rudimentärer Grösse trägt, auch einen unleugbaren Dornfortsatz besitzt.
Anm. Die zwei Rumpfskelette, welche ich ausser dem vollständigen Skelet noch mitgebracht habe, zeigen in der Bildung des ersten Rückenwirbels insofern eine bemerkenswerthe Verschieden- heit, als das sehr kleine Rippenrudiment nur bei zweien Exemplaren noch selbständig geblieben, bei dem einen ältesten und stärksten schon völlig mit dem Wirbel verwachsen ist. In dem Fall zeugt sowohl der grosse obere, als auch ein kleiner unterer Dornfortsatz am Körper dafür, dass man diesen Wirbel zum Rücken zu zählen habe. Wollte man ihn zum Halse ziehn, so müsste man 14 Wirbel im Halse und 7 im Rücken annehmen. — 5
‚Abh. d, Nat. Ges, zu Halle. Ir Band, 4
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Die Rückenwirbel, deren Zahl in richtiger Begrenzung auf‘ acht zu setzen ist, ha- ben im Körper unter sich fast genau gleiche Länge, nämlich 6 Linien; die vordersten viel- leicht ein Geringes mehr und die hintersten ebensoviel weniger. Sie sind beweglich mit ein- ander verbunden, nur der letzte, achte, ist unbeweglich mit dem ersten Lendenwirbel und den obersten Enden der Darmbeine verwachsen.‘ Die vier vorderen Rückenwirbel haben einen ziemlich starken, aber nicht grade hohen unteren Dornfortsatz; auf dem Bogen sind alle mit einem breiten oberen Dornfortsatz versehen, der allein am ersten Rückenwir- bel kleiner, selbst niedriger und isolirter abgesondert bleibt, Die grossen Querfortsätze zeigen gleiche Länge unter sich, nehmen aber an Breite zu; obgleich weniger, als die oberen Dornfortsätze, denen sie in relativer Breite so ziemlich entsprechen. Dagegen sind die schie- fen oder Gelenkfortsätze an allen Rückenwirbeln schwächer, als an den Halswirbeln. Die Beweglichkeit der Gelenkungen zwischen ihnen scheint von vorn nach hinten stark abzu- nehmen und darum werden auch in entsprechendem Grade die Fortsätze kleiner.
Anm. Die Zahl der Hals- und Rückenwirbel des Seriema ist zur Abschätzung zoologischer Verwandtschaften nicht eben geeignet. Psophia besitzt 16 Hals- und 10 Rücken-Wirbel. Grus cineres, die einzige” Art der Gattung, welche ich vergleichen kann, hat 18 Hals- und 9 Rücken- wirbel, obgleich 10 Paar Rippen; denn die letzte erreicht den Wirbelkörper nicht mehr, sie en- det rudimentär im Fleische. Otis tarda zeigt 14 Hals- und 9 Rückenwirbel; Gypogeranus serpen- tarius je 1 weniger, d. h. 13 Hals-, 8 Rückenwirbel, also ebensoviele wie Dicholophus.
$. 15.
Von den Rippen des Seriema ist wenig zu sagen, ihre richtige Zahl ist acht, wovon gewöhnlich sechs, mitunter auch nur fünf an das Brustbein stossen. Die erste ist stets ein kleiner dreieckiger Fortsatz, welcher mit zwei Schenkeln vom Wirbel ausgeht; der schlankere Schenkel heftet sich vorn an den Körper des Wirbels, der kürzere von unten her an den Querfortsatz, Auf dieselbe Art sind alle folgenden Rippen befestigt, wobei der Wirbelschen- kel, welcher das capitulum wit dem collum costae umfasst, immer länger, der andere Schen- kel, der dem tuberculum costae entspricht, immer kürzer wird. Von diesem Punkte an wird die bis dahin drehrunde Rippe flach und geht in leichter Krümmung gebogen nach unten und hinten. Erreicht sie das Brustbein nicht, so wird sie allmälıg schmäler und spitzer; setzt sie sich aber mittelst des Sternocostalknochens an das Brustbein, so wird sie.nach un- ten etwas breiter und erreicht ihre grösste Breite grade am untersten Ende. Die vierte, fünfte, sechste und siebente Rippe jeder Seite haben unter der Mitte einen kurzen Hakenfortsatz, der
scharf nach oben gerichtet ist, aber die nächstfolgende Rippe noch lange nicht erreicht. Die achte Rippe ist zwar die längste, aber etwas schwächer gebaut, als die vorhergehende; die sechste und siebente haben fast gleiche Länge und gleiche Stärke. — Die Sternocostal- knochen sind stark gebaut, in der Mitte mehr drehrund, am oberen Ende flach gedrückt, am unteren in einen breiten angeschwollenen Kopf erweitert, der in eine Gelenkgrube am Brust- beinrande passt. Sie nehmen von vorn nach hinten schnell an Länge zu, und krümmen sich in demselben Maasse etwas mehr; die zwei oder drei ersten sind grade. In der Regel scheinen nur die fünf hinteren Rippen solche Verbindungsbeine zu haben, mitunter findet auch an der sechsten, der dritten von vorn, sich ein Sternocostalknochen, selbst nur an einer Seite. Bei dem grössten Exemplar meiner 3 Rumpfskelette finde ich folgende Maasse:
Länge der ersten Rippe 5 Linien. Länge der zweiten Rippe 17 Linien. Länge der dritten Rippe 22 Linien. Länge der vierten Rippe 24 Linien. Länge der fünften Rippe 25 Linien. Länge der sechsten Rippe 25 Linien. Länge der siebenten Rippe 26 Linien. Länge der achten Rippe 29 _ Linien. Länge des ersten Sternocostalbeins 4 Linien. Länge des zweiten Sternocostalbeins 8 „Linien. Länge des dritten Sternocostalbeins 12 Linien. Länge des vierten Sternocostalbeins 14 Linien. Länge des fünften Sterncosotalbeins 181/, Linien. Länge des sechsten Sternocostalbeins ‘ 24 Linien.
In beiden Fällen sind nur die graden Distanzen vom Capitulum bis zum andern Ende gemessen, die Krümmungen mitgerechnet würden jene Angaben beträchtlich grösser werden.
Anm, Ich habe schon erwähnt, dass die erste Rippe stets sehr rudimentär und nicht bei allen Exemplaren noch isolirt ist; nur eins hat an der dritten Rippe einen Sternocostalknochen, welcher den anderen beiden Exemplaren fehlt. Vollständig ist er sogar nur an der einen Seite vorhanden. Nach den Angaben von A. Wacner scheint das Skelet zu München auch sechs Sterno- Costalbeine zu besitzen. Marrın hat 7 Rippenpaare, worunter 2 falsche angegeben, also die erste rudimentäre Rippe übersehen, und 5 Sternocostalbeinpaare gefunden. Die Zahlenverhält- nisse von Psophia, Grus, Otis ünd Gypogeranus erhellen aus meinen früheren Angaben. Psophia hat sieben Paare ganzer Sternocostalbeine und ein achtes halbes, das sich dem vorhergehenden anfügt; bei Grus sind acht vollständige Paare und ein ähnliches unvollständiges aber grösseres neuntes Paar vorhanden; bei Otis finde ich sechs Paar vollständiger und ein Paar unvollständiger Sternocostalbeine; bei ‚Gypogeranus nur sechs vollständige. : Er und'Otss haben viel solidere brei-
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tere Rippen mit starken Haken, Grus sehr zarte schwache und Psophia ebenfalls schwächere als Dicholophus, aber die Haken daran sind, relativ grösser.
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Das Brustbein zeichnet sich durch einen ungemein hohen, stark am Rande gebogenen Kamm aus, was um so merkwürdiger ist, als die Flügel klein und das Flugvermögen des Seriema sehr gering ist. Damit harmonirt die im: Ganzen geringe Grösse der Platte. Von der Fläche gesehen (Fig. 8. von innen) hat es eine länglich vierseitige Form ; der vordere Rand ist grade und durch einen mittleren kurzen Vorsprung in zwei gleiche Abschnitte ge- theilt; auch die Aussenecken treten merklich nach oben und innen hervor. Die Seitenränder sind auch fast ganz grade, ziemlich diek und mit:5 oder 6 Gelenkgruben für die Köpfe der Sternocostalknochen versehen; diese reichen bis auf zwei Drittel der Länge; im letzten Drit- tel, oder etwas mehr, ist der Seitenrand scharf und am Ende in eine ziemlich lange etwas einwärts gebogene Spitze ausgezogen, welche durch einen tiefen ovalen Busen von der mittle- ren Spitze des Kammes getrennt wird. Letztere ist länger und breiter als die seitlichen, am Ende etwas erweitert und von einem breiten, spatelförmigen Knorpelsaum umgeben. Die Fläche des Brustbeins ist nach aussen stark gewölbt, nach innen hohl, am Vorderrande sehr verdickt und der auf ihr sitzende Kamm anfangs schief zurückgezogen, dann stark nach vorn übergebogen, zugespitzt, am freien Rande kreisförmig gebogen und hinten schnell sehr stark erniedrigt; seine Substanz ist dünn und durch Eindrücke für den: musculus pectoralis minor
vorn noch mehr geschwächt. Die Grösse des Knochens erhellt-aus nachstehenden Dimensionen:
Ganze Länge bis zum Ende der Knorpelspitze 54 Linien. Breite zwischen den Vorderecken 18%/, Linien, Länge des Seitenrandes 33 Linien. Tiefe der hinteren Busen bis ans Ende des Knorpels 22 Linien. Länge des Kammes 44 Linien. Höhe an der erhabensten. Stelle 13... Linien. Tiefe der Brustbeinplatte an der Innenfläche 11 . Linien. Breite der Gelenkfläche für das Schlüsselbein 7 Linien.
Anm. Die Form des Brusibeines steht etwas isolirt und schliesst sich an keine Vogelfamilie innig an. Psophia, die offenbar am nächsten verwandte Gattung, hat ein relativ viel längeres, schmäleres Brustbein, das hinten ganz grade abgestutzt ist, völlig wie beim Kranich, und weder eine mittlere, noch seitliche hervorragende Spitzen zeigt. Das Brustbein von Otis würde man ver- möge des Hinterrandes, worin jederseits zwei kleine Buchten sich befinden, für analog: gebildet ansehen können, wenn nicht die solide breite Form der Platte und der hinten hohe, sehr dicke,
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vorn abgerundete Kamm ihm ein ganz anderes, viel massiveres Ansehn gäben. Die Aehnlichkeit dieses Brustbeins mit dem von Charadrius, Vanellus, Glareola etc. ist unverkennbar. Von den breiten, bauchigen Brustbeinen der Raubvögel, denen Spitzen am Hinterrande fehlen, kann nun vollends nicht die Rede sein, und die übrigen Luftvögeltypen stehen ihm noch viel ferner. Die meisten Analogien zeigen gewisse Sumpf- und Wasservögel; namentlich die Fulicarien und Py- gopoden, bei denen am Hinterrande zwei ähnliche Busen bemerkt werden. Vgl. Bertnoun Beitr. 2. Anat. Zoot. u. Phys. Taf. VII. u. VM. Fig. 20. u. Fig. 34.
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Das Becken (Fig. 6. 7.) des Seriema ist eben nicht sehr kräftig gebaut, wenn man be- denkt, dass der Vogel hauptsächlich läuft und von seinen Flügeln nur in der Noth Gebrauch macht. Es enthält, wie wir. bereits erwähnt haben, dreizehn Wirbel, deren. erster innig mit dem letzten Rückenwirbel verwachsen ist. Von ihm ab nehmen die Wirbelkörper an Breite zu, aber an Länge ab, bis zum fünften, welcher nicht bloss der breiteste, sondern auch der kürzeste ist; alsdann ziehen sich die Wirbelkörper bis zum Llten mehr zusammen ‚, werden aber etwas länger und höher; die beiden letzten (12 u. 13) sind wieder breiter und. flacher als die vorhergehenden. Die Körper aller dieser. Wirbel bilden einen gemeinschaftlichen Kno- chen, dessen Zusammensetzung aus Wirbeln nur an den davon ausgehenden Querfortsätzen zu erkennen ist. Der Anfang des Knochens ist nach unten gewölbt,, wie ein: gewöhnlicher Wir- bel, aber schon am zweiten wird er flach, dann sogar etwas vertieft bis zum sechsten; hier plattet er sich zu einer Ebene ab, die seit dem zehnten Wirhel zu einem leichten aber scharfen Kiel längs der Mitte aufsteigt. Die Querfortsätze sind hohe, scharfe Kanten, die kreisrunde oder ovale Lücken zwischen sich lassen. Bis zum fünften Wirbel nehmen die Querfortsätze an Länge ab, an Dicke zu, daher die Lücken zwischen ihnen schnell kleiner werden; der Quer- fortsatz des sechsten Wirbels ist verkümmert und deshalb zwischen. dem‘ fünften und siebenten eine gemeinsame sehr grosse Lücke; der siebente Wirbel. hat den längsten. Querfortsatz, die folgenden sind kürzer, schwächer und darum. die Lücken zwischen. ihnen allmälig grösser; der Querfortsatz des elften Wirbels ist sehr stark ‘nach hinten gerichtet, die des zwölften und dreizehnten sind flach, breit, wagrecht abstehend und ihre Lücken aus diesem Grunde wieder
kleinere runde Löcher. Der dreizehnte hat auf der Rückseite mitunter einen selbständigen Dorn- fortsatz und seine Querfortsätze stossen an das Darmbein nur zum Theil; da er aber beständig mit dem zwölften innig verwachsen ist, so muss man ihn noch zum Kreuzbein rechnen. —
Das Darmbein des Beckens ist sehr schlank, besonders der vordere Theil, welcher sich nur wenig über dem letzten Rückenwirbel seitwärts ausbreitet,, dagegen ihn von oben ganz und den vorletzten zur Hälfte bedeckt. Von da bis zum Pfannengelenk zieht es sich unter einen Bogen zusammen, und bildet dann plötzlich mit dem eingeschlossenen Kreuzbein eine
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breite, rautenförmige Rückenplatte, deren grössere mittlere Fläche von dem durch eine ge- schwungene Naht begrenzten Kreuzbein eingenommen wird. Die Pfannengrube ist sehr tief und über ihr ragt ein stumpfer, aber sehr äabstebender Höcker am Rückenrande des Darm- beines hervor. In dieser Gegend hinter dem Höcker laufen die Ränder der Darmbeine paral- lel, sind seitlich abgerundet und neben dem letzten Kreuzbeinwirbel in einen zweiten kleineren Höcker hervorgezogen, von dem an die Schenkel des Darmbeins etwas divergirend nach hin- ten auseinander weichen. Vor ihrem Ende haben sie einen dritten Randhöcker und hinter dem- selben eine stumpfe grade Spitze, die bis ans Ende des vierten Schwanzwirbels reicht. Zwi- schen Darmbein und Sitzbein ist gleich hinter der Pfannengrube ein länglich ovales fora- men ischiadicum, das bis in die Gegend des zweiten Randhöckers am Darmbein reicht*) ; das foramen obluratorium ist klein und liegt unter der vorderen Ecke des foramen ischiadieum ; ein kleiner stumpfer Höcker amı Rande des Sitzbeines bildet seine Grenze, Nach hinten reicht das Sitzbein ebensoweit, wie das Darmbein und endet hier mit einem ausgeschweiften schar- fen Rande. Das Schambein ist sehr zart; es beginnt ziemlich breit vom untern Rande der Pfanne und wendet sich nach hinten und unten zum Rande des Sitzbeins, mit dem es sich erst weit hinter dem foramen obturatorium, in der Gegend des dritten Höckers am Darmbein, verbindet. Nun wird es etwas breiter, scharfkantig, läuft am Rande des Sitzbeins fort, er- reicht seine grösste Breite dicht vor dem Ende desselben und biegt sich dann, allmälig. ver- schmälert, unter einem Bogen so stark nach unten und innen, dass zwischen den Enden bei- der Schambeine nur eine sehr kleine Lücke bleibt.
Von innen betrachtet zerfällt das Becken durch eine scharfe Kante, die unter der Pfanne sich hinzieht und mit den Querfortsätzen des elften und zwölften Wirbels zusammentrifft, in eine obere und untere Abtheilung; jene enthält die Nieren, diese die Darmwindungen. Wo die Beckenknochen an die Kreuzwirbel-Querfortsätze stossen, bilden sie einen aufgeworfenen breiten Rand zum solideren Ansatz.
Die äussere oder Rückenfläche des Kreuzbeines ist bis zum vierten Wirbel von den Darm- beinen dächartig bedeckt, dann tritt sie hervor und bildet eine Ebene, worauf anfangs die Dornen der Wirbel als eine Längsschwiele, hernach durch kleine zwischengelagerte Grübchen, angedeutet sind; nur zwischen den 3 letzten Wirbeln bemerkt man Spuren von Löchern oder Grübchen, welche die Lücken zwischen den Querfortsätzen andeuten. —
Die Grössenverhältnisse des Beckens sind aus nachstehenden Maassen zu entnehmen:
Länge der 13 Wirbelbeine 38 Linien. Abstand der Pfanne vom Vorderrande 29 Linien.
*) Nach der Abbildung von A. Wacner ist dies Loch an dem Münchener Skelet sehr viel kürzer; es hat dort fast eine kreis- runde Form; bei allen 3 Skeleten, die ich besitze, ist; es lang oval.
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Ihre Entfernung vom Hinterrande des Darmbeins 30 Linien. Länge des Darmbeinkammes über den’ Wirbeln 17 Linien. Abstand der vordersten Darmbeinhöcker von einander 22‘/, Linien. Abstand der mittleren Darmbeinhöcker von einander 22 Linien. Abstand der hintersten Darmbeinhöcker von einander 23°/, Linien. Abstand der vordersten Darmbeinhöcker yon den hinteren Spitzen der Darmbeine 31 Linien. Weite der Pfannengrube 54/, Linien. Länge des foramen ischiadicum 11 Linien, Länge des foramen obluratorium 4 Linien. Länge des Sitzbeins von der Pfanne bis zur hintersten Spitze 30'/, Linien. Länge des Schambeins ebendaher, ohne die Krümmung 40 Linien. Grösste Breite der Darmbeine am Vorderrande 13 Linien, Breite derselben an der schmalsten Stelle über. dem dritten Wirbel 9 Linien. Innerer Abstand der Pfannen von einander 10 Linien. Vorderer Abstand der Schambeine 15 Linien. Grösster Abstand derselben in der Krümmung 26 Linien. Abstand ‚ihrer Spitzen von einander 3. Linien, Breite des Tien (breitesten) Wirbels ‚bis zum Ende der Querfortsätze 15 Linien. Breite des 12ten (schmälsten) ‚Wirbels zwischen denselben Punkten »- 7 Linien, Breite des Sien (kräftigsten). Wirbels. in derselben Richtung 72/3 Linien.
Anm. In der Form des Beckens spricht sich die Verwandtschaft mit dem Kranich am deut- lichsten aus, selbst das Becken von Psophia ist minder ähnlich gestaltet, als- das des Kranichs. Zu diesen Aehnlichkeiten gehört ganz besonders: die schmale, hoch dachförmige Gestalt der vor- deren Hälfte der Darmbeine, welche bei beiden Vögeln völlig übereinstimmt, während derselbe Theil bei Psophia relativ viel breiter gebaut ist. Eine überraschende Aehnlichkeit zwischen eben diesem Theil des Beckens und dem der Raubvögel, zumal des G@ypogeranus, lässt sich nicht verkennen, doch breiten sich die vorderen Enden der Darmbeine bei ihnen stets mehr aus, als bei Dicholo- phus und Grus;.sie ähneln noch mehr dem Typus von Psophia. Dicholophus und Grus schliessen sich andererseits zunächst an die Fulicarien, mit denen überhaupt Grus in einer nahen ver- wandtschaftlichen Berührung steht. Uebrigens haben Psophia und Grus funfzehn Wirbel im Becken, von denen drei (der 6—8te) keine Seitenfortsätze abschicken. — Viel solider, breiter, flacher ist das Becken von Ofis gebaut und darin, namentlich auch in der hohen isolirten Lage des Kreuzbeines, ein ganz anderer Vogeltypus ausgesprochen. Von Grus, wie von Otis, unterschei- det sich Dicholophus durch die bei jenen Vögeln völlig isolirten, nicht an das Sitzbein angelehnten Schambeine, welche weniger gekrümmt sind und an ihren Enden viel weiter von einander abstehen. Bei Psophia trifft nun der letztere Umstand zu, aber die Schambeine berühren die Sitzbeine sogar
an zwei Punkten, einen vorn, den andern hinten. Ganz analog ist dagegen in dieser einfachen hin- tern Berührung und der ebenso zart gebauten vordern Hälfte Dicholophus mit Gypogeranus und
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anderen Raubvögeln. Darin indessen mehr, als eine blosse Analogie zu sehen, verbietet die hohe Form der-Sitzbeine, das weite foramen ischiadicum und die relativ viel geringere Grösse des gan- zen Beckens hinter der Pfanne. Freilich haben auch Psophia und Grus eben diesen Theil viel kürzer als Dicholophus, oder wie man sich richtiger ausdrücken müsste: der vordere schlanke Theil des Beckens ist bei Dicholophus mehr verkürzt; wie man schon daraus sehen kann, dass sein Ende nur eine ‚Rippe überdeckt und die zweite erreicht, während bei Psophia und Grus zwei Rippen ganz davon überdeckt werden und die dritte noch erreicht wird. Das ist auch bei Otis und bei- nahe auch bei Gypogeranus der Fall und daher erscheint bei allen diesen Vögeln die Strecke des Beckens hinter der Pfanne kürzer, die davor länger als bei Dicholophus.
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Der Schwanz ist fein gebaut und besteht aus sieben Wirbeln, deren Grösse im Kör- per bei den ersten fünf ziemlich dieselbe ist; jeder hat drei Linien Länge. Desto ungleicher sind die Querfortsätze. Zwar stellen sie an allen flache, schief nach hinten horizontal ab- stehende, am Ende zugerundet erweiterte Lappen dar, aber jeder folgende ist beträchtlich klei- ner als der vorhergehende. Umgekehrt verhalten sich die Dornfortsätze, sie nehmen an Höhe zu,, und: neigen sich je mehr nach hinten um so sichtlicher' nach vorn, zugleich etwas schlan- ker und spitzer werdend. An den vier vorderen Schwanzwirbeln ist der Körper unten flach, am fünften und sechsten bemerkt man vorn zwei scharfe, parallele Höcker, die schief nach vorn hervorragen und kleine, gespaltene untere Dornfortsätze bilden; sie rücken mit jedem folgen- den Wirbel dichter zusammen und verfliessen am sechsten zu einem einfachen, nur am Ende getheilten Höcker.. Dieser Wirbel ist etwas schlanker als die anderen und in normaler Stel- lung nicht mehr gesenkt, wie die 5 vorderen, sondern nach hinten aufgerichtet. Auf ihm ru- het senkrecht schwebend der grosse dreiseitige etwas gebogene, einer gekrümmten Pfeilspitze nicht unähnliche Endwirbel *).
Anm. Der Schwanz des Seriema ist zwar nicht so fein gebaut, wie der von Psophia, dem eine ganz ungemeine Kleinheit zukommt, obgleich er ebenfalls sieben Wirbel enthält; aber er steht doch so auffallend ‚hinter der groben Bildung des Schwanzes von Otis zurück, dass kaum eine Vergleichung beider Vögel darin möglich bleibt. Hingegen finde ich bei Grus, der auch sieben Wirbel hat, ziemlich ähnliche Verhältnisse, obwohl die Querfortsätze relativ kürzer sind und. nicht so wagrecht stehen. Gypogeranus hat in Uebereinstimmung mit den Raubvögeln einen viel kräfti- geren Schwanz mit stärkeren, dickeren, mehr drehrunden als flachen Dornen. Auf die Anzahl von
7 Wirbeln darf weniger Werth gelegt werden, weil sie bei den Vögeln überhaupt die gewöhnlichste Grösse der Schwanzwirbel ist. —
*) Bei dem Münchener Skelet enthält dieser letzte Schwanzwirbel, nach Nırzsca, am untern Rande zwei ungleiche Löcher hinter einander, welche die Lücken von drei mit einander innig verwachsenen kleinen Wirbeln zu sein scheinen; der Endwir- bel bestände also eigentlich aus 3 Wirbeln und die Zahl aller wäre deren 9 im Schwanze,
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Die Vorderglieder zeichnen sich in allen Theilen durch Kleinheit und Schwäche aus, sie stehen: in ihren Dimensionen den entsprechenden Abschnitten verwandter Vögel sehr nach, nur Psophia bleibt ‚auch "darin dem verwandtschaftlichen Typus treu. —
Zuvörderst hat der Schultergürtel eine sehr geringe Stärke und wieder in ihm das Gabelbein eine für die Grösse des Vogels übertriebene Schwäche, Es bildet einen dünnen, Vförmigen Knochen, dessen : Schenkel Sförmig gebogen sind, um. mittelst dieser Krümmung sich ‚dem Schlüsselbein und Kamme des Brustbeines möglichst parallel zu halten. Nach oben erweitern und verdicken sie sich etwas, berühren den gespaltenen Kopf des Schlüsselbeins an zwei Punkten und gehen neben ihm an der Innenseite vorbei zur äussersten Spitze des Schul- terblatts. Nach unten wird das Gabelbein immer schwächer, grätenförmig dünn und endet mit einer ‚schiefen Spitze, wodurch beide Hälften zusammenhängen, ohne innig. verwachsen zu sein; nur eine, ligamentöse Verbindung findet zwischen ihnen Statt, die allmälig fester wird und bei ganz alten Individuen zu verknöchern scheint, Alsdann bildet sich eine kleine, nach unten hervorragende gemeinsame Spitze, die den jüngeren Vögeln, wo die Enden ‘noch ge- trennt sind, völlig fehlt. Die Länge des ganzen Gabelbeins beträgt bei dem grössten Exemplar 30 Linien, bei dem kleinsten 26 Linien.
Das Schlüsselbein ist der stärkste Knochen des Schultergürtels, 24—25 Linien lang, ganz grade, nach beiden Enden zu verdickt, aber am oberen mehr kolbig gestaltet, am un- teren flacher und bloss erweitert. Dies untere Ende zeigt. also eine vordere gewölbte und eine hintere hohle Fläche, einen scharfen inneren wie äusseren Seitenrand und eine leicht ge- bogene schmale Endfläche, welche die Gelenkung mit dem obern Rande des Brustbeines bil- det. Auf der äusseren Fläche läuft eine stumpfe innere und eine scharfe äussere Kante herab, die. sich. in halber Höhe des Knochens verlieren; die äussere rührt von der. Anlage des klei- nen Brustmuskels her, In’ der Mitte ist der Knochen drehrund und nieht .dieker als ein dün- ner Federkiel; nach oben verdickt er sich wieder und bildet hier einen ziemlich grossen zwei- theiligen Kopf. Die äussere Abtheilung des Kopfes ist dicker,’ höher, drehrunder und breitet sich nach vorn, wie nach hinten, in einen. stumpfen Höcker aus; die innere Abtheilung. bildet einen. dünnen zusammengedrückten Haken, der mehr nach vorn als nach hinten gerichtet ist
und. die Höhe. der äusseren Abtheilung nicht erreicht. In ‘die Lücke zwischen ‘diesen beiden Abtheilungen legt sich das obere Ende des Gabelbeins ; und bildet dadurch ein rundes Loch, welches scheinbar ‘den Kopf des Schlüsselbeines durchbohrt und. indem sich der dreieckige Kopf des Schulterblatts darüber biegt, nach hinten zwei verschiedene Ausgänge erhält.
Das Schulterblatt, einen leicht gebogenen dünnen, nach oben seharfkantigen, nach
unten mehr abgerundeten Knochen darstellend, verengt sich etwas nach vorn, wird rundlicher, Abh. d, Nat. Ges. zu Halle. Ir Band. B)
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stärker, und geht hier in einen dreiseitigen Kopf über, dessen drei Endecken zu zwei starken Höckern anschwellen. Der obere vorderste Höcker stösst an die Spitze des Gabelbeines und verbindet sich zugleich mit dem oberen Höcker der äusseren Abtheilung des Schlüsselbeines ; der untere Höcker stösst zugleich an die innere Abtheilung des Schlüsselbeinkopfes und an die äussere, er verbindet sich breit mit dem Schlüsselbein vor seiner Trennung in zwei Abthei- lungen und bildet, indem er sich nach aussen von dem untern Höcker der äussern Abtheilung des Schlüsselbeinkopfes zurückzieht, mit diesem zusammen die Gelenkgrube für den Ober-, arm. Die ganze Länge des Schulterblatts beträgt 37 Linien; es endet mit einer scharfen Spitze hinter der sechsten Rippe und ist in seiner hinteren Hälfte längs der Mitte etwas vertieft.
Anm. Die Bildung des Schultergürtels hat sehr viel Eigenthümliches bei Dicholophus. Bei Psophia ist zwar die Verbindung der drei Knochen am Schultergelenk völlig ebenso, aber sowohl das Gabelbein, als auch das Schlüsselbein sind viel kürzer und kräftiger. Ersteres ist ziemlich breit, flach und unten in eine lange Spitze vorgezogen; letzteres hat statt der innern Abtheilung am Kopfe eine hohe, scharfe, sehr breite innere Randfläche, welche sich schon vor dem Ende an das Gabelbein anlehnt. Auch erreicht die Spitze des Gabelbeins den Kamm des Brustbeins so eben, wälirend bei Dicholophus zwischen beiden eine Lücke von 4—6 Linien bleibt. Grus hat viel Aehnlichkeit mit Dicholophus, aber das viel kräftigere gradschenkelige Gabelbein verwächst be- kanntlich mit der Spitze des Brustbeinkammes, und das sehr dicke Schlüsselbein ist relativ. viel kürzer. Otis zeigt mehr Aehnlichkeit mit Psophia, als mit Dicholophus; das kurze, breite, kräftige Gabelbein erreicht indessen die crista stern nicht, weil letztere abgerundet ist, nicht vorgezogen, wie bei Dicholophus, Psophia und Grus. Analogien zu den Raubvögeln sind nicht da, wenigstens keine besonderen neben den allgemeinen des Vogelgerüstes.
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Der Oberarm ist 48—51 Linien lang, an der breitesten Stelle des oberen Endes 192-—-13 und des untern Endes 91/;—10 Linien breit, in der Mitte nur 4—4?/, Linien stark und übrigens von der allgemein gewöhnlichen, leicht Sförmig gekrümmten Gestalt. Der ei- gentliche Gelenkkopf ist ziemlich klein, durch eine tiefe Furche von dem grossen, langgezoge- nen, abgerundeten Endrande gesondert; über ihm erhebt sich ein hoher, senkrechter Kamm auf dem obern Rande. Die pneumatische Oeffnung ist ein weites rundes Loch unter dem Ge- lenkkopf in der Achselgrube, Die mittlere Gegend des Knochens ist drehrund, mit einer schwachen Kante auf dem obern Rande; das untere Ende ist in die Quere gezogen und in drei abgerundete Höcker gesondert: an dem oberen quergestellten gelenkt der Radius, an dem mittleren langgezogenen hauptsächlich die una. Der dritte kleinste Höcker steht mehr zurück und nach hinten; er schützt das Gelenk als Randleiste, nimmt Theil an der Gelenkung der Ulna, und dient Muskeln des Vorderarmes zum Ansatz.
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Die Elle oder Ulma hat mit dem Oberarm genau gleiche Länge, aber nicht ganz dessen Stärke; sie ist drehrund, oben mit einer 'queren zweitheiligen Gelenkfläche versehen, von der nach unten ein kleines, stumpfes Olecranon ausgeht, und am untern: Ende einfach kreisrund begrenzt, mit tiefer Gelenkfurche, im Uebrigen etwas zusammengedrückt. Schwache Spuren der Schwungfedern sind auf ihrer Aussenfläche bemerkbar.
Die Speiche oder der Radius ist sehr viel feiner und ein wenig kürzer, anfangs abgebogen von der Elle, dann ihr mehr genähert, zuletzt fast parallel; die Gelenkenden sind schwach und ohne besondere Eigenheiten. —
Im Handgelenk sind die gewöhnlichen zwei Knochen unterscheidbar. Die Hand selbst ist kurz ‘und erreicht |nur zwei Drittel des Vorderarms. Der kleine Daumen besteht aus einem Gliede von 6 Linien "Länge, ‘ohne Kralle. Der Zeigefinger hat ein grosses Grund- glied von 20*/, Linien Länge, woran unten der starke Höcker für den Daumen hervorragt; es ist ganz grade, stumpf dreikantig, an beiden Enden verdickt; das zweite Glied misst 91/, Linien, das: dritte 4 Linien. An jenem erweitert sich (der. dreikantige Knochen nach innen in einen schwachen Kamm mit zwei schiefen Grübchen. Der dritte Finger ist schwach; sein Grundknochen zwar ebenso lang wie der des Zeigefingers, aber an beiden Enden mit ihm ver- wachsen und am Grunde so verengt, dass er sich nur an den Knochen des andern Fingers’ anlehnt. Anfangs weicht er unter einem starken Bogen sehr von ihm zurück, dann nähert er sich ihm wieder. Es ist ein dünner flacher Knochen mit erhabenen Seitenrändern, der am untern Ende über den Zeigefingerknochen etwas hervorragt, ‘Daran gelenkt das zweite kleine 5 Linien lange Glied als eine stumpfe, dreiseitige, nach innen etwas erweiterte Knochenspitze. —
Anm. Völlig analog verhält ‚sich das Armgerüst von Psophia. Grus hat relativ viel längere Knochen, namentlich ist sein Vorderarm viel länger als der Oberarm; auch weicht die Elle weni- ger von der Speiche durch grössere Stärke ab. Otis übertrifft, bei relativ kürzeren Knochen, darin noch Grus; bei beiden sind auch die ersten Fingerknochen unter sich ganz parallel und die fol- genden Glieder relativ viel länger. Von Gypogeranus gilt dasselbe; Hand und Vorderarm sind grösser. Eine gewisse Aehnlichkeit scheint mir zwischen den kurzen Hühnerflügeln und denen von Dicholophus auch im Knochengerüst Statt zu finden; zumal in der Krümmung des ersten hinteren Fingerknochens.
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Die merkwürdigsten Körpertheile des Seriema sind nicht sowohl wegen ihrer beson- deren Formen, als wegen der überraschenden Länge, die hintern Extremitäten. Vergleicht man sie mit der Länge des ganzen Körpers, den Hals mit eingeschlossen, so hat dieser Vo-
gel, nächst dem Secretär (Gypogeranus ‚serpentarius), das längste Bein von allen; nur der H*
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allein übertrifft den Seriema noch. Ich finde die'ganze Körperlänge vom Anfange des Halses bis zum Ende des Schwanzes an meinem: Skelet des Seriema 17 Zoll, die des-Beines bis zu den Zehen 21 Zoll; das Skelet des Hallischen anatomischen Museums von Gypogeranus misst 18 Zoll vom Anfange des Halses bis Ende des Schwanzes, aber seine Beine. bis zu den Zehen betragen 25 Zoll. Bei den übrigen langbeinigen ‘Vögeln ist auch stets der Hals sehr lang und. darum die Grösse des Beines relativ viel geringer; selbst der langbeinige Flamingo steht dem Dicholophus und Gypogeranus sehr nach. Das: ist der Hauptgrund gewesen, diese beiden übrigens so heterogenen Vögel in eine Familie 'zusammenzuwerfen *).
Der Oberschenkelknochen ist 31 —3'k Zoll lang, mässig dick, drehrund, an beiden Enden sehr angeschwollen und ohne pneumatische Beschaffenheit, wie das ganze: Bein. Der grosse Trochanter hat eine sehr breite fast kreisrunde Form und ist nirgends bemerk- bar zugespitzt, der Schenkelkopf ziemlich klein, aber der Hals dick, besonders nach aussen zu. Die beiden untern Condyli sind ungleich, der. äussere viel stärker, aber beide scharf durch eine tiefe Gelenkfurche getrennt. Auf: der äusseren Fläche’ des äusseren Condylus zeigt sich eine tiefe Furche, welche einen kleinen oberen kürzern Condylus für. das Wadenbein absondert. —
Die Kniescheibe ist klein und: hat eine quere leicht gebogene Form; sie hängt an einer langen Sehne, ‚und reicht dadurch bis über die Gelenkköpfe am Schenkelknochen hinauf. —
Der Unterschenkelknochen ist der längste des Skelets, er misst 9, — 9%, Zoll, An seinem oberen Ende besteht er aus Schienbein und Wadenbein, aber das. letztere ist sehr schwach und reicht nicht völlig bis zur Mitte des’ ersteren hinab. —
Das Schienbein hat einen dicken breiten Gelenkkopf, dessen Endfläche um einen Höcker ein Grübchen bildet, hinten mit zweihöckerigem Rande vortritt und darunter abgeplattet, selbst etwas vertieft ist. Vorn trägt es einen ungemein hohen, abgerundeten, weit vorragen- den Kniehöcker, der an seinem Grunde zwei kleinere Höcker neben sich hat und selbst zu einer dünnen kreisrunden Platte mit. verdicktem Rande. senkrecht emporsteigt. Der innere Ne- benhöcker ist kleiner, und liegt vor dem inneren Condylus; der äussere bildet einen hohen, schief abstehenden, mit der Spitze abwärts gerichteten Haken vor dem Kopfe des Wadenbeins, und beschreibt dadurch eine fast allseitig von knöchernen Wänden begrenzte starke Vertiefung **). So hoch und scharfkantig finden sich diese Theile wohl bei keinem andern Vogel. Unter den Kniehöckern wird das Schienbein schnell schmäler, bleibt aber noch in die Quere gezo- gen; später nähert es sich dem drehrunden Umriss und behält in der unteren Hälfte nur eine
ganz schwache Aussenkante. Ueber dem unteren inneren Gelenkkopf zeigt sich die bekannte
*) Wollte man die Zehen mitrechnen, so würden die langzehigen Parren wohl die längsten Beine unter den Vögeln ha- ben, Diese Bezeichnung wäre aber gewiss eine sehr misshräuchliche. **) Es ist diese allen Vögeln in analoger Form zustehende Lücke zwischen dem äusseren Kniehöcker und dem Wadenbein, wel-
che der Prinz y, Nkuwıen als eine geschlossene, dem Seriema eigenthümliche Rnochenkapsel beschrieben hat, Beitr. IV, 575.
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Knochenbrücke ‘zum Durchgange ‚der Sehne des Zehenstreckers als eine ziemlich breite, flache, schiefe Leiste neben dem Rande, ‘der zum Condylus geht. Beide untere Gondyli sind gross, scharfkantig, aussen vertieft und viel breiter als hoch.
Das Wadenbein ist sehr schwach; es ragt oben mit einem ziemlich dicken, stumpf- eckig dreiseitigen Condylus über das Schienbein hervor und legt sich damit in die Furche am condylus exiernus femoris; dann zieht es sich schnell zusammen, ist von vorn nach hin- ‚ten comprimirt und abgekrümmt vom Schienbein, wodurch zwischen beiden ‚eine: ovale Lücke von 4—5 Linien Länge entsteht. Unter ‚denselben. legt. sich das Wadenbein auf eine Strecke von 1‘ Zoll wieder an das Schienbein an, verwächst mit ihm, wird schnell sehr dünn und löst sich darauf wieder unter der Form einer feinen Knochengräte von ihm ab. So gestaltet reicht es noch 2 Zoll am Schienbein hinab und verschwindet hier, indem es in seine Substanz ganz allmälig übergeht. Die ganze Länge des Wadenbeins beträgt 4—4'/, Zoll, —
Der Laufknochen erreicht beinahe die Länge des Schienbeines; er misst 81,— 8! Zoll. Er beginnt oben mit einem starken Gelenkkopf, der am Ende zur Aufnahme des Schienheins zweimal ausgefurcht ist. Darunter zieht sich. der Knochen zusammen, nachdem er 'zuvörderst vier stumpfe Kanten dargestellt hat, von denen die vorderen allmälig niedriger, am Knochen hinablaufen, die hinteren schnell abgestutzt enden. Später erheben sich an der hinteren Seite wieder zwei Kanten, von denen besonders die äussere hoch und scharf. ist. Dadurch erhält der Laufknoten ein vierkantig prismatisches Ansehn , wobei jedoch die. leichte Vertiefung der Flächen ‘zwischen den Kanten nicht zu übersehen bleibt.‘ Die. äussere ist von den vier Flä- chen die breiteste, die hintere die schmälste, ‘Im letzten. Viertel ‘des Knochens nehmen die Kanten an Höhe ab, besonders: die hinteren; der Knochen nähert sich der cylindrischen Form und. wird zuletzt platt nach vorn und hinten. So geht er in den unteren dreitheiligen Gelenk- kopf,; dessen mittlerer Höcker am: stärksten hervorragt, über. Jeder von diesen drei Höckern bildet. einen für. sich ausgefurchten. selbständigen 'Gelenkkopf zum‘ Ansatz einer der drei vor- dern Zehen. In der Furche, welche von oben herab zwischen den äusseren und mittleren Ge- lenkkopf sich .begiebt, ist das gewöhnliche kleine Loch zum Durchgange der Sehne des ad-
ductor digiti externi vorhanden.
Anm. Die bisher betrachteten Theile des Knochengerüstes der hinteren Extremität zeigen die allervollständigste Uebereinstimmung mit. Psophia; alles ist genau ebenso, auch die Form der Lei- sten und Höcker am Kniegelenk. Nächstdem harmonirt Grus am meisten darin mit Dicholophus ;
namentlich auch in der relativen Länge der Theile und in der Form der Knieleisten. Otis hat ei- nen
viel plumperen Bau, einen relativ viel längeren Schenkel, viel kürzeren Lauf und sehr viel dickere Knochen. Am Kniegelenk sind die Knorren und Leisten dicker, rundlicher und das Wa- denbein reicht weit über die Mitte hinaus am ‚Schienbein hinab.‘ Gypogeranus, in den relativen Dimensionen der Knochen höchst ähnlich, gleicht dem Seriema weniger in deren Formen; beson-
ders am Knie, dessen Leisten und Höcker niedriger, kleiner erscheinen. Ein bemerkenswerther Unterschied liegt in der Form der Leisten oben am hinteren Rande des Laufknochens unter dem Hackengelenk. Keiner von allen diesen, Vögeln hat, hier zwei so völlig gleiche oberste Randhöcker, selbst bei Psophia ist der innere viel grösser, als der äussere und beide sind dichter aneinander gerückt. Grus geht noch weiter, er hat nur einen einzigen sehr hohen langen Höcker, der nach aussen etwas dicker und mehr abgeplattet ist, als nach innen; Otis ähnelt Psophia, doch stehen die beiden ungleichen Höcker viel weiter von einander ab und darin harmonirt die Gattung mehr mit Dicholophus. Bei Gypogeranus sind die 2 Höcker ebenso weit von einander entfernt, wie bei Dicholophus, aber viel kürzer, am Grunde verbunden abgeschnürt und nach unten in eine starke Kante verlängert, die bei Dicholophus nur als Schwiele auftritt.
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Die Osteologie der Zehen ist die gewöhnliche; Dicholophus hat vier Zehen mit zunehmender Gliederzahl. Eigenthümlich bleibt nur ihre auffallende Kürze für einen so gros- sen Vogel und darin kommt kein anderer ihm näher, als Gypogeranus; selbst Psophra hat relativ bedeutend längere Zehen.
Die erste oder hintere Zehe ist sehr klein, sehr hoch nach oben gerückt und so kurz, dass sie den Boden nicht einmal mit der Spitze berührt. Ihr kleines Metacarpusbeinchen hängt am untern Ende der inneren Randkante des Laufknochens, ist anfangs dünn, flach, ver- dickt sich dann und bildet eine Endfläche, woran das kurze Zehenglied mit dem hakig ge- bogenen Krallengliede sich ansetzt. Alle 3 Knochen sind zusammen kaum. 1 Zoll lang.
Die zweite, innerste Zehe hat 2 ziemlich gleich lange Grundglieder und ein sehr gros- ses stark gebogenes Krallenglied; die Länge des ersten Gliedes beträgt 6 Linien, die des zweiten 5° Linien. Das Rrallenglied ist völlig so stark gekrümmt, wie bei den Falken und mit einem ganz ähnlichen Nagel bekleidet, dessen Spitze frei über dem Boden schwebt und völlig unabgenutzt ist.
Die dritte oder mittlere der drei vorderen Zehen ist die längste, sie misst 21, Zoll, wovon auf das erste Glied 11", Linien, auf das zweite 7 Linien, auf das dritte 5 Linien und der Rest auf das Krallenglied kommen. In demselben Maasse nimmt die Stärke der Glie- der ab. Das erste hat einen sehr dicken condylus basalis und ist überhaupt das stärksie Ze- henglied. Das Krallenglied ist sehr wenig gekrümmt, und die Kralle selbst ist sehr abgenutzt. Am Grunde erhebt sich ihr Innenrand leistenartig, an den Kamm der Reiher erinnernd; das Ende ist schnell: zugespitzt.
Die vierte, äusserste, Zehe ist die zierlichste und schwächste; sie hat 1 Zoll 7—8 Li- nien Länge und besteht aus fünf Gliedern, deren Grössenverhältnisse folgende sind. Erstes Glied 77/4 Linien, zweites Glied 3 Linien, drittes Glied 2'/a Linien, viertes Glied 21, Linien,
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fünftes Glied 5°, Linien. Die Kralle auf ihm ist zwar etwas stärker gekrümmt, als an der dritten Zehe, aber lange‘ nicht 'so stark, wie an der zweiten; ihre Spitze ist abgenutzt und ihr Rand nirgends erweitert.
Anm. Eine Vergleichung dieser eigenthümlichen zierlichen Fussbildung des Seriema mit anderen Vögeln ist nicht gut möglich, weil keiner so kurze Zehen bei so langen Beinen besitzt, als nur er und Gypogeranus. Raubvogelartig aber ist der Fuss von Dicholophus durchaus nicht; die kräftige solide Form aller Knochen, namentlich auch des Krallengliedes; die tief unten angesetzte Hinter- zehe, die überall gleich stark gekrümmten und gleich scharfen Krallen, lassen eine nähere Verglei- chung mit G@ypogeranus nicht zu.
$. 23.
Wir ‚schliessen die Betrachtung der Osteologie des Seriema mit einigen Angaben über die Pneumaticität seines Knochengerüstes. Es gehört nicht zu den besonders luftreichen, was schon die geringe Entwickelung seines Flugvermögens wahrscheinlich macht. Nicht pneuma- _ tisch ‚sind am Schädel nur einige kleine. Stellen; z.B. der untere Verbindungsknochen des Thränenbeins und das Jochbein. Am Halse ist der Atlas ohne Luft; im Brustkasten zeichnet Sich das kleine schwache Gabelbein durch den Mangel lufthaltiger Räume aus; auch die fünf letzten Schwanzwirbel sind an meinen Skeleten nicht pneumatisch. Der vorderen Extremität fehlt die Luft vom Ellenbogengelenk an, der hinteren dagegen in allen ihren Knochen. Die übrigen Stücke des Knochengerüstes sind pneumatisch.
Anm. Bei dem Skelet von Psophia in unserer Sammlung ist, mit Aüsnahme des Gabelbeines und aller Schwanzwirbel, die Pneumalicität auf dieselben Knochen beschränkt. Grus dagegen be-
sitzt zwar ein pneumatisches Gabelbein, aber keine lufthaltigen Schwanzwirbel. Bei Otis ist noch
der Oberschenkel pneumatisch, bei Gypogeranus ebenfalls, und bei beiden auch der Schwanz nebst dem Gabelbein.
2. Splanchnologie des Seriema. Hierzu Tafel Il.
(Lagoa santa, d.. 16—20. Juli, 1851.)
$. 24.
Nach Eröffnung: der Rumpfhöhle erschienen zuvörderst die Luftzellen, von denen die Leberzelle (Fig. 1. IM) durch Zerreissung beschädigt war. Die rechte vordere Sei- tenzelle (1) erfüllte den unteren Seitenraum der Brusthöhle und reiehte von der hinter- sten Rippe bis vorn aus der Brusthöhle über die grossen Blutgefässe hinaus eine kurze Strecke am Halse hinauf. An der vorderen Hälfte ihres inneren Randes liegt der Bogen der Aorta, Die linke vordere Seitenzelle (ll) nimmt den entsprechenden Raum an der an- deren Seite der Rumpfhöhle ein, ist aber viel kürzer, weil die hintere Seitenzelle hier höher hinauf’ reicht. . Sie begiebt sich nach vorn ebenfalls über die Carotis bis zur Halswur- zel und. liegt hier, wie die rechte zwischen dem Oesophagus und der Halsmuskulatur, so zwi- schen der. Luftröhre und dem Halse 'eingeklemmt, von den unter ‘ihr verlaufenden grossen Blutgefässen gleichsam getragen. ' ‚ Den mittleren Raum zwischen diesen beiden Luftzellen er- füllt der Herzbeutel mit dem Herzen und den grossen Blutgefässstämmen. Die beiden hin- teren Seitenzellen (IV) liegen hinter den vorderen und erstrecken sich an beiden Seiten der Bauchhöhle bis: zu ihrem. Ende ‚hinab. Ganz vorn haben sie die Leber, demnächst im mittleren Theile ihres Laufes den Magen’ zwischen sich, hinten umfassen sie die Windungen des Darmkanales und sind hier mit der Darmzelle. verwachsen. Die linke Seitenzelle ist be- trächtlich ‚länger als die rechte, denn sie reicht, bis zur dritten wahren Rippe, die rechte da- gegen nur bis zur fünften ;. hinten enden beide: in der Gegend der Schenkel des Schambeines, — In dem Raum zwischen diesen 'beiden Darmzellen ist das Netz über oder vielmehr unter den Eingeweiden ausgebreitet, Es beginnt vom hinteren Rande der Leberzellen und überkleidet, von dort ausgehend, die ganze unten freie Seite des Magens, innig und fest mit ihm durch Anwachsen verbunden. Neben dem Magen heftet es sich zu jeder Seite an die Seitenluftzellen und hinter dem Magen hängt es frei unter den Eingeweiden bis zum Ende der Bauchhöhle hinab. Es ist eine zarte durchsichtige Membran, aber etwas derberen Baues, als die Haut der Luftzellen, und unterscheidet sich leicht von den letzteren durch die Fettmassen, welche in dem Netze eingeschlossen sind. Sie bilden flache dünne Fettstreifen von verschiedenem Um- fange und röthlich-gelber Farbe. Eine sehr grosse Gruppe mit breiten sternförmig angeord- neten Lappen sieht man an der linken Seite des Magens hinaufsteigen. Ihr gegenüber treten
an der rechten Seite nur isolirte ovale oder runde Blättchen auf, welche sich auch über den Anfang des Magens unter die Leberenden ausdehnen.
Ebensolche aber grössere Fettmassen
u Mi =
enthält das Netz hinter dem Magen. Sie sind hier zu zwei unregelmässigen Reihen geordnet und breiten sich mehr über die Seiten des Netzes neben den hinteren Seitenzellen aus. Ein
schmaler Fettbogen zieht sich quer durch das Netz an seinem Ende hin. Das Ende selbst ist frei. —
Anm, Die Luftzellen des Seriema bieten nichts Eigenthümliches dar, sie verhalten sich wie die Zellen der meisten Vögel. Ihre Mündungen aus der Lunge her, welche der Regel nach in der hin- teren Hälfte jedes Lungenflügels liegen müssen, habe ich nicht deutlich gesehen, weil die Lunge durch den Schuss stets verletzt und mit Blut gefüllt war.
$. 25.
Unter den Eingeweiden der Rumpfhöhle nimmt der Nahrungskanal mit seinen Anhängen bei weitem den grössten Raum ein und bietet sich dadurch der Betrachtung zu- nächst dar. Als erster Abschnitt desselben läuft noch ausserhalb der Rumpfhöhle der Schlund (Oesophagus) am Halse herab. Derselbe bildet bei Dicholophus ein einfaches Rohr von 1%, Zoll Umfang und 6 —7 Zoll Länge, Seine Wandung ist ziemlich derbe und seine innere Oberfläche in unregelmässige stumpfe Längsfalten gelegt, die äussere dagegen prall. Eine kropfartige Erweiterung ist nicht vorhanden. Der Oesophagus liegt mehr an der rechten Seite des Halses, während die Luftröhre mehr nach links geschoben ist. Dies Verhältniss ändert Sich, sobald beide zwischen die Gabel des Schultergürtels treten, denn jetzt drängt sich der Oesophagus nach oben, die Luftröhre nach unten, und bald liegen beide nicht mehr neben einander, sondern unter einander. An eben dieser Stelle verengt sich der Oesophagus be- merklich; er wird, je tiefer er in die Rumpfhöhle eindringt, um so enger, bis er den Raum hinter dem Herzen erreicht hat. Da ist sein Ende. Eine kleine kaum 1 Zoll lange ellipti- Sche Anschwellung, deren äussere Oberfläche ein höckeriges Ansehn gewährt, sondert sich hier vom Nahrungskanal als selbständiges Glied ab und bildet den Vormagen (V). Jenes höckerige Ansehn rührt von den zahlreichen elliptischen Drüsenbälgchen 'her, womit die innere Oberfläche . desselben in gedrängter Anordnung besetzt ist. Jede Drüse hat die Grösse eines Senfkomnes nd an ihrer nach innen gewendeten Seite eine offene Mündung, welche in die Höhle des Vormagens führt. Ich zählte beim Seriema 16—20 Drüsen in jeder Längsreihe, 25 — 30 in den mittleren Querreihen, und 14-18 in den ersten und letzten Querreihen, da wo der Vormagen den geringsten Umfang hat. Nimmt man von diesen Zahlen das Mittel, so darf man die Menge aller Drüsen im Vormagen auf 350 anschlagen, Eine Ansicht desselben von innen gewährt, die Zeichnung, Taf. Il. Fig. 5.5; von aussen ist er in Fig. 3. unter V. dar- gestelli. — Der Magen (M) ist ein grosser Sack mit dicken Wandungen von wahrhaft pomeran-
2enförmigem Ansehn, aber stärker zusammengedrückt, also niedriger, als jene Frucht. Er steht auf Abh. d. Nat. Ges, zu Halle. Ir Band. 6
der. hohen Kante mitten!in. der Bauchhöhle, so dass. seine ‚beiden breitesten-fast ebenen Flä- chen nach. links, und ‚rechts; gewendet sind, Dabei neigt er sich ein wenig. mehr auf: die rechte ‚Seite. Sein vorderes Ende mit der Ein- und Ausmündungsöffnung ist etwas niedriger, als das entgegenstehende hintere, und deshalb erscheint er, von der Höhe betrachtet, hier breiter, als yorn. Ziemlich auf der Mitte einer jeden von beiden breiten ebenen Flächen, doch etwas mehr ‚nach. vorn gerückt, zeichnet sich eine. weisse, ‚sehnige, ‚kreisrunde. Scheibe aus, welche ‚den bogenförmig über die gewölbten. Ränder des Magens gespannten :Muskelfasern zum Ansatz dient. Von den Rändern jener Scheiben gehen die: Muskelbündel aus, : divergiren unter einander, werden aber doch je weiter von der Scheibe um so dicker und breiten sich in die Fläche aus, so dass sie eine zusammenhängende Muskelwand um den am stärksten gekrümmten Theil des Magens bilden. Diese Wand ist anfangs, an der Sehnenscheibe, kaum */» Linie, dick, schwillt aber später bis auf 1/,—2 Linien Dicke an, und erreicht da- mit, so namentlich am. ‚hintersten Ende des Magens, ihre, grösste Stärke. Sie ruht. nach in- nen ‚auf einer ‚weichen -filzigen Haut, die innig: mit; den. Muskelfasern verwachsen: ist und wird äusserlich. von: dem, angewachsenen. Theile des Netzes, oder einer viel dünneren Mesen- terialschieht, bekleidet:, ‚Ueber jener inneren filzigen Magenhaut, ‚der Trägerin des Muskelfelles, verbreitet sich die, ‚derbere ‚feste: lederartige innerste Magenhaut, welche. auch. beim Seriema nur locker an jener auderen Haut anhängt und „sich ebenso leicht abziehen lässt, wie bei andern Vögeln mit, lederartiger Magenauskleidung, z: B. den ‘;Hühnern. ' Nichtsdestoweniger. kann man den Magen von Dicholophus durchaus, nicht. mit dem der Hühner vergleichen; denn. von ihren grossen, dickfleischigen, halbkugelförmigen. Magenmuskelo ist bei ihm keine Spur; sein Magen ist vielmehr ein. weiter. Sack. mit muskulöser Wandung, aber kein eigentlich. ‘wahrer. Muskel- wagen. ‚Auch zeigt, die, innerste lederartige. Magenhaut keine Spur. von Falten; sie ist gleich- mässig eben, wenn; auch, nicht glatt, ‚sondern wie rauhes Leder, filzig. rissig, fast faserig. We- der an,.der, Cardia, noch. am Pylorus, ‚bildet sie einen ‚scharfen. Absatz, sondern ‘sie verliert sich, an beiden Stellen, ganz; allmälig. Scharfe Grenzfalten sind dort; nicht. vorhanden, Jene beiden schon erwähnten Magenmündungen: liegen ganz am: vordersten. Ende. des Magens, dicht neben einander: ‚Die Cardia, welche. vom Vormagen her in. den Magen: hineinführt, ‚hat einen eiwas grösseren Umfang, als ‚der; über. ihr. gegen den Rücken hin, doch etwas. zur. Seite ge- wendete Pylorus. Eine schwache Strictur, die äusserlich kaum bemerkt wird, trennt an die- ser Stelle den Magen vom Dünndarm; zwischen: Magen und Vormagen. ist die Abgrenzung. be- stimmter, wenigstens; äusserlich ‚bezeichneter, die Oeffaung. aber, ;welche von. hier in. den Magen führt, doch weiter, als der. Umfang des Pylorus. —
Anm, Der Magen des Seriema stimmt; mit dem -diekwandig fleischigen Magen des Kranichs
gar nicht, überein, aber ebenso wenig mit dem: schlaffwandigen fast häutigen Mägen der Tra ppe® Namentlich | ist, die, beutellörmige. Form, desselben. bei, Otis, abweichend. Die meiste Achnlielikeit
—
zeigt der Magen der Störche, sowohl durch seine pomeranzenförmige Gestalt, als auch durch die Beschäffenheit der ziemlich muskulösen Wandung; doch ist der Magen der Störche relativ viel flacher, ihre Sehnenscheibe grösser und die muskulöse Peripherie kleiner. Der Mangel des Kropfes harmonirt mit dem Typus der Sumpfvögel und ebenso die Gestalt des Vormägens, der auch dem Storehtypus analog ist; die Reiher besitzen bekanntlich einen relativ viel grösseren Vormagen.
$..26.
Der Dünndarm entspringt aus dem Magen zwar nach vorn, wendet sich aber sofort mit einer beträchtlichen Krümmung nach hinten, um die bis fast ans Ende der Bauchhöhle reichende Schlinge zu bilden, in welcher das Pancreas seine Stelle erhalten hat. So weit diese Schlinge reicht, und namentlich bis zum Einmündungspunkte der Gallen- und pancreati- schen Gänge, ist der Dünndarm steilwandig, prallrund und etwas unregelmässig fein quer- Sefurcht, wegen der Muskelfasernringe, die ihn hier umgeben; sein Durchmesser beträgt auf dieser Strecke /; Zoll, sein Umfang also I Zoll. Hernach wird der Dünndarm schlaff- häutig und hat in Folge dieser Eigenschaft ein schr üngleiches, wenig geregeltes Ansehn ; bald ist er eng und drehründ, bald bauchig aufgetrieben, bald flach ausgebreitet, je nachdem an dieser oder jener Stelle sich mehr Contenid in ihm angesammelt haben. So, erstreckt er Sich in vielfachen: Windungen hinter’ dem’ Magen durch die Bauchhöhle und erreicht eine Länge von 33 Zoll. Da münden in den Darmkanal die beiden Blinddärme und bezeichnen So den Anfang des Diekdarmes. Letzterer ist nur an der Eimnmündungsstelle der Blind: därme" weiter als der Dünndarm, übrigens aber weder in Förm «noch Bau von letzterem ver- Schieden , erst gegen das Ende wird er etwas festwändiger. Seine Länge bis zur Kloake be- Wwägt 5° Zoll. Sie-ist eine weite, innen kurz zotlige, wie chagrinirt erscheinende, querellipti- Sche Höhle vor dem After, die noch die uretherae und bursa Fabriei in sich aufnimmt. — Die Blinddärme haben ganz das Ansehn des Dünndarmes und seine dünnwandige Beschaffenheit. Sie erweitern sich allmälig von ihrer Einmündung in den Darmkanal nach öben und erreichen bis zu ihrem Anfange hinauf fast den doppelten Umfang. Jeder von ihnen ist durch eine Mesenterialfalte, die Fettstreifen neben den Blutgefässen einschliesst, innig an den Dünndarm "befestigt, «und beide begleiten denselben, ‘gleichsam als zwei gegenüber stehende Anhänge, so’ weit sie reichen, 'd. K. auf eine Länge von 13 Zoll. ‘Der rechte Blind- dar ist noch etwas länger und an seinem Anfange in einen engeren Zipfel ausgezogen, der \inke beginnt stumpf zugespitzt. Beide liegen mit dem Theile des Dünndarmes, an dem Kar a nahen, in Ir IORIOENER . Pen BRDNNKEEEEE —_— ven Ben und
6*
Anm. Die Beschaffenheit des Dünndarmes weist auf keine nähere Verwandtschaft entschieden hin; aber . die langen Blinddärme passen entschieden zum Typus der Kraniche, Wasser- hühner und Trappen, welche nächst dem Seriema wehl die längsten unter den nicht hüh- nerartigen Vögeln besitzen. Beim Kranich pflegt ihre Länge 4—5 Zoll zu betragen, bei der Trappe dagegen 2—3 Fuss, wobei indessen die sehr grosse Länge des ganzen Darmes ebender- selben nicht zu übersehen ist. Beim Seriema scheint übrigens ihre Länge grossen Schwankungen zu unterliegen, denn Marrın giebt die Länge des ganzen Darmes zu 2 Fuss 10 Zoll, die der Blinddärme nur zu 7°/, Zoll an, d. h. wenig über halb so lang, wie ich sie gefunden habe. Die innere Oberfläche des Darmkanales, worüber ich mir nichts notirt habe, obgleich ich die Därme alle öffnete und auf. Eingeweidewürmer untersuchte, beschreibt Marrın im Dickdarm als längsfaltig; die
Zotten in der Kloake führt er ebenfalls an. — Einen Divertikel habe ich nicht bemerkt. — $. 27. Mit dem Darmkanal stehen in Verbindung die Leber und das Pancreas. — Erstere
liegt in normaler Stellung so vor dem Magen, dass ihr hinterer Rand noch etwas unter sei- nen Anfang vorragt. Sie besteht aus zwei ziemlich gleichen Hälften, die eigentlich völlig getrennt sind, aber in. der Tiefe vor dem Magen durch einen breiten Isthmus verbunden werden. Nach vorn klaffen beide Hälften weit von einander und nehmen in den dadurch ge- bildeten dreieckigen Raum das Herz zwischen sich, Der etwas grössere rechte Leberlappen hat 2'/ Zoll Länge und über 1 Zoll Breite; er ist an beiden Enden abgestutzt mit gerun- deten Ecken und etwas flacher, d.h. nach innen und oben niedriger, als der linke. Unter dem rechten Lappen liegt in seiner hinteren Hälfte die Gallenblase in einer freien Lücke, welche zwischen dem Lungenflügel, dem Leberlappen und dem Magen übrig bleibt. Die Gallen- blase ist herzförmig gestaltet, so gross wie eine mässige Haselnuss, nach vorn stumpf, nach hinten spitz und dort mit einem Ausgange versehen (dem ducius cysticus), welcher in grader Linie zu dem über dem Magen befindlichen aufsteigenden Aste der Dünndarnischlinge hinüber- geht und in denselben einmündet. Dieser Punkt ist gegen 9 Zoll vom Pylorus entfernt. Der linke Leberlappen hat nur 2 Zoll Länge, aber zumal nach hinten eine beträchtlichere Dicke; er ist an beiden Enden zugespitzt, am hintern aber mehr als am vordern. : Aus ihm, oder eigentlich aus dem Isthmus, welcher beide Lappen verbindet, entspringt mit 2 divergirenden weiten Aesten, die vom linken und rechten Lappen herkommen, der Lebergang (ductus hepa- ticus), ein dem Gallengange ähnlicher aber längerer Kanal, welcher dieselbe Richtung wie die- ser einschlägt und */, Zoll vor ihm in den Dünndarm sich einsenkt. — Auch das Pan- creas ist in zwei ziemlich gleiche Hälften getheilt. Jede von beiden bildet einen langen, schmalen, ungleichmässig eingeschnittenen, röthlich grauen Drüsenkörper in der schon be- schriebenen Schlinge des Dünndarms. Beide Drüsen sind nach hinten etwas spitzer, sonst aber bald einzeln, bald unter sich, etwas schmäler oder etwas breiter gestaltet. Sie liegen
ne A ann
dicht neben einander, innig durch die zarte Mesenterialfalte, welche die Darmschlinge einhüllt, mit einander verbunden. Nach vorn gehen sie aus der Schlinge frei hervor und kommen hinter die Leber, nur noch von dem längeren aufsteigenden Aste der Schlinge begleitet, aber weniger noch an ihn angeheftet. Wie sie in die Gegend der Gallengänge kommen, begeben sie sich zu ihnen; das eine etwas längere Pancreas windet sich zwischen beiden durch, das andere legt sich nur an sie an, und hier entsenden beide Pancreas ihre Ausgänge zum Dünn- darm, ' Die pancreatischen Gänge münden in ihn zwischen den Gallengängen, nicht hinter ein- ander, sondern neben einander, und zwar etwas näher am ductus choledocus, als am ductus eysticus.. Sowie das eine Panereas im Ganzen etwas grösser ist, als das andere, so auch sein Ausgang. Andere Unterschiede aber zeigen sie nicht.
In der Nähe der eben betrachteten Organe findet sich auch die Milz. Obgleich kein Anhang des Darmkanals, ist sie doch innig mit der Leber durch eine Mesenterialfalte ver- bunden, welche sie nahe an die neben dem Isthmus der Leber verlaufende Pfortader heran- zieht. In geordneter Lage entspricht sie der Symmetrie nach der Gallenblase, denn so wie letztre über‘ dem rechten Leberlappen die Lücke zwischen Lunge und Magen ausfüllt, so die Milz auf der linken Seite. Sie ist ein weiches, schwarzgrau gelärbtes Organ von mandelför- migem Umriss, fast einen Zoll lang, auf der einen Seite hoch gewölbt, auf: der andern flach, mit einer Längsfurche, die zum Ein- und Austritt der Blutgefässe bestimmt ist. In dem Fett, was diese Gegend umgiebt, fand ich noch 2 kleinere Milzen, eine ovale von der Grösse eines Apfelkernes, doch gleichmässig zugespitzt, eine zweite, sehr kleine, kaum grösser als ein Senf- korn und wie dieses gestaltet. Beide sind mit dem Hauptorgan Taf. II. Fig. 3. unter S. S. S. So abgebildet, wie ich sie auf der umgeklappten Leber liegen sah, als ich die Organe in die zur Zeichnung gewählte Stellung gebracht hatte. —
Anm. Die fast genau gleiche Grösse beider Leberlappen ist wieder ein Verhältniss, das auf- fallend an den Typus der Raubvögel erinnert. Bei der Trappe ist der rechte Lappen breiter und etwas länger als der linke, beim Kranich der linke noch viel kürzer. Die Milz ist beim Kranich sehr gross, wohl so gross wie ein kleines Hühnerei; bei der Trappe zwar kleiner, doch auch grösser als beim Seriema, fast so gross wie ein Taubenei, und bei beiden gewölbter. Neben- Milzen scheinen bei ihnen nicht vorzukommen.
$. 28.
Es bleibt der Darminhalt zu erwähnen. Kropf und Vormagen enthielten nichts Bestimm- tes
s nur im ersteren sassen hier und da einige grosse Ameisenköpfe eingebissen, deren Rumpf das Schlingen schon weiter befördert hatte, Im strotzend und prall gefüllten Magen des ersten Exemplars fanden sich nur Insecten; zwei Drittheile derselben waren Feldheuschrecken (Acri-
diodea), ein Drittel Ameisen, besonders die berüchtigte und schädliche grosse Atta cephalotes. Dazwischen bemerkte ich hier und da einen Käfer, selbst ein Paar Bienen. Die andern Exem- pläre ‚enthielten mehr Raupen, als ausgebildete Insecten im Magen, und hei mehrern 'war diese Kost innig mit rothen Beeren, vom Ansehn unserer Preusselsbeeren, ‘gemischt. Mitten darin steckte ‚bei dem Einen ein grosser Klumpen Gummi von klarer Substanz, wie'er geronnen an Bäumen zu „sitzen pflegt. Im Dünndarm fand sich ein homogener, breiartiger Schleim, der im: ersten Drittel ‚eine gelbe, im übrigen eine graue Farbe besass. Dieselbe theilte sich den entsprechenden Darmabschnitten mit, Die Blinddärme enthielten denselben grauen schlei- migen Chymus, der Dickdarm war leer. — Inzwischen lebt der Seriema nicht bloss von In- secten, sondern auch von Schlangen, wie alle Brasilianer übereinstimmend berichten und darum den Vogel in hohen Ehren halten. ‘Ja es ist sogar gesetzlich verboten, ihn zu schiessen, eben jener Schlangennahrung wegen, die indessen mehr eine Nebenkost, 'äls‘ein Hauptgericht des Seriema zu sein scheint. Kann der Vogel Schlangen von mittlerer Grösse haben,. so 'ver- zehrt er sie, unter Beobachtung eigener Vorsichtsregeln, welche sachkundige Augenzeugen mir wie folgt angegeben haben. Sobald der Seriema eine Schlange erblickt hat, verräth er durch sein ganzes Benehmen eine Art innerer Aufregung, ‘wie Wuth, die ihn antreibt, das Thier zu erlegen; er stürzt auf die Schlange los und packt sie ganz besonders mittelst der starken gekrümmten Kralle an der Innenzehe seines Fusses, Hat er sie ergritfen, so senkt'er den Flügel wie ein Schild vor seinen Beinen herunter und passt stieren Blicks auf'die Bewegungen der Schlange. Wie dieselbe sich hebt, schlägt der Vogel mit dem starken Handgelenk seines Flügels nach ihr, und wiederholt diese Schläge so lange, bis die Gefangene betäubt oder halb- todt am Boden liegt. Dann erst, und nie früher, ergreift er sie mit: dem Schnabel und tödtet
sie durch Zerreissung oder Zerquetschung völlig, sie nunmehr als willkommene Beute ver- zehrend.
Anm. Die berührte Schlangennahrung, welche indessen nur eine untergeordnete für den Vogel zu sein scheint, weist nochmals auf die Aehnlichkeit mit dem Secretär hin, kann aber schwerlich als ein Verwandtschäftsgrund angesehen werden. Sie scheint mir indessen die ehorme Lang- beinigkeit beider Vögel einigermaassen zu erklären; die Natur suchte diese Geschöpfe durch die langen Beine vor den tödtlichen Bissen ihrer Beute möglichst sicher zu stellen. —
$. 29,
Unter den noch übrigen ‘Organen der Rumpfhöhle bieten Herz und Lungen keinerlei auszeichnende ‚Charaktere dar. Erstres liegt nach unten, dicht über dem Brustbein, ‘vorn zwi= schen: den Leberlappen, von ‘seinem Beutel ‘umschlossen , und hat die Grösse einer langgezog- nen Wallnuss. Die Herzkammern sind gross, sehr fleischig und durch eine breite, orangen-
Pe TPBREER
farbige. Fettbinde äusserlich von den Vorhöfen gesondert, Mitten zwischen denselben tritt die Aorta aus dem Herzen "hervor. * Sie entsendet uninittelbar nach ihrem Austritt zwei kräftige Gefässe nach vorn und wendet sich alsbald zur rechten Seite, krümmt sich nach hinten und steigt hier, über dem rechten Bronchialast fortseizend ‚ zwischen den Lungenflügeln auf der Wirbelsäule bis zur Beckenhöhle hinab, nach und nach die gewöhnlichen Gefässe abgebend. Jene. beiden. grossen Gefässe, welche schon vor dem Bogen aus der Aorta entspringen, sind die trunci anonyme, welche in divergirender Richtung vorwärts streben, Luftröhre und Oeso- phagus zwischen sichnehmen und ‘so den ‘Grund des Halses erreichen. Hier tkeilt sich jedes Gefäss in ;3: auseinanderlaufende Aeste. Der innerste Ast bleibt am Halse und bildet die carotis, der "mittlere geht als arteria subclavia zum Arm, der dritte kleinste vertheilt sich in'/die Muskulatur am Brustbein und ist die arteria pectoralis exierna s. thoracica, Ihren weitern Verlauf habe ich nicht verfolgt.
Die Lungen sind so lang wie der Raum von den hintern 6 Rippen. Sie erfüllen den Raum über dem Herzen zu beiden Seiten der Wirbelsäule, sind fest an die Brusthöhlenwand ngewachsen und ungelheilt. Etwas vor ihrer Mitte nehmen sie die kurzen Trachealäste in Sich ‚auf, \.. Beide. Bronchi entspringen von dem erweiterten letzten Trachealringe, ohne alle be- Sondere Auszeichnung. Auch die Trach ea hat nichts Bemerkenswerthes; sie ist überall gleich- Weit, nur so lang wieder Hals und aus 100 Ringen zusammengesetzt. ‘ Zwei‘ ziemlich starke Mmusculi \sternolracheales (m. m. ) befestigen sie an das Brustbein. An ihrem ‘oberen 'Ende zeichnet sich die Stimmritze durch eine beträchtliche Grösse aus; die Polsterwülste neben ihr ‚sind ‚nicht sehr hoch und am breiteren Hinterende mit einer doppelten Reihe weisser Lacken besetzt; die viel kleinern Innenlappen "haben nur je 6 stachelförmige Zacken (Taf. N. Fig. 4,). „Andere bemerkenswertbe' Gebilde am Kehlkopf sind nicht da,
Einen-'ähulichen Besatz hat auch die vor der Stimmritze befindliche Zunge, sie ist ein- » länglich dreiseitig, der Länge nach etwas vertieft ‚ an den Seiten leicht verdickt, vorn 2ugerundet, hier hornig, dann fleischig, hinten in 2 divergirende Spitzen ausgezogen, und #Wischen. diesen. mit. einer doppelten Reihe feiner Spitzen besetzt; ihre Oberfläche ist grössten- theils glatt, nur am: Vorderende und in- der Mitte rissig, schwielig. Der Zungenbeinkörper ist ba kleiner. kurzer kolbiger Knochen, der an seinem breiteren Hinterende die Hörner und einen feinen mittleren Knorpelgriffel trägt; die Zungenbeinhörner haben dieselbe knöcherne Beschaffenheit
und bestehen aus drei (Gliedern, von denen das erste, vorderste, bei weitem das längste, beinahe doppelt so lang. wie
(Taf, II, Fig. 4. a).
fach
das zweite, und: das dritte sehr kurze eine blosse Knorpelspitze ist.
Anm.
Die Zunge des Kranichs, obgleich viel länger und etwas spitzer, hat ganz den Bau
der Zunge des Seriema; ihr vorderer Seitenrand ist erhaben und wie die einfache Spitze hornig; hernach wird die Zunge fleischig,
eben und endet hinten mit.zwei kurzen Lappen, deren Ende in
@
Pa VE
5 von innen nach aussen successiv grössere Zacken getheilt ist. Bei der Trappe ist die Zunge flach, ganz fleischig, vorn etwas gespalten, aber nicht bloss am Hinterende, sondern an der ganzen hintern Hälfte des Seitenrandes mit abwechselnd grösseren und kleineren Zacken besetzt. Aehnliche Zacken stehen neben der Stimmritze, während bei Grus ihr Rand, wie bei Dicholophus, glatt ist und bloss am Ende des Kehlkopfes zwei Zackengruppen auftreten. Der Zungenknorpel richtet sich nach der Form der Zunge. Der Zungenbeinkörper ist beim Kranich zwar länger, aber er trägt die Hörner am breiten Endrande, grade wie Dicholophus, während sie bei Otis zu beiden Seiten am Ende des Seitenrandes sitzen. Endlich stehen die beiden ersten Glieder der Zungenbeinhörner in demselben Verhältniss zu einander bei Grus, wie bei Dicholophus, während bei Otis das vordere relativ kürzer und das hintere relativ länger ist. Dagegen weichen beide Gattungen von Dicho- lophus durch den viel längeren Zwischenknorpel ab. Die Zunge des Kranichs ist in Kocus bayer. Zool. I. Taf. VII. Fig. B. abgebildet, die von Ofis beschreibt Nrrzsch in Naumanns Vögeln Dischl.
$. 30.
Unmittelbar hinter den Lungen beginnen die Nieren. Jede Niere besteht aus drei völlig getrennten hintereinander geordneten Lappen, Der oberste ist ziemlich breit, vollkommen mandelförmig gestaltet, unten flach, nach oben mehr gewölbt und nach innen in einen kur- zen Fortsatz verlängert, der mit demselben von der andern Seite zusammentrifft, Von dem hintern innern Rande dieses ersten Theils der Nieren nimmt der Harnleiter (Urethra) mit weiter trompetenförmiger Mündung seinen Anfang, hier liegt also das Nierenbecken. Hinter dem vorigen liegt der zweite, länglich rautenförmige, an den Ecken stark abgerundete Lappen. Er stösst mit seinem oberen schmalen Rande an den ersten Lappen, erreicht mit dem graden Innenrande den Nachbar von der andern Seite, schlägt sich mit dem ausgebuchteten Aussen- rande um die Kante des Darmbeins nach oben herum, hier in die eigentliche Beckenhöhle eindringend, und liegt mit seinem hintersten abgerundeten Lappen auf der unter ihm am obern Rande des Darmbeines verlaufenden Arteria cruralis. Auf seiner untern Fläche ist auch die- ser Lappen eben, aber der ganzen Länge nach parallel den langen Seiten von einer Furche durchzogen, worin der Harnleiter seinen Lauf nimmt; die obere Seite ist hoch gewölbt und innig an die innere Fläche des Darmbeines angedrückt. Seiner Länge nach ist dieser zweite Lappen der grösste von allen, überhaupt ‚aber auch grösser als die andern beiden, Der rechte und linke sind nicht ganz gleich gestaltet, der letztere ist etwas kürzer und an der Aussen- seite durch eine ‘Querfurche, die senkrecht auf die Urethra. stösst, in 2 ungleiche elliptische Lappen getheilt. Der dritte Nierenlappen hat in der Hauptsache eine dreieckige Form, allein auch seine Ecken sind ganz abgerundet. Er liegt oben in der Beckenhöhle unter dem Kreuz- bein und verdeckt dasselbe, indem er mit seinem Nachbar. in der. Mittellinie zusammentrifft. Seine längste Seite ist die innere, seine kürzeste die nach vorn gewendete, womit er an den
zweiten Lappen stösst; seine untere Fläche ist eben, mit einer geschwungenen Längsfurche, die der Harnleiter ausfüllt; seine obere gewölbte liegt innig an der Fläche des Kreuzbeines. Die beiden Harnleiter, in den beschriebenen Furchen der Nierenlappen verlaufend, reizen sich anfangs, auf dem zweiten Nierenlappen, gegeneinander, und entfernen sich auf dem dritten wieder mehr voneinander. In der ersten Hälfte ihres freien Theiles hinter den Nieren laufen sie parallel, dann biegen sie sich auswärts zur Wand der Beckenhöhle, sind an diese ange- heftet und krümmen sich mit ihr nach hinten zu wieder einwärts, bis sie die Kloake erreicht haben. Hier, an der obern hinteren Wand, münden sie in dieselbe ein. — Zwischen ihren Mündungen, die 2 kleine Pupillen in der Kloakenhöhle bilden, sieht man eine, dritte grössere von einem, aufgeworfnen Rande umfasste Oeffnung, die Mündung der bursa Fabricü. Jene Oeffinung führt in einen mässigen Sack mit ziemlich fleischiger Wandung, .der unausgedehnt oval ist, sich aber zu einer langen eylindrischen Höhle erweitern lässt. Er liegt in normaler Stellung über der Kloake, dicht unter dem hintern Kreuzbein zwischen den Schwanzmuskeln, die convergirend die Seiten der höchsten Stelle der Beckenhöhle bilden. —
Anm... Die Nieren des Seriema gleichen viel. mehr denselben Organen beim Kranich, als bei der Trappe. Zwar haben beide Vögel, wie gewöhnlich, drei: Hauptlappen, aber ihre. rela- tive Grösse ist sehr verschieden. Beim Kranich sind sie länglich oval, fast mandelförmig und der mittlere Lappen, grade wie beim Seriema, viel schmäler als der obere und untere und letzterer am Ende ähnlich vorgezogen; bei der Trappe dagegen hat jeder Nierenlappen eine breit elliptische Form und namentlich ist der untere fast ebenso breit, wie lang und ganz grade abgestutzt. —
$. 31.
Endlich sind in der Beckenhöhle die Genitalien noch zu schildern. Die weiblichen bestehen aus Eierstock und Tube. _Jener (Fig. 2, 5.) ist ein kleiner traubiger Körper von a Zoll Länge, mit ungleichen Beeren von der Grösse eines starken Sandkorns bis zu der eines Haasen-Schrotkorns. Er liegt unter dem obersten linken Nierenlappen, doch der Mittel- linie so nahe, dass sein Innenrand nach rechts etwas über die Mittellinie hervorragt. Seit- wärts nach aussen ist neben ihm die Mündung der Tube befestigt; sie selbst bildet einen ade schlaffen querrunzeligen Gang, unausgedehnt nicht weiter als ein Harnleiter, doch bei Individuen » deren Ovula z. Th. schon die Grösse einer Erbse erreicht hatten, weiter, von der Dicke eines Federkiels, welcher am Aussenrande der linken Niere in die Beckenhöhle hinabsteigt, durch eine breite, vielfach von Fettstreifen durchzogene Mesenterialfalte gehalten wird, neben dem Harnleiter verläuft, in derselben Richtung die linke Wand der Kloake zwischen Mastdarm und Harnleiter erreicht und sie an gleicher Stelle, doch näher dem Mastdarm, durchbohrt
(Fig.2. W). Die männlichen Genitälien zu untersuchen fand ich keine Gelegenheit. _
\ bh, d, Nat. Ges, zu Halle. Ir Band, ’
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3. Systematische Resultate,
$. 32.
Die vorstehenden osteologischen wie anatomischen Untersuchungen scheinen mir, im Ver- ein mit den äussern Merkmalen des Seriema und den nachfolgenden Vergleichungen von Nırzsch, über seine systematische Stellung folgende Resultate zu ergeben:
1) Dicholophus bildet mit Psophia eine kleine Gruppe, welche besonders durch die Kopf- bildung, Schnabelbildung, Flügelbildung und Fussbekleidung äusserlich, gleich wie osteologisch durch die völlige Uebereinstimmung der Extremitäten begrenzt wird.
2) Diese kleine Gruppe ist den Kranichen am nächsten verwandt; besonders bildet Psophia zu Anthropordes den unmittelbarsten Uebergang.
3) Da sich ausserdem unabweisliche Verwandtschaftsbeziehungen zu den Fulicarien ergeben, so scheint es am passendsten zu sein, die Gruppe der Dicholophiden zwischen die Kraniche und Wasserhühner einzuschalten. Wahrscheinlich bilden die Palamedeen das nächste verwandtschaftliche Glied nach der Seite der Fulicarien hin, —
4) Zu den Trappen (Otidinen) ist die Beziehung der Dicholophiden mehr die der Analogie, als die der Affinität; doeh harmoniren sie schon insoweit, als beide unleugbare Grallae sind. Die Trappen stehen den Charadrien am nächsten und verhalten sich zu ihnen, wie die Dicholopbiden zu den Fulicarien.
5) Mit Gypogeranus und den Raubvögeln hat Dicholophus nur eine äussere Aehnlichkeit
in einzelnen Körpertheilen; wirkliche Verwandtschaft zwischen beiden Vögeln lässt sich nir- gends nachweisen. —
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Erklärung der Tafeln.
Taf. TE,
Ganzes Skelet des Seriema in halber natürlicher Grösse. Die ‚Buchstaben haben folgende Bedeutung: @.:Oberkiefer ‘mit. den Nasenmuscheln.; b. ‚Verbindungsbein: mit dem Jochbogen. c. Thränenbein. d. Flügelbein. ' e. Quadratbein. '" {. Unterkiefer. g. Jochbogen. h. Pflugscharbein. Z. Gaumenbeine. Ansicht des 'Thränenbeins ‘von ‘dem Münchener 'Skelet. a. Obere Platte. b. Griffelverbindungsbein. c. Absteigender Ast. d. Ansatzhöcker für das Griffelverbindungsbein. Der Schädel von oben gesehen. Zwei Drittel der natürlichen Grösse. Derselbe von unten, ebenso. Derselbe von hinten, ebenso. Das Becken, von oben; in halber Grösse. Dasselbe von unten; ebenso. Das Brustbein von innen; ebenso.
Taf. II.
Die Eingeweide in situ, nach Entfernung des Brustbeins und der Bauchdecken ; zwei Drittel der natürlichen Grösse.
I. u Il. Die vorderen Seitenzellen. IIl. Die zerrissene Leberzelle. IV. IV. Die
hinteren Seitenzellen,
a. Arcus Aortae. b. b. Carotis. c. c. Art. subeclavia. d. d, Art. thoracica.
9. Vena cava. h. Vena pulmonalis. m. m, Musculi sternotracheales.
H. Herz. M. Magen. 0, Schlund. T. Luftröhre. L. Linker, R. Rechter Leberlappen. —
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Fig. 2,
Fig. 3.
Fig. 4.
Fig. 5.
Blick in die Rumpfhöhle nach Entfernung der Verdauungswerkzeuge. Ebenso gross.
A. Mastdarmmündung. B. B. Enden der Bronchialäste. C. Kloake. E. Eierstock.
F. bursa Fabricü. N. N. Nierenlappen. 1.2. 3. Die drei Abtheilungen jeder
Seite. U. U, Harnleiter. W. Eierleiter.
e, e. Arteria cruralis. f. Ende der Aorta, mit der Theilung in zwei art, iliacae
und die art. caudalıs. :.:. Venae crurales.
Die auseinandergelegten Verdauungsorgane; ebenfalls zwei Drittel der natürlichen Grösse.
D, Die beiden Pancreas mit ihren Ausführungsgängen. G. Der ductus choledocus.
L. Linker Leberlappen von unten gesehen. M. Magen. O. Schlund. 0. Gallen-
blase, AR. Rechter Leberlappen von unten gesehen. $. S. S. Die drei Milzen.
V. Vormagen.
Zunge, Zungenbein -Hörner und Kehlköpf, in natürlicher Grösse.
a. Zunge mit dem Zackenbesatz am Hinterrande. b. Zungenbeinkörper. c. o. Zun-
genbeinhörner. d. Stimmritze und Kehlkopf von oben gesehen, mit den Zacken-
lappen dahinter. e. Mittlere zarte Knorpelspitze am Zungenbeinkörper.
Der geöffnete Vormagen mit den Drüsenreihen in drei Vierteln der‘ natürlichen
Grösse. —
Vergleichung
des. Skelets von Dicholophus: eristatus mit dem Skelettypus .der Raubvögel, 'Trappen, Hühner und Wasserhühner
von
Chr. Ludw. Nitzsch.
Das Skelet zeigt mit keiner Vogelfamilie eine augenfällige und entschiedene Aehnlichkeit; AM, wenigsten stimmt ‘es mit. dem der Raubvögel, namentlich dem der Tagraubvögel überein, obgleich der Vogel vielfältig mit dem Gypogeranus zunächst zusammengestellt worden ist.
Einigermassen tagraubvogelartig wären nur:
1) Das Thränenbein, insofern es eine. grosse ‚obere Platte hat, an welcher sogar ein leiner Superciliarknochen ansitzt; und insofern sein absteigender Theil, freilich jaber nur mit- telst eines eigenen Knochens, bis zum Zygoma reicht.
9) Die Vertiefung. zwischen den Nasenbeinen, die sich doch auch so’ z. B.
beim Trappen und andern findet.
3) Die Krümmung. des Schnabels, ‚die. doch. noch keinen Hakenschnabel bildet, und mehr hühnerartig. ist.
& 4) Die Form der breiten Schulterblätter,
5) und zumal die sehr einwärts und gegen einander gebogenen Schambeine, welche auch
so beweglich zu sein scheinen, wie bei Raubvögeln.
i Von den besondern Eigenheiten, wodurch sich G@ypogeranus von den übrigen Tagraub- vögeln auszeichnet , fi hier
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ndet sich. ausser der Länge der Hinterglieder und etwa der Zehen, keine » weder die dritte abgesonderte Gelenkung der Verbindungsbeine, noch die aus- mende Flachheit der Gaumenbeine, noch die Wölbung der Hirnschale, noch die Gelenkung der Furcula mit dem Brustbeinkamme ‚ noch das Manubrium derselben,’ noch die
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sonderbare Form des Brustbeins, noch die Verbreitung der Rippen, welche die Stelle des Rippenastes versieht.
Das Becken des Gypogeranus zeigt zwar einige Aehnlichkeit und mehr als die anderer Raubvögel, aber es ist bei Gypogeranus kürzer, der vordere Theil ist bei weitem nicht so zusammengedrückt und hinten nicht so zu einem geraden Kiel verwachsen, wie bei Dicholophus; das ischiadische Loch ist weit grösser und die Sehambeine sind gerade bei Gypogeramus nicht so einwärts gekrümmt, wie bei andern Raubvögeln und bei Dicholophus.
Von dem der Raubvögel, insbesondere der Tagraubvögel, unterscheidet sich das Skelet des Gypogeranus hauptsächlich in folgenden Punkten:
1) Das 'Thränenbein 'hat die obere, obgleich breite und etwas raubvogelähnliche Platte weniger horizontal, ‘sondern vorn und' seitlich herunter geneigt. Es berührt auch nicht un- mittelbar, sondern nur miltelst eines eigenen dünnen, an seinen absteigenden Theil angesetzten Knochens das Zygoma.
2) Der ganze Schädel ist hinten schmaler als der der Raubvögel, daher denn auch die Kieferäste weit weniger hinten auseinander gehen.
3) Der untere oder hintere Schläfdorn, der bei den Tagraubvögeln sehr kurz, oft kaum vorhanden und immer frei ist, ist hier viel länger und durch einen Knochenriegel mit dem obern oder vordern, wenn auch nur ausnahmsweise verbunden.
4) Der 'Pauken- oder Quadratknochen ist am obern Rande zwischen dem freien oder Orbitalfortsatz und dem obern Gelenkfortsatz ‘weit mehr ausgeschweift als bei Raubvögeln, wo dieser obere Rand fast gerade erscheint. Auch’verhält sich die untere Gelenkfläche anders, es: ist: nämlich der innere: Condylus sehr hervorragend und durch. einen tiefen Ausschnitt abge- | sondert von dem äussern: schief länglichen Condydus, welcher zugleich die hintere Ecke oder u den hintern Condylus bildet,
5). Bildet ‘der untere‘ und innere Theil ‘des Gehörganges ein nach unten sehr hervorra- gendes rundliches zusammengedrücktes Tuberkel, welches durch ein Band mit dem dicht daran
liegenden ' innern : Fortsatz: des: Unterkieferastes verbunden ist, Dieser’ Theil gehört, wie es scheint, dem Keilbein an, könnte aber vielleicht ein ganz eigenes Knochenstück ursprünglich gewesen sein. Die Falken zeigen diesen Theil wenig’ausgebildet, indem er entfernt bleibt » vom: Unterkieferrande.
6) Die Gaumenbeine sind viel länglicher und 'schmäler und gleich breiter. als bei Raubvögeln, zugleich‘ gehöhlter und mit dem äussern Rande’ nach unten gerichtet; auch bildet der Seitenrand "einen bestimmten Winkel mit dem Hinterrande und verläuft, was hauptsäch- | lich’ unterscheidend sein möchte, in'einer ganz geraden’ Linie.
j 7) Die Unterkieferäste sind von der Seite angesehen etwas Sförmig, sie haben ein an- sehnliches Querstück, der hintere Fortsatz fehlt gänzlich oder ist nur als Ecke und’ Känte
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angedeutet, !der innere ist stumpfer und gebogener als bei Raubvögeln und die hintere, zwischen dem hintern und innern Fortsatz befindliche Fläche ist viel höher, grösser, ganz eben und flach, gar nicht gehöhlt und von fast viereckiger Gestalt. Bei Raubvögeln findet das Gegentheil statt.
8) Die Furcula weicht ganz und gar ab von der der Tagraubvögel, sie ist fast hüh- nerartig, sehr schwach, wenig gespreizt, von der Seite gesehen schwach Sförmig, mit einem kleinen Manubrio versehen.
9) Das Brustbein ist wegen der tiefen Hautbuchten ganz verschieden von dem der Tagraubvögel, wiewohl es, wenn man sich diese Hautbuchten mit Knochen ausgefüllt denkt, allerdings gerade mit dem des Gypogeranus einige Achnlichkeit haben würde; nur ist der Seitenrand bei Dicholophus bis zum Ende der Fortsätze gerade, bei Gypogeranus aber gekrümmt. Der Schwertk norpel zeichnet es aber auch vor dem des Gypogeranus aus.
10) Das Becken gleicht dem der Falken und Eulen nur in Hinsicht der Schambeine.
il) Die Knieleisten der Tibia sind so ungemein hervorragend und ausgebildet wie bei keinem Raubrvogel.
Nimmt man die Verhältnisse anderer Theile hinzu, so widersprechen. der irrig behaupteten Verwandtschaft mit Raubvögeln noch
der Mangel der Wuchshaut, die Nacktheit des Unterschenkels über der Ferse, die nur Wasservögel andeutet,
die sehr langen Blinddärme.
Insofern der Vogel zu den Grallis unleugbar gehört, schwankt die Bildung zwischen dem Typus der Trappen und der Fulicarien, Zur Aehnlichkeit mit den Trappen rechne ich besonders gewisse Uebereinstimmungen in der Form des Kopfgerüstes; obgleich auch diese mehr als Analogien, denn als entschiedene Affinität betrachtet werden können.
l) Das Thränenbein gleicht einigermassen dem der Trappen, doch fehlt ihm der untere Angesetzte Kuochen, und die Stirnplatte ist sehr viel kleiner; der daran gesetzte Superciliar- knochen mangelt ebenfalls, was indessen nicht viel besagt, da er dem Seriema nicht allge- mein zukommt:
2) Die Orbitalscheidewand ist vollständig, bis: auf das Riechnervenloch und optische Loch.
3) Die Hirnschale ziemlich ähnlich, auch so breit zwischen den Orbitis; freilich oben am
asengrunde lange nicht so vertieft, und der obere Orbitalrand nicht so in die Höhe ge- Ba Auch am: Hinterkopf ist Ofis viel ovaler abgeplattet und die ganze Schädelkapsel Nledriger. :
#) Die Grube für die Nasendrüse ist eben da bei Ofis, nur nicht so gross und nicht SO weit nach hinten reichend.
5) Der hervorstehende untere schmalgedrückie Tuberkel am Rande des Gehörganges ist
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fast eben so dicht angelegt’ an. den hintern Rand der innern Fortsätze des Unterkiefers beim Trappen als bei Dicholophus.
6) Der Unterkiefer ‚hat in den Aesten ziemlich dieselbe Bildung, erstens in Ansehung :des Lochs; zweitens in Ansehung der einigermassen Sförmigen Biegung; drittens in Ansehung des Hinterendes, welches fast eine eben solche hintere ebene Fläche,: einen eben solchen stumpfen vorwärts -gekrümmten innern. ‚Fortsatz zeigt; 'nur.ist. freilich ‘bei Otis der hintere Fortsatz ausgebildet, der dem Dicholophus so gut wie fehlt.
Neben diesen Aehnlichkeiten differirt aber das Kopfgerüst des Dicholophus von dem des Trappen in vielen wesentlichen Punkten, so: 1)-in der -Schnabelform, 2) in’ der grössern Nasengrube, 3) in den, angesetzten untern Knochen: der Thränenbeine, 4) durch die hier grössere, obere, Platte‘ des 'Thränenbeins und das mitunter vorhandene Superciliarbein daran, 5). .durch den mehr ‚hervortretenden höher gewölbten Hinterkopf, '6) durch die bei ‚Okis viel kleinern ‚schmälern vorn‘ am. Innenrande 'ausgeschweiften Gaumenbeine, 7) durch die eigen- thümliche Entwickelung des Muscheltheils am Oberkiefer, 8) durch die abweichende Form der Schläfendornen, namentlich ihre mehr genäherte Stellung und die davon ‚abhängige kleinere Schlafgrube bei Otis, 9) durch den nicht gekrümmten, schwachen Jochbogen, 10) durch den breiten Nasalfortsatz am. Vorderrande der knöchernen Augenscheidewand.
Ferner zeigt sich nur sehr geringe Trappenähnlichkeit beim Dicholophus
11) in .der Furcula,, welche beim Trappen sehr viel stärker, doch aber auch da nicht besonders stark ist, und in der unteren Strecke gar nicht so von vorn nach hinten gedrückt, wie bei Dicholophus, vielmehr ‚einen nach aussen gekrümmten Bogen bildet,
12) Die. Schulterblätter ‘gleichen sehr wenig, und weit weniger ‘denen der Trappen, als den schlanken, wenn auch. nicht so gebogenen spitzen der Fulicarien oder der allermeisten Wasservögel.
13) Hauptsächlich ist es, wie ich meine, ‚das Sternum, was die Trappenähnlichkeit zu begründen scheint; indessen bei näherer Vergleichung doch nicht Stich hält. Abgesehen von der viel grössern Breite hat das Trappenbrustbein jederseits zwei excisuras obturatas und der Dicholophus jederseits nur eine; da aber eine solche Differenz gar oft in einer und dersel- ben Familie und bei sehr. nahe verwandten. Gattungen, zumal der Sumpfvögel, vorkommt, so bedeutet dieselbe nicht viel,‘ Hingegen zeigt das Brusibeih weniger in der Figur des Kammes, als in seiner weiten Erstreckung nach hinten, indem er weiter ‚als die seitlichen hintern Fort- sätze hervorragt, und dann ‚zumal durch den angesetzten nicht verknöcherten Schwert- knorpel, bei beiden Gattungen eine bemerkenswerthe Uebereinstimmung. Aber der gebogene vordere Rand, der Mangel einer mittleren Spitze (manubrium centrale) und die schiefe Lage der Schlüsselbeingelenkflächen stimmen nicht zu dieser Aehnlichkeit; auch sind die Seitengriffe
(manubria lateralia) spitzer beim: Dicholophüs und die Linie, welche die äussere Grenze des
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musculus pectoralis minor ‚bezeichnet, steht nicht so weit vom: Kamm ab, wie bei Otis. End- lich ist: der Kamm bei Otis vorn abgerundet und zurückgezogen, dagegen vorgezogen und zu- gespitzt bei Dicholophus; auch hinten. bei ihm viel niedriger ausgebuchtet, wovon: bei. Otis keine Spur sich zeigt.
14) Die Schlüsselbeine sind’ fast hühnerartig und ähneln denen des Trappen in der ganzen Figur sehr wenig, besonders sind sie unten. weit weniger breit und der untere Seiten- fortsatz _ weit weniger ausgebildet, als wie bei Otis; dagegen berührt der ‘obere innere Fort- satz Scapula und Furcula, wie bei Trappen und Eulen.
15) Das Becken beider Vögel hat ein sehr verschiedenes Ansehn. Bei Otis ist es sehr breit, zumal in der hintern Abtheilung, bei Dicholophus sehr schmal, zumal im Vordertheil; die Schambeine dort lang, wenig. gebogen, hier (bei Dicholophus) raubvogelartig gegeneinander gekrümmt. Der Hüftknorren ist bei Otis abgestumpft, die Schambeine sind breiter, ganz frei, und nicht %o gegen einander geneigt; : überhaupt ist alles breiter, ‘flacher’ und weit weniger “usammengedrückt,
16) An den Vordergliedern sind Oberarm- und Vorderarmknochen ziemlich: ähnlich geformt.
Der Oberarm knochen: hat bei 'beiden keinen merklichen untern: Seitendorn.
Das Hinterende der Ulna bei beiden gleich stumpf.
Der Handtheil dagegen ist merklich änders ‚ nämlich sehr hühnerartig, und nicht so lang
und. schmächtig: wie beim Trappen. 17) An. den Hintergliedern ist, die Längenverhältnisse, abgerechnet, viel Aehnliches. Die Knieleisten der Tibia entsprechen einander, sind'aber freilich noch vielmehr hervor- Springend bei Dicholophus als bei Otis: Die Zehen des Dicholophus ähneln in Länge und den Verhältnissen der, Phalangen zwar etwas denen der Trappen, aber freilich abgesehen von der Zierlichkeit bei Dicholophus ist noch ein Hinterzeh da, welche ebensosehr, wie die’ viel mehr gekrümmten Krallen, auf eine verschiedene Vogelgestalt hinzeigen.
18) Ganz verschieden sind die Schwanzwirbel bei beiden Gattungen, ‘zumal wegen der Querfortsätze und dann besonders durch die Grösse und ganze Gestalt des letzten Wirbels.
. Die Verwandtschaft mit Otis bestätigt sich einigermassen wieder in folgenden Verhält- Dissen der Eingeweide:
1) Der M agen ist bei beiden Vögeln dünnwandig, wenn auch nicht grade häutig.
2) Die Blinddärme sind sehr lang und weit.
Die Hühnerähnlichkeiten im Skelet ‚sind nicht gross, nur etwa 1) einigermassen du Thränenbein, 2) die Verbindung der beiden Schlafdornen, welche aber nicht Regel ist bei Dicholophus, 3) einigermassen die Furcula in Hinsicht ihrer Schwäche und wenigen
Spreitzung » %) einigermassen die Clavikeln ‚ 5) zumal der ganze Handtheil der Flügel, der
wi . . ER . « irklich auffallend an die ächten Hühner erinnert. Abh, d. Nat. Ges, zu Halle.
Ir Band, 8
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Mehr Uebereinstimmungen zeigt das Skelet mit dem der Fulicarien
1) In Schädeltheilen, besonders der Kürze des Querflügels, des Riechbeins, im Thränen- bein, Gaumenknochen ‚| Verbindungsbeine, Unterkiefer, zumal der hintern platten Fläche mit Fulica, doch sind diese Achnlichkeiten nicht grösser oder geringer als mit Otis, nur das Hinterhaupt über dem Gerebello ist bei Fulicarien mehr nach hinten gewölbt, und daher, so wie der kurze Querflügel des Riechbeins, dem Dicholophus ähnlicher als Otis es ist. Allein die Fulicarien haben die Stirn zwischen den Orbitis weit schmäler und deswegen die Nasen- drüse am Orbitalrande, nicht wie Dicholophus und Otis in der Orbita; ferner reicht das Thränenbein bei Fulicariis nicht bis zum Zygoma, die Schläfdornen sind beide viel kleiner, die Orbitalscheidewand ist bei denselben zweimal bedeutend durchbrochen, der hintere oder äussere Forisatz der Unterkieferastenden ist auch weit mehr entwickelt als bei Dicholophus. Der Schnabel auch nicht krumm.
Ferner gehört zu der Aehnlichkeit mit Fulicarien: z
Die Furcula, die namentlich der der Gallinula chloropus gar sehr ähnlich ist und viel ähnlicher als der der Trappen.
Das Brustbein in Hinsicht der allgemeinen schlanken Form, der Zahl und Lage der Hautbuchten und der Seitengriffe.
Dann zumal die Form des Beckens, welches offenbar, wenigstens in Hinsicht der Schmal- heit und Zusammendrückung, der Vordertheile, z. B. dem Becken einer Fulica oder eines Rallus ähnlicher ist als dem der Trappen. Es bleiben aber sonst noch viele erhebliche Unter- schiede, besonders in Hinsicht des hintern. Seitendorns, des Hintertheils der Darmbeine, der bei Dicholophus fehlt, während der Dorn über den Hüften der Fulicarien viel schwächer ist. Auch die starke Einkrümmung ‘der Schambeine fehlt den Fulicarien ebenso sehr, wie den Trappen.
Die Knieleisten der Tibia sind bei Fulca, Rallus, Gallinula sehr ähnlich und fast so prominirend wie: bei Dicholophus. —
Eingeweidewürmer des Dicholophus cristatus,
beschrieben
von
Dr. Creplin
Hr. Professor Burmeister übersendete mir im vergangenen Februar ein Glas mit Ein- 5eweidewürmern, welche er während seines Aufenthalts in Brasilien in den Gedärmen des Dicholophus cristatus Iur. im Juli 1851 gefunden hatte, mit dem Wunsche, dass ich diesel- ben untersuchen und: beschreiben möchte. Ich habe mit Vergnügen das Geschäft des, Unter- suchens übernommen und liefere hier die Ergebnisse desselben.
Es fanden sich in dem Glase 4 Arten von Endozoen vor, nämlich eine Ascaris in 6, eine Oxyuris in vielen, ein Echimorrhynchus in 2 und eine Taenia wiederum in vielen Exem- plaren, . Die Echinorrhynchi allein gehörten. einer schon bekannt gewordenen Art an, die übrigen Würmer aber wiesen sich als Specimina neuer Arten aus. Jene waren nämlich Exemplare des
Echinorrhynchus taeniodes Diesing,
= welche ich sie, in Folge von Diesine’s Definition (s. dessen Syst. Helm., I, p. 23. Nr. 9.)
Nicht verkennen konnte, obgleich der Rüssel bei ihnen in den Vorderkörper ganz zurückgezo-
sen und nicht hervorzutreiben war.
Der eine derselben war ein wenig über 3” lang, etwa 37,“ vom Vorderende 1?/s'
Bag han ungleich verschmälert, am Hinterende etwa nur 'j2’ ia ai vordere, ‚972 lange Theil war. herabgedrückt, der übrige Körper ward allmählig mehr und
mehr, zuletzt ganz drehrund, Der ganze Körper war bis auf seinen hintersten Endtheil,
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breit
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und zwar in seiner vordern, wie seiner hintern Strecke, mit Ausnahme des glatt bleibenden Endes, sehr regelmässig, im übrigen, mittleren, Theile unregelmässig grob - quergerunzelt. Der zurückgezogene Rüssel hatte in der Vorderspitze eine ritzenförmige Oeffnung hinterlassen, nach welcher hin sich der Körper verschmälerte; in der Spitze des Hinterendes stand die gleichfalls ritzenförmige Geschlechtsöffnung.
Der andere Kratzer hatte eine Länge von 3° 10’; seine Dicke betrug, 1'' 1” hinter 1,4 breiten Vorderspitze, nur 1?/,”' und an der Hinterkörperspitze {ungefähr Zr Der Körper war von vorn bis zu 1'/a” der Länge herabgedrückt, wurde aber von da an allmählig drehrundlich. Die Runzelung war der beim vorigen ähnlich, doch mehr durchgehends regel- mässig, am hintern ' Ende auch (hier verschwindend., Das Vorderende lief‘ verschmälert aus; das durch die vorderste Querrunzel entstandene Segment ward für sich plötzlich dünner. Oeffnungen des Vorder- und Hinterendes wie beim vorigen.
Das Geschlecht der beiden Exemplare bleibt zweifelhaft.
Beschreibung und Charakterisirung der drei neuen Arten.
1) Ascaris 'pterophora m.
Von diesem Spulwurme lagen meiner Untersuchung 3 männliche und 3 weibliche, sämmt- lich sehr gut erhaltene, Exemplare vor, welche Hr. Prof. Burmeister in der untern Dünn- darm -Hälfte des Dicholophus angetroffen hatte, und von denen er mir schrieb, dass sie im Leben klar durchsichtig gewesen seien, so dass man den braungrünen Darm und die vielen Windungen der kreideweissen Genitalien deutlich durch die Körperwand habe erkennen kön- nen. Jetzt, vom Weingeiste verdunkelt, zeigte sich von den inneren Theilen fast Nichts, alle waren einfach hell - graubräunlich.
Der mittelmässig dicke, starre und grobgeringelte Körper verschmälerte sich bei den beiderlei Geschlechtern nach hinten: '''Das: Kopfende ‚war ‘stets mehr oder weniger umgebogen, die Mundklappen waren gerundet, mittelmässig gross, zusammen genommen kaum von etwas geringerm Durchmesser, als die sie tragende Körperspitze. Von ihrer Basis ab verlief zu jeder Seite des Kopftheils eine zierliche, ansehnlich lange und ziemlich breite, verlängert-halb- eiförmige , dicke, quergestreifte Flügelmembran , welche durch 2 oder auch 3 Quereinschnitte in 3 oder 4 Lappen getheilt ward.
Männchen. Der Schwanz war. kurz, fast ganz gerade, verschmälerte sich allmählig und spitzte sich stumpflich zu. ‚Das in ihn ohne Unterbrechung übergehende Hinterende des.
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Körpers verbreiterte sich beiderseits in eine dicke, grob quergerunzelte, zuerst schmale, dann allmählig und ansehnlich an Breite zunehmende, darauf aber wieder abnehmende und endlich gegen die ‘Schwanzspitze ‘hin verschwindende Flügelmembran;, in welche die Körpersubstanz Sich‘ 'an verschiedenen Stellen tief — bis an den Aussenrand der Membran — hinein verlief, und zwar ‚besonders ausgedehnt, doch ungleichmässig: vertheilt, gleichsam eine breite Wolke bildend,, im mittlern Theile der Membran, vor und hinter dieser Wolke aber in der Gestalt einiger einzeln stehenden, sehr dicken Fortsätze, ebenfalls in diesen bis zum Rände der Mem- bran. ‚Vom Penis zeigte, sich mir bei den 3 Individuen keine Spur.
Weibchen. Bei diesen war‘der Schwanz länger und stärker, kegelförmig, nackt, und lief vom Körper gerade aus. Die Geschlechtsöffnung zeigte sich bei allen 3 Individuen als eine aus der Körperfläche schwach. hervorspringende Papille mit einer Querspalte in der vor- dern Gegend der hintern ‚Körperhälfte,
Die Ausmessung dieser Würmer liess sich wegen ihres gebogenen Vordertheils und der, wenn gleich nur leichten Krümme und der Starrheit ihres ganzen Körpers nicht völlig genau bewerkstelligen. Ich: fand indessen die Länge beim einen Männehen etwa 10° oder etwas mehr, bei den beiden anderen etwa 11”; die der Weibchen betrug bei einem ungefähr 1” 44%, hei den beiden anderen 1” 34,
Die inneren Theile blieben mir bei der. nunmehrigen Undurchsichtigkeit der beiderlei Geschlechter dunkel.
Charakter der Species:
Ascaris retrorsum attenuala, Gapite post valvulas rotundatas, mediocres, utrinque longe ae latiuscule alato, alis lobatis ab ineisuris profundis 2 vel 3, postremo corporis fine Maris latiuscule alato, alüs crassis, inaequalibus, transversim crasse rugalis; Cauda ıpsa
breus, conica, oblusiuscula, feminae Cauda'conica, longiuscula, oblusa. Vulva post corporis
medium sita,
Den in der Ueberschrift genannten Namen (von zreoov, Flügel und pEgeıv, tragen ) habe ich wegen der die Männchen auszeichnenden ansehnlichen und doppelten Flügelung ihres Körpers gewählt.
2) Oxyuris allodapa m.
Die Oxyuren, welche man bisher kannte, stammten aus Säugethieren und Amphibien her; denn es bleibt zweifelhaft, ‚ob das mikroskopisch kleine Würmchen, welches Ar. v. Norp-
MANN in den Augen einheimischer Barscharten entdeckte und Oxyuris velocissima nannte (g,
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seine Mikrogr. Beitr. I, $.22ff.), in der That dieser Gattung beizuzählen sei — obgleich noch viel weniger der Gattung Ascaris, welcher Dırsıns es unbegreiflicher Weise (in s. Syst. Helm,, IL, p. 204. Nr. 173.) zugesellt hat, — und die Schmarotzerhelminthen, welche man aus Inseeten zu derselben rechnete, gehören theils erwiesen, theils muthmaasslich, ganz 'ande- ren Gattungen an. indessen nannte man sie doch Oxyuren. Aber kein Beispiel existirt noch, so viel ich weiss, von einer richtig, oder unrichtig, früher so benannten Art aus einem Vogel, und Hrn. Prof. Burmeıster’s Nachforschungen erst haben wir es zu verdanken, dass wir eine, und zwar wahre Oxyuris aviaria kennen lernen, welche ich auch, eben wegen ihres auffallen- den Vorkommens in einem. ungewöhnlichen Wohnthiere, mit dem oben genannten Namen (@AAodarog, aus einem fremden Lande) belegt habe.
Das ausschliesslich} von diesen Würmern bewohnte Organ des Dicholophus waren die (sehr langen) Blinddärme desselben. Hr. Burmeister fand dort die beträchtliche Anzahl ihrer Männchen sowohl als Weibchen, welche er mir zur Untersuchung anvertraute und von ‘denen er mir schrieb, dass sie im frischen Zustande tleischroth gewesen’ seien. Dieser Farbe hatte sie. jedoch wohl: bald der. Weingeist beraubt; sie waren jetzt ganz weiss, übrigens jedoch. gut erhalten,
Ihre Dicke war im Verhältnisse zu ihrer Länge ziemlich geringe, doch verschieden nach dem Geschlechte. Der Körper der Männchen sowohl, als der Weibchen verschmächtigte sich im grössern Theile seiner Länge nach hinten, vorn nur im Endtheile.. Von einer Ringelung der Oberhaut zeigte sich nirgends eine Spur. Diese lag am ganzen Körper straff an, mit Ausnahme einer kurzen Strecke zu beiden Seiten des Kopfendes, wo sie sich mitunter als ein feiner klarer Streifen hervorhob. Durch die Oberhaut hindurch ‚erschien. die den Körper der Länge nach durchziehende Schicht der sehr starken Muskelbündel. Quermuskelfasern fehl- ten ihnen, wie sie den Nematoideen überhaupt fehlen. Der Kopf (die Vorderspitze) zeigte sich, von der Seite angesehen, stumpf abgestutzt, in der. Mitte jedoch‘ mit einem kleinen Vorsprunge, von vorn betrachtet aber mit einem weiten, kreisrunden Wulste, in dessen Mittel- punkte. der sehr kleine, runde Mund stand. Die Schlundröhre war lang (ich sah sie bei einem Individuum quer gestreift), mörserkeulenförmig; sie führte in-einen grossen, kugelför- migen Magen, welcher von ihrem dicken Endtheile, wie von dem auf ihn folgenden dünnern, geraden Darme durch eine Strietur getrennt war.
Die Männchen varirten in der Länge von 2—5', waren sehr schlank und entweder gerade ausgestreckt, oder einfach, mehr oder weniger, gekrümmt. Der sich bedeutend ver-
schmälernde Schwanz- (oder letzte Hinter-) Theil mit dem Schwanze selbst machte fast immer eine einwärts gerichtete Hakenbiegung; der vom Körperende nach einem 'obsoleten Absatze
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gerade aus .abgehende Schwanz war etwas kurz, nach seinem Ende verschmälert und endlich in ‚eine gerade, fast lineäre, stumpflich geendete Spitze auslaufend. Unmittelbar vor dem Anfange des Schwanzes erhob. sich eine wulstige Geschlechtsöffnung zum Austritte zweier sehr langen und starken Spieula, von denen jedoch das eine, obgleich eben so starke und auch sonst überhaupt eben so. beschaffene, meistens viel kürzer war, als das andere. Sie behielten im grössern Theil ihrer Länge einerlei Dicke, verdünnerten sich aber endlich entweder allmählig nach: ihrer abgestumpften Spitze zu, oder der letzte Endtheil ward plötzlich, und zwar um Vieles, ‘dünner und sehr fein, endigte sich aber ebenfalls etwas stumpf. Bei einem Indivi- duum sah ich 'sie fast gleich lang und bei verschiedenen waren sie ganz zurückgezogen. Ein einziges Männchen hatte den Hintertheil seines Körpers weit vor dem letzten Ende ziemlich stark rückwärts gekrümmt, den folgenden Endtheil dagegen bis auf eine leichte Einkrümmung des Schwanzes fast ganz gerade ausgestreckt. Bei diesem Individuum sprang auch: eine glas- helle, nicht sehr, und zwar ungleich, breite Membran an der Bauchseite des Hinterkörpers, etwa in einer der doppelten Länge des Schwanzes gleich kommenden Entfernung vor dem Ge- schlechtstuberkel anfangend ‘und verschmälert bis zur Schwanzspitze hinablaufend, hervor, welche 9 dicke, bis zu ihrem Rande hinanreichende Papillen ‘umschloss, von denen 5: vor dem Geschlechtstuberkel standen, und zwar die vorderste von ihnen in kurzer Entfernung vom Vorderende der Menıbran, während die 2 folgenden durch ziemlich grosse Räume: von ihr
und unter einander getrennt waren und endlich 2 nahe zusammengestellt sich an das genannte
Tuberkel reihten; die übrigen 4 Papillen standen vom letztern an bis zur Schwanzspitze hin _
in regelmässigeren, wechselseitigen Entfernungen. Die sehr robusten Spicula waren auch bei diesem Männchen lang hervorgeschoben. Die letztgenannten 4 Papillen auf der Unterseite des Schwanzes ‚besassen übrigens auch alle übrigen Männchen; sie verhielten sich aber bei ihnen so, dass. die 2 letzten ganz nahe vor der Schwanzspitze und auch nahe an einander, die anderen beiden aber in grösseren Entfernungen von diesen und unter einander nach. dem Geschlechtstuberkel hin standen. Sie waren aber bei ihnen von keiner Membran umschlossen, sondern standen frei zu Tage. So sah es wenigstens aus, wenn ich die auf der Seite lie- genden Würmer betrachtete. Aber gewiss standen die Schwanzpapillen- doeh immer in einer solchen Membran, die sich mir auch bei zwei Individuen, welche ich einem Drucke zwischen
Glasplatten aussetzte, deutlich, ünd zwar beiderseitig — wie sich das von diesen Schwanz- membranen und’ -Papillen überhaupt versteht — bis in den Anfang der Schwanzspitze sich erstreckend zeigte, Spuren einer solchen Membran vor dem Geschlechtstuberkel zeigten sich auch noch sonst’ bei einigen Individuen und bei einem einzigen auch eine einzelne Papille etwa in. der Mitte einer solchen. Die inneren Geschlechtstheile umhüllten den grössten Theil des Darms.
Die Weibchen hatten bei der grössern Länge von 3—4 bis zu 6—7 auch eine
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stärkere Dicke, als die Männchen, waren einfach gekrümmt, mit Ausnahe einiger, deren Vor- derkörper spiralig. eingerollt war, ohne Ausnahme aber mit gerade ausgestrecktem Hinterkörper, Ihr Schwanz ‚ging ohne Unterbrechung und ganz gerade vom Körper ab, war ansehnlich lang, verschmächtigte sich allmählig. und lief endlich, nach einem kaum merklichen oder auch gar keinem Absatze, in eine geräde Spitze aus, welche sich, jedoch nicht sehr, bis zu ihrem, auch hier, wie bei den Männchen, stumpflichen Ende verdünnerte, ‚aber stärker und länger war, als bei jenen. Der After ragte von der Basis des Schwanzes wenig hervor und. war schwach wulstig. Die Vulva zeigte sich mir durch das Mikroskop von zwei wenig hervorragenden wulstigen Lippen gebildet, durch eine stark vergrössernde Lupe dagegen nur als eine sehr kleine, schimmernde Perle, etwas vor der Mitte des Körpers (3° vor der Schwanz- und 2?/," hinter der Kopfspitze bei einem 2). Die inneren Geschlechtsröhren umhüllten , wie beim Männchen, den grössten Theil des Darms, füllten den Körper ‚bis zum After hinab und ent- hielten eine sehr grosse Menge von Eiern, welche, verschieden an Grösse, nämlich von c. !foo bis as“ Durchm,, theils kugel-, theils länglich-rund ‚erschienen, aus dem Mutterkörper zu Tage gefördert ‚öfters noch eine weite, zarte und klare Umhüllung aus dem Eierkanale mit- brachten und eine sehr feine Schale besassen, innerhalb deren. eine zweite zarte Membran den. körnigen ‘Dotter umschloss, aus welchem. sich in vielen der grösseren Eier schon das Rudiment. eines Embryos unter der Gestalt einer unförmlichen, dicken, einmal zusammen- gebogenen Wurst hervorgebildet hatte,
Charakter der Species:
Oxyuris reirorsus, altenuata, anlıce subtruncata, Ore minimo , circumvallato circulo tumidulo, amplo, tuberculoso, Marium corpore poslico una cum cauda hamiformi, Spicula emittente duo crassa, longa, alterum altero brevius, Cauda ipsa brevi, attenuala , utrinque alata, in Ala utraque Papillis instructa 4 et. finita 'acumine sublili, ‚recto, breviusculo, sublineari, obtusiusculo, Feminarum Cauda recta, longa, elongato-conica et abeunte in acumen satis, longum,, ad finem obtusiusculum , parum. allenuatum , Yulva prope ante cor- poris medietatem sıta.
3) Taenia brachyrrhyncha M,
Von dieser. Tänie hatte, ich \ eine grosse Menge, von, Exemplaren ‚zur. Untersuchung vor mir, deren. Fundstelle. im Dicholophus die mittlere Gegend. des Dünndarms gewesen war. Sie waren von sehr verschiedener Grösse (von kaum einigen, Linien bis zu einigen. Zoll Länge) und Ausbildung, die grösseren 'sämmtlich in ‚einen Knäuel verschlungen, aus welchem ich jedoch mehrere los machen konnte, Durch das gedrückte Beisammenliegen in diesem mochten sie, wie auch. vielleicht durch ein etwas zu frühes. Einlegen . in. Weingeist, einige Abänderungen
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ihrer Gestaltung bekommen haben, welche die Gliederreihen nicht mehr ganz so erscheinen liessen, wie sie wohl im frischen Zustande gewesen waren. Zudem fehlte der Kopf diesen grossen Exemplaren entweder ganz, oder er war auch durch Druck, wie es schien, mehr oder weniger entstellt. Seine Gestalt konnte ich indessen von den kleinen und mittleren, gut beschaffenen Exemplaren sehr wohl entnehmen, welche ich nun — auch schon desswegen — zuerst beschreiben will. .
Die jüngsten und kleinsten Exemplare waren von Ilaardünne, mit viel dickerm Kopfe. Ihre Länge betrug von 1'/, bis 3% Der bei dieser Species unbewaffnete Kopf überragte den Hals bald mehr, bald weniger, je nachdem er mehr oder weniger verkürzt und von vorn nach hinien zusammengedrückt war, und je mehr oder weniger zudem die Saug- näpfe hervorstanden, Diese zeigten sich nämlich zu den Seiten des Kopfes bald als ansehn- liche Kugeln oder Blasen, in welchem Falle dann der Kopf selbst abgekürzt war und in seiner Mitte eine dicke, kurze, abgerundete Protuberanz besass, welche sich in anderen Individuen noch mehr hervortretend und auch wohl durch eine Strietur vom Kopfe, dem sie mitunter an Länge gleich kam, geschieden, als ein dickes, breit abgestutztes Rostellum auswies; bald aber waren sie nebst dem letztern so völlig einwärts gezogen, dass nur die Spuren ihres Vorhandenseins an den ‚Seiten des nun kugligen oder etwas länglich runden Kopfes übrig geblieben waren und die Stelle des zurückgezogenen Rostellums durch die breit abgestutzte Mitte der vordern Kopffläche bezeichnet ward. Der Kopf ging in der Regel ohne Unter- brechung allmählig in den dünnern, nach hinten sich auch noch etwas verschmälernden, bis- weilen zuletzt aber wieder ein wenig verbreiternden Körper über, welcher bei ihnen noch keine Gliederung zeigte, sondern sich als der blosse Hals der erwachsenen Individuen verhielt, und, obgleich schmäler und feiner, doch ähnliche, häufige Strieiuren, wie dieser (s. unten), besass, übrigens ‚aber durch sein abgerundetes Hinterende bewies, dass er hier, mit seinem Kopfe vereint, ein ganzes Individuum ausmachte.
Die bedeutend weiter entwickelten mittleren Individuen (Zwischenstufen fand ich nicht vor) hatten schon bei einer eben nicht viel grössern Länge, als der der grössten jüngeren, nämlich von 3 bis über 5, die bedeutend grössere Breite von etwa '/s”. Der Kopf ver- hielt sich wie bei den kleinsten, überragte aber den hier viel breitern, ihn selbst an Länge um einige Male übertreflenden und mehrfach eingeschnürten Hals weniger. Auf diesen folgte nun ein völlig gegliederter Körper, und zwar zuerst eine kurze Reihe sehr kurzer Glieder mit Stark convexen Seitenrändern; dann kamen mehr verlängerte, doch immer kurze, mit über
das folgende Glied hinausragenden stumpfen Winkeln und mehr oder weniger convexen Seiten - rändern, nach
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denen wieder eben so gerandete auftraten, deren Winkel aber nicht vorspran- Die letzte Reihe hatte ihre Glieder etwas mehr verlängert und deren Seitenränder waren
Abh. d, Nat. Ges. zu Halle. Ir Band. 9
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gerader, so dass das vorletzte etwa quadratisch ,.. das am. Ende breit-stumpfe Schlussglied aber ‘wohl ‚sogar etwas ‚länger als breit werden mochte. — : Wie hier beschrieben verhielten sich die Glieder bei einigen ‚Individuen, bei. anderen ‚aber, bei denen der Körper etwas weniger zusammengezogen. war, waren die. Glieder ‚der ‚mittlern Strecke völlig. keilförmig,
Die Länge der erwachsenen Exemplare betrug bei denen, die ich aus dem Knäuel befreien und ausmessen konnte, denen aber zum Theile das äusserste Vorderende mit dem Kopfe fehlte, von etwas über 31/4" bis zu 6°, bei grösster Breite in der Körpermitte oder 'elwas binter ihr von 1'/s'”, von welcher sie sich nach hinten allmählig. wieder so verschmälerten, dass das Hinterende, welchem aber immer das — abgerundete — Schlussglied fehlte, nur etwa die Breite von 1/,“ behalten mochte, während der Körper nach dem Kopfe zu sich so sehr verschmälerte, dass er dort nebst dem Halse nur als ein langer, dünner Faden erschien, an welchem der Kopf, wo er noch existirte, als ein ungemein ‚kleines Knötchen nur wenig vorsprang:
Wie oben schon bemeldet, zeigte sich der Kopf hier mehr oder weniger entstellt; dennoch aber war die Uebereinstimmung seiner Gestalt mit der bei den jüngeren und jüngsten Indivi- duen nicht zu verkennen. Auf ihn folgte der, wie bei den mittleren, ihn um einige Male an Länge übertreffende , im Breitendurchmesser ihm aber ein wenig nachstehende, "mehrfach ein- geschnürte Hals, und auf diesen die erste, ihm an Breite ungefähr gleich kommende, aus sehr kurzen Gliedern bestehende Körperstrecke, von welcher ab sich der Körper bis an oder hinter seine Mitte allmählig verbreiterte und die Glieder gar verschiedene Gestaltungen hatten, darin jedoch überein kamen, dass sie, mit der einzigen Ausnahme, dass das letzte — vorhandene — Hinterglied" bisweilen eben so lang, ja vielleicht sogar um ein Weniges-länger, als breit, ward, sämmtlich breiter, als lang waren, und dass ihr Hinterrand stets den Vordertheil des nächst- folgenden Gliedes 'stark deckte. Uebrigens waren sie, je nach der verschiedenen Zusammen- ziehung und Ausdehnung der einzelnen Körpergegenden, bald (im erstern Falle) an den Seiten mehr geradrandig, auch mehr oder weniger convexgerandet, bald (im andern, Falle) richtig keilförmig, mit stumpfen, sehr hervorgezogenen Winkeln. Die letztere Gestalt behielten sie aber in der hintera Körperstrecke gemeinhin nicht, sondern waren. dort immer kurz und mehr an einander gedrückt, bis. auf die letzten wenigen, welche ich stets: mehr in. die Länge. gezo- gen. und oft mit ausgebreitetem und in die Höhe gehobenem Hinterrande, sah. _Genitalöffnun- gen wurde. ich so wenig, als Genitalglieder gewahr, Die Eier, welche ich’ aus Hintergliedern befreite, waren ‚kuglig, von mittlerer Grösse, durch den Weingeist, aber sehr verschrumpft, und besassen mehrere den Dotter umschliessende, klare Häute,
Nachdem: ich hier nun die ‚erwachsenen Specimina beschrieben habe, ‘muss ich’noch einer
bedeutenden Anomalie bei mehreren der indem ‚Knäuel ‚liegenden Individuen’Erwähnung thun;
welche: bei einer Länge von’ 1a) bis" 3 eine! stärkste Breite von’ etwa 1 besassen. Der wohl erhaltene Kopf war 'bei .ihnen "bald "kugelrundlich, 'bald länglichrund ‘und trug seine 'ansehnlichen: Näpfe mitten an seinen ‘Seiten, wie !bei den früher beschriebenen, auch hatte sich das Rostellum bald kurz und rund hervorgeschoben ‚'bald zurückgezogen. "Während aber der Kopf bei allen oben beschriebenen Individuen den Hals. seitlich überragte, war er hier viel- mehr meistens von geringerm Durchmesser, als der Körpertheil,. dessen ‚verschmälertes Ende er bildete, Es fand sich hier nämlich kein Hals, sondern auf den Kopf folgte sogleich eine grosse Reihe‘ von sehr kurzen Gliedern, welche partienweise von einander abgeschnürt waren, übrigens aber mit lihren stark convexen Seitenrändern auch einzeln sehr hervorstanden. Der Körper hatte im Allgemeinen einen sehr gedrungenen Habitus, welcher den langen Vordertheil sogar drehrundlich erscheinen liess. Ich hätte verleitet werden können, diese anomalen Indi- viduen einer zweiten Art von Tänien im Dicholophus zuzuschreiben, wenn nicht zwei Umstände mich davon zurückgehalten hätten. Der erste bestand darin, dass die Glieder im Ganzen sich so verhielten, wie die der Erwachsenen an deren mehr gedrungenen Körperstellen, der zweite aber darin, dass unter der Zahl der anomalen sich einige befanden, welche zwar auch die- selbe Gedrungenheit des Körpers besassen, am äussersten Vorderende sich aber zu einer Fadendünne verschmälerten und einen, wenn auch kurzen, Hals bekamen, welchen der Kopf überragte. Die Art-Identität der erwachsenen und der so anomal erscheinenden Individuen ward mir nach diesen Beobachtungen und Vergleichungen klar. Es beruhete offenbar die Ano- malie nur eben auf der grossen Zusammengedrängtheit, Verdickung und Verkürzung der Glieder mit sammt dem Halse. In den Hintergliedern eines der grösseren dieser anomalen Exemplare suchte ich auch wiederum nach den Eiern, fand deren aber keine.
Bei der Definition lasse ich mit Recht, wie mich dünkt, diese Exemplare unberücksich- lügt, und entlehne allein von den oben beschriebenen, ausgebildeten und erwachsenen, eier- trächtigen Individuen den folgenden
Charakter der Species.
Taenia Capitis parvi, breve-rostellati, inermis Osculis lateralibus magnis, Collo brevi, filiformi, Corporis antice filiformis, sensim latitudine erescentis, ad finem denuo decrescentis Articulis primum brevissimis, tum brevibus, aut subrectis, aut marginibus lateralibus converiusculis, aut (medüs) cuneatis simulgue minus brevibus, wltimis magis
elongalis, margine postico omnium prolracto ac tegente, Foraminibus genitalibus non conspicuis.
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Indem ich mit dieser Definition die Beschreibung der vom Hrn. Prof. Burmeister im Dicholophus cristatus gefundenen Eingeweidewürmer schliesse , erfülle ich noch die angenehme Pflicht, Demselben für die Liberalität, mit welcher Er ‚mir Exemplare der obigen, von Ihm
entdeckten drei Arten für das zoologische Museum der hiesigen Universität auszuwählen erlaubt hat, hier öffentlich Dank abzustatten.
Greifswald d. 30. März 1853.
Dr, Creplin.
Druckfehler.
S,. 13. 2. 4 v. o. lies denen stalt deren.
S. 14. 2.9 v. u. lies Nirzsch st, Nirsch. S. 14. Z. 4 v. u. in der Note, lies WALKENAER St. WALEREAUER. | S. 15. Z. 4 v. 0. desgleichen,
Vierteljahrsbericht über die Sitzungen der naturforschenden Gesellschaft zu Halle.
Erstes Vierteljahr 1853.
Vorsitzender Direktor Herr 0. B. R. a. D. Graf Seckendorff.
Die Sitzungen vom löten und 29sten Januar wurden durch die Verhandlungen über einzuleitende Veränderungen im Sitzungslokale und in anderen inneren Einrichtungen der Gesellschaft und über die Herausgabe von Gesellschaftsschriften völlig ausgefüllt.
Sitzung vom 12ten Februar.
An eingegangenen Schriften wurden der Gesellschaft vorgelegt: Jahrbuch der K. K. Geologischen Reichsanstalt zu Wien. 1850. 4 Hefte; 1851. 4 Hefte; 1852. 1u. 2Heft. 4. (Mit Begleitschreiben vom K.K. S.R, Hrn. Haıinger.) Linnaea Bd. VII. Heft 3—5. Bd. VIII. Heft 1—6. Bd. IX. Heft 1—3, Halle 1850, 51, 52, 8. Selectus Seminum in horto academico Halensi 1852 collectorum. Hal. 1852. 4. Adversaria botanica sive stirpium aesiate 1852 in horto botamico Halensi examini subjectarum deter- minatio critica. (Geschenke des Hrn. von SCHLECHTENDAL. ) Enwın LAnkester & GEoRGE Busk Quarterly journal of microscopical science. London. Octbr. 1852. 8.
Plan zu einem Verzeichnisse deutscher Volksarzneimittel aus dem Pflanzenreich v. Dr. med. M. A. Höre kam zur Vertheilung unter die Mitglieder. —
Als ordentliches einheimisches Mitglied wurde aufgenommen Herr Dr. med. Auexıus Mann, praktischer Arzt hierselbst.
Herr Prof. von ScHLECHTENDAL legte mehrere theils farblose, theils blau gefärbte Proben eines durch den Oberförster von Pannewirz in Schlesien aus dem Holze der Rothtanne (Pinus Abies L. Pinus Picea du Roi) angefertigten Papiers vor, welches in sehr verschiedener Dicke dargestellt wird und sowohl zum Druck von Büchern, als zu Galanteriearbeiten brauchbar ist. ‘Zur Vergleichung diente ein Exemplar der Schrift, welche der Prediger G. A. Senser im Jahre 1799 auf aus gewöhnlichen Süsswasserkonferven bereitetem, sehr unansehnlichem Papiere hatte drucken lassen.
Prof. Burueister gab einen Bericht (S. 11 ff.) über den im Innern Brasiliens einheimischen Vogel Seriema (Dicholophus cristatus). Derselbe lebt nur im Gebiete der Triften (Campos) und geht bis zum 30° S. Br. hinab; seine Nordgrenze scheint bis an die Walddistrikte des Amazonenstroms zu rei- chen. Schon Marcsrar kannte den Vogel unter dem Namen Cariama, aber weder Burron, noch Linse, noch Laruam haben ihn gesehen. Seine genauere Kenntniss verdanken wir ILLisEr, GEOFFROY und dem Prinzen von Neuwied. Der Vortragende brachte vier Exemplare aus Brasilien mit und hatte dort eins
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mehrere Tage lebendig; er erläuterte die Osteologie am Skelet, die Splanchnologie durch Vorlegung von Abbildungen, welche er in Brasilien gefertigt hatte und gab schliesslich die systematische Stellung des Vogels dahin an, dass er mit dem/Agami (Psophia erepitans) eine besondere kleine Gruppe bilde, welche durch letzteren mehr an die Kraniche, und weiter an dieFulicarien zunächst sich anschliesse. Die früher vielfach behauptete {Verwandtschaft des Vogels mit dem Sekretair (Gypogeranus Serpentarius) erweise sich als völlig unbegründet. ; Sitzung, vom 26 sten Februar, Zu auswärtigen ordentlichen Mitgliedern wurden Herr Dr. med. Fr. Car. H. Crerrin, Custos des’ zool. Mus; zu Greifswald, und Herr Dr. med. Hermann Schaum, Privatdozent zu Berlin aufgenommen. Hr. Prof. vos SCHLECHTENDAL erläuterte an einem Exemplare einer chinesischen Primel eine Mon- strosität, welche sich fast an allen Pflanzen der ganzen Aussaat bei einem hiesigen Handelsgärtner ent- wickelt hatte, indem die, Blüthen grüne Farbe. und blätterartige Bildung angenommen. hatten. Käme . diese Missbildung nicht auch im hohen Sommer, vor, so könnte man den diesmaligen sonnenlosen: Win- ter als Veranlassung annehmen. Hr. Prof. Kranner referirte die Resultate der Untersuchungen, die Bimper und (C. Scummpr, (F. Bioper u. C. Schmmr die Verdauungssäfte und‘ der Stoffwechsel. Mitau & Leipzig 1852, 8.) über die Verdauungssäfte angestellt haben,‘ Durch’ erfolgreiche Verallgemeinerung des von Beaunont zufällig ntdeckten und bereits vielfältig benutzten: Verfahrens der Darmfistelbildung ist ‚es gelungen ‚sowohl: bei ! einem ünd demselben Thiere unter verschiedenen Lebensbedingungen, alsı auch bei verschiedenen Thieren derselben oder verschiedener Species die Sekrete/ der: Speicheldrüsen, | der Mundschleimhaut, . des Magens, der Leber, der Bauchspeicheldrüse ‘und des: Darıns isolirt aufzufangen, ihre. Quantität zu bestimmen und mit»dem: Gewichte des Thieres zu vergleichen.und ihre Eigenschaften, ‚Zusammensetzung ‚und Einwirkung auf Nahrungsmittel, so wie die ‚Folgen ihrer vorzeitigen ‚Entfernung aus dem Organismus zu.siwudiren, Ueberträgt man die ‚gefundenen Werthe ‚auf ‚den Stoffwechsel im Menschen, «(ein allerdings missliehes Verfahren) ,. so: würde die: Quantität der. beim Erwachsenen ‚binnen 24 Stunden. aus. dem Blute in den Darmkanal ausgeschiedenen und grösstentheils wieder in das ‚Gefässsystem zurückkehrenden Sekreten etwa 18,5 Pfund bürgerl. Gewicht mit etwa. 0,5 Pfd. trockner Substanz beitragen. ‚Davon. kämen auf den Magensaft 12 Pfd., auf Speichel und Galle je 3: Pfd., auf Pankreas- und Darmsekret je.0,3 Pfund. Die Verbreiterung des Kreislaufes neben. der‘ Verflüssigung , Umwandlung und "Lösung der genossenen Nahrungsmittel :scheint danach ‘der 'hauptsächlichste Nutzen der. Speichel- und: Magensaftabsonderung zu sein. Pankreas - und Darmsekret. sind quantitativ gering, aber von. eminent lösendem Einfluss auf Amy- lum und «ungelöste Albuminate. Neutrale Fette werden durch Pankreassaft im ‚Körper‘ selbst nicht zer- setzt. Die Galle ist namentlich als. Natronsalz auch! quantitativ von Belang, ‚sie-vermittelt, daneben den Durchtritt der neutralen Fette durch den Darm in’ die Chylusgefässe 'und regelt den Zerseizungsprozess des Darminhaltes. » Ihr: gänzlicher: Verlust für. den Körper: kann durch ungeheuern- Mehrverbrauch von Albuminaten aus der Nahrung Monate lang: ausgeglichen werden: Hr. ‚Prof. Heitz hob, gegen -Biwprr’s Ansicht hervor, .dass..die Milchsäure im Magen’ andre Eigen- schaften zeige, als die Milchsäure .in..der) Muskelflüssigkeit, mit der aus Stärke und Zucker ‚gewonnenen genau übereinstimme und ‚unzweifelhaft grössientheils aus dem bereits durch Speichel veränderten Amy- lum entstehe, wenn es auch ‚nicht gelinge, im Magen in den gekauten Stärkemehlstoffen Zucker nach-
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zuweisen. Hr. Prof. von SchLecHTENDAL erinnerte. zur Bestätigung des Einflusses, den der Speichel! schon beim. Kauen äussert, an den Gebrauch der Südseeinsulaner, welche die amylumreiche Wurzel des Ava- oder Kavastrauches (Piper methystieum) zuvörderst von alten Frauen: kauen: lassen, um sie sährungsfähig und. zur Bildung ‚eines berauschenden Getränks geschickt zu machen. Hr. Prof. D’Arron hob dagegen die Anwesenheit der Speicheldrüsen bei Carnivoren und den Mangel derselben bei Cetaceen, die ihre Nahrung stets mit: grossen, Mengen’ Seewasser verschlucken, ' als praktische Belege für Bıpper’s Ansicht hervor, Sitzung vom 12ten März.
Für die Bibliothek der Gesellschaft waren eingegangen: 4) W. R. Weitenweger' Denkschrift über Avcver Josep# Corpa’s Leben und literarische Werke,
1852. 4. (A. d. Abhand. d. K. B. 6. der W.), 2) F. X. Ramısc# Beobachtung über Saamenbildung ohne Befruchtung am Bingelkraut (Mercurialis annua).
Prag 1837. 8. (A. RW. Weıtenweser’s Beiträgen).
Geschenke des Hrn. Dr. W. R. Werrenweßer,
Prag
3) Gratulationsschrift des Rigaer naturforschenden Vereins zum 50 jährigen Jubelfeste d. K. Universität Dorpat am 12ten Dechr. 1852, eine chemische Analyse des Wassers aus der Düna und aus einem der in Riga befindlichen artesischen Brunnen enthaltend. Riga 1852. &
Durch Hrn. Dr. Weser übergeben.
4): Jahresbericht des naturwissenschaftlichen ‘Vereins zu Halle für 1852, 2 Abhälg. 8.
9) Zeitschrift:für die gesammten Naturwissenschaften herausgegeben vom naturwissenschaftlichen Vereine für Sachsen und: Thüringen in Halle. : 1853. Januar.
Nebst Begleitschreiben des Vorstandes Hrn. €. 6. Gieeen did. Halle d. 3. März’ 1858;
Als neues ordentliches Mitglied wurde Herr G. En. Lierscn, Kaufmann. hierselbst, aufgenommen.
Herr Prof. von SCHLECHTENDAL erläuterte einige Verhältnisse der von Fi X. Rantsch mitgetheilten Beobachtungen, welche geeignet sind, die Richtigkeit des von ihm angegebenen Resultates in Zweifel:zu stel- len; er legte darauf ein.Heft chinesischer auf Reispapier (rice-paper, Bok-shung) ausgeführter Malereien vor, die sich durch Pracht der Farben und glückliche Auffassung des allgemeinen Charakters der dargestell- ten botanischen und entomologischen Gegenstände neben! mancherlei Fehlern im Detail auszeichnen, und knüpfte daran Bemerkungen über den botanischen Charakter des Baumes, dessen Mark das Papier giebt. Derselbe war bisher ganz unbekannt, da.die. chinesischen Originale, nach.denen’Hookzr bereits früher:eine Abbildung besorgte, offenbar gefälscht waren. Er gehört zur Familie. der Araliaceae, den Dolden zunächst verwandt, (Aralia (2) papyrifera. Hook.) und .wächst' nur auf sumpfigem;: Boden. im: Norden: der Insel Kormosa.: . Zwei Exemplare sind lebend in: England, angekommen; von :denem das eine in Kew;' das andere beim Herzog, v. Drvonsuure sich ‚befindet.
Ein; ganz ‚ähnliches Mark liefert ‚Scaevola Teccada, ‚dessen sich ‚die, Malayen. und Siamesen Zur An- fertigung. künstlicher Blumen bedienen.\.Es hat aber, nur!" Zell Durchmesser, während: das:Mark' der Aralia. bis. 24, Z, Durchmesser hat... Diese. Scaevola Teccada, schon: von Rünpa gekannt, ist: vielleicht Sleich.mit Se. Koenigii Yahl und gehört, zur ‚Familie .der Goodenovieae, verwandt. mit den Lobelien.
wie, esin. China. in, den ‚Handel: kommt, soll; hundert Blätter «enthalten und kostet 35cash (ungefähr: 5 Farthings).
„'Ein.Bund. Reispapier,
Hiernach‘scheint der Baum: häufig zu. sein.
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Herr Prof. p’Arron erläuterte unter Vorlegung der betreffenden Abhandlungen und Abbildungen Luscaka’s Untersuchungen über die Struktur der serosen Häute, wodurch deren bisher angenom- mener anatomischer Charakter beseitigt und ihre Zahl im Körper vermehrt worden ist, und über den Ursprung und den Verlauf des N. phrenicus, die dessen konstanten Zusammenhang mit dem N. Sympathicus ausser Zweifel gestellt haben,
Herr Dr. v. Barrensprung referirte über die neuen Untersuchungen von Boursumsnon über das Insekt der Krätze. Durch die Entdeckung des Männchens kann jetzt die Naturgeschichte dieses Thieres in allen Theilen als abgeschlossen betrachtet werden, seine Lebensweise erklärt die auf die Nachizeit beschränkte Ansteckungsfähigkeit der Krankheit und durch die vorgenommenen Uebertragungsversuche desselben auf die Haut Gesunder schwindet endlich jeder Zweifel darüber, dass es kein anderes Konta- gium bei dieser Krankheit giebt, als das Thier selbst. Alle Mittel, welche das Insekt tödten, heilen zugleich die Krankheit. Durch Anwendung dieses Grundsatzes hat die Behandlung allmälig sehr verein- facht und abgekürzt werden können. Noch vor 20 Jahren hielt man dazu einen mehrwöchentlichen Zeitraum und eine Verbindung. innerer und äusserer Mittel für erforderlich ; die gegenwärtig sehr ver- breitete englische Methode hat zwar die Kurzeit auf wenige Tage reducirt, während welcher der Kranke aber in einem ununterbrochenen, die Gesundheit und selbst das Leben gefährdenden Schwitzbade erhalten wird. Die neuerdings von Frankreich aus empfohlene Schnellkur hat aber bewiesen, dass selbst eine einmalige intensive Einreibung mit einer geeigneten Salbe sich ausreichend beweist. Nach diesem Verfah- ‘ren dauert die Behandlung im Ganzen nur 2—3 Stunden und kostet wenige Silbergroschen, während sie vorher ebenso viele Thaler kostete, was besonders für die Hospitalpraxis ein sehr wichtiger Umstand ist,
Schliesslich legte v. B. einige ihm vom Prof. Boeck in Christiania zugeschickte Präparate einer neuen Form der Krankheit vor, bei welcher das Insekt nicht einzeln unter der Oberhaut, sondern zu Tausenden in einer den ganzen Körper überziehenden Hautkruste lebt.
Seinen beim Tödten von Insekten gemachten Erfahrungen zufolge glaubt Hr. Prof. Burmeister den Aerzten bei der Behandlung der Krätze Alkoholdämpfe zur Prüfung empfehlen zu können.
Herr Prof. Burneister trägt den Bericht seiner Reise nach Brasilien wie folgt vor:
Die Reise, welche ich’ nach Brasilien unternahm, hatte ursprünglich den Zweck, meine sehr ange- sriffene Gesundheit zu stärken und hauptsächlich mich geistig zu zerstreuen; sie verzichtete daher von vorn herein auf grosse wissenschaftliche Resultate um so mehr, als ich sie für eigene Rechnung zu unternehmen beabsichtigte. Erst die Theilnahme des damaligen Kultus -Ministers Excellenz, des Herm v. Lavessere, welcher mir eine Unterstützung von Sr. Majestät dem Könige erwirkte, gab ihr einen mehr wissenschaftlichen Charakter.
In Rio de Janeiro, wo ich den 21. Nov. 1850 eintraf, hielt ich mich nur 5 Wochen auf, um die zur Reise ins Innere nöthigen Vorkehrungen zu treffen; während dieser Zeit sammelte besonders mein Sohn Insekten in der Umgegend. Kurz vor Neujahr begab ich mich nach Neu-Freiburg, 28 Meilen nordöstlich von Rio, am Abhange des Orgelgebirges; hier verweilte ich drei Monate, stärkte mich durch tägliche Flussbäder, und sammelte viel. Ausser den erworbenen 300 Bälgen und gegen 3000 Insekten waren Untersuchungen über die Metamorphose der Insekten Hauptgegenstand meiner Beschäftigung; ich habe gegen 70 verschiedene Arten durch alle 3 Lebensstadien verfolgt und die meisten an Ort und Stelle; gezeich-
net. Alle meine in Neu-Freiburg gemachten Sammlungen sendete ich von da nach Europa, wo sie im September 1851 wohlbehalten ankamen, und begann die Reise ins Innere nach dem Ablauf der Regenzeit.
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Zuerst begab ich mich über Cantagallo an den Parahyba nach Aldea de Pedra, um dort die beiden Urvölker der Goroados und Puris kennen zu lernen. Nach ätägiger Rast setzte ich die Reise im Thale des Rio da Pomba hinauf fort und berührte hier eine wenig bekannte, grösstentheils noch wilde Gegend. Bei dem Dorf Merc&s überschritt ich die Grenze des Wassergebietes des Rio da Pomba und Parahyba und betrat nunmehr das besser cultivirte Stromgebiet des Rio Doce, wo schon Goldbau getrieben wird. ‚Ich durchschnitt die oberen Gehänge seiner Thäler und gelangte bei Marianna über den Itacolumi, einen der höchsten Bergzüge Brasiliens, dessen erhabenste Spitze bei Ouropreto etwa 5400 Fuss Höhe erreicht. Hier ist das alte Centrum des Goldgebietes, einst so berühmt und besucht, wie heute Californien; jetzt aber ganz arm und ausgebeutet, wie die meisten Strecken von Minas geraös, Von Ouropreto wandte ich mich nach Nordwesten zum Stromgebiet des Rio St. Franzisco und erreichte schon in wenigen Stunden hinter der Stadt seinen grössten Nebenfluss, den Rio das Velhas, an dessen Ufern in weiterer oder geringer Entfernung die Haupt- goldlager der Provinz Minas geraös sich befanden. Ich besuchte das gegenwärtig ergiebigste Berg- werk von Morro velho, das sich in den Händen einer Englischen Compagnie befindet; durchstreifte die wegen ihres Goldes einst weit bekannte Gegend von Sabara und zog weiter hinunter am Velhas nach Lagoa santa, wo ein berühmter Naturforscher, Herr Dr. Lunp aus Kopenhagen, sich aufhielt. Meine Absicht war, hier die Höhlen kennen zu lernen, in denen er die interessanten fossilen Knochen gefunden hatte, und wo möglich, ähnliche Sammlungen zu machen. Allein der Besuch von 2 Höhlen überzeugte mich bald, dass das mit meinen Hülfsmitteln nicht möglich sei; ich musste mich auf das Sam meln lebender Geschöpfe beschränken und verfolgte dies Ziel eifrig. Da hatte ich das Unglück , bei einem Spazierritt das Bein zu brechen, als ich mich unvorsichtig zu weit überbog, ein Gatterthor zu öffnen und durch die plötzliche Seitenbewegung meines Thieres heruntergerissen würde. —
Dieser Unfall gab meiner Reise eine ganz andere Wendung; ich musste in Lagoa santa 2 Mo- hate und später in Gongonhals noch 3 Monate liegen bleiben; dann konnte ich wieder zu Pferde stei- gen. Während dessen wurde fleissig gesammelt, über 200 Bälge angefertigt und an 2000 Insekten gefan- sen. Mit diesen Vorräthen trat ich am 18. Nov. die Rückreise an und traf den 19. December über Cachoeira, Queluz, Barbacena, die Serra da Mantiqueira, den Parahybuna hinab bis an den Parahyba, und von da über Sumidoro nach Petropolis, Fragoso und Porto da Estrella in Rio de Janeiro wieder ein. Hier weilte ich bis zum 14. Januar, und bestieg an diesem Tage ein Segelfertiges Schiff, um in die Heimath zurückzukehren. —
Ich war 19 Monate abwesend, legte gegen 3500 Meilen zur See und 210 Leguas (etwa 200 deutsche Meilen) zu Pferde in Brasilien zurück. Meine zoologische Ausbeute besteht in
68 Stück Säugethieren, worunter 5 Skelette; die grösseren in Bälgen, die kleineren, wie Fle- dermäuse und Mäuse, in Weingeist;
400 Stück Vögelbälgen ;
24 Vogelnestern mit Eiern;
20 Stück losen Vogeleiern;
72 Stück Amphibien, fast alle in Weingeist; 5000 Stück Insekten, sämmtlich getrocknet; 146 Stück Land- und Süsswasserconchylien;
39 verschiednen Seethieren in Spiritus ;
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welche Gegenstände sämmtlich wohlerhalten in Halle eintrafen und den Sammlungen der hiesigen Uni- versität einverleibt worden sind. ‚Als besonders bemerkenswerthe, weil neue Arten, sind unter den Säugethieren, Vögeln und Amphibien nur wenige hervorzuheben. Die Anzahl der neuen Insekten-Arten ist sehr gross, kann. aber noch nicht näher bestimmt werden. Unter den Conchylien befinden sich einige neue Unionen.. —
Weitere Ausführungen enthält meine Reisebeschreibung,, wovon die erste oder historische Ab- theillung bald nach Ostern die Presse; verlassen wird. —
Der Redner legte darnach einige der mitgebrachten, theils bekannteren, theils seltenen und noch nicht beschriebenen Vogelnester. und Vogeleier vor. Unter ihnen zeichneten sich die Eier von Tinamus durch ihre sehr lebhafte Färbung, ‘wie man sie bei europäischen Vogeleiern nie findet, und die Eier des Anw durch ‚einen gleichmässig ‚verbreiteten, dichten, doch nur locker der himmelblau gefärbten Ei- schale aufsitzenden Ueberzug von kohlensaurem Kalk und Talk aus.. Zu den sehr seltenen Eiern rechnet Prof. B. besonders die eigenthümlich gezeichneten verschiedener brasilianischer Caprimulgen.
Hr. Prof. Kranmer zeigte einige Proben von Gallertkapseln vor, die er sich nach dem ScHRECKEN- perGeR’schen Verfahren angefertigt hatte. Er empfahl sie der Leichtigkeit und Wohlfeilheit ihrer Dar- stellung wegen zu einer ausgedehnteren Verwendung in der Receptur. Eine noch allgemeinere Benutzung zur Einhüllung schlecht schmeckender und schlecht riechender Arzneien gestattet das in Frankreich vielfältig geübte Verfahren des Ueberziehens von: Arzneistoffen mit einem Zuckerguss. Die vorgezeigten schwefel- kaliumhaltigen, vom Vortragenden mit leichtester Mühe glacirten Pillen verbreiteten selbst in dem Glase, in dem sie aufbewahrt waren, nur einen schwachen, kaum unangenehmen Geruch, und liessen sich ohne jede widrige Geschmacksempfindung verschlucken. : Das Verfahren gestattet ausserdem die mannigfachsten Mo- dificationen, indem zum Bestreuen der mit gummihaltigem Zuckersyrup befeuchteten Pillen oder Bissen nach Belieben reiner, gefärbter oder mit einem ätherischen. Oele gemischter Zucker verwendet werden kann, und wird, von einem geschickten Apotheker geübt, noch viel bessere Resultate als die vorgelegten liefern.
Zu dem historischen Berichte über die naturforschende Gesellschaft in Halle und dem ihr angehäng- ten Mitgliederverzeichnisse erlaubt sich der Unterzeichnete folgende ihm bis jetzt bekannt gewordenen Irrthümer nachträglich zu berichtigen :
S.1. 2.5. v. 0, und ‚öfter lies Nilzsch. 2.13 v,0o,liesG, Fischer von Waldheim, S. 7. Sp. 2, Z. 13 v, o, lies v. Schlechtendal, Med. u, Ph. Dr. 2.18v.0. , Prof, d. Bot. zu Upsala. 2.19 v. u. ,„ Henckel von Donnersmarck. Z.12v.u. „6. Chr, Harless T. Sp. 1.2. 7 v,u. ,„ Areschoug, Adjunctd, Bot. z, Upsala, . i DEZE Herpa S. 9. Sp.1..Z. 4v.u. „ LöwDr. u.Diret, d. R, Gymn. z. Meseritz.
Z. 1v.u. ‚, Martins Prof. d. Bot. z. Montpellier. Z. 7v.o. „ Dr. u, Prof. d. Bot. z. Amsterdam. Z.24v.o. ‚, Dr. u. Prof, d. Bot. z. Genua, Z.13v,u. ‚, Rabenhorst Ph. Dr,
Z. 8v.u. , Staatsrath u. Prof. d, Physio. z. Breslau.
u S,8. Sp.1.2.17u.18v. 0. ,, Brongniart. 2. 20 v. 0. ,„ Leopold von Buch 'F. 2.24 v.0. „ v. Cesali z. Vercelli in Piemont, Z. 3v. u. ,, Karl Ehwenberg Y. 7. 2u0. „ KR Stactsrach zu SL. Petersburg. Sp. 2. 2.10 v. 0. „ B.de Ferussac T. S.10. Sp.1. 2.23 v.
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„ v, Schreibers T
Halle, d. $. April 1853. L. Hrahmer, d. Z. Schriftführer d. N. G. z. H.
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H Schenk fec.
Halle.
Lith. Anst.v. (Alb Meyer in
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HBurmaster da.
H, Schenck fer.
Lith. Onst.v. (Ab. Mleyer in Halle.
H, Burmeister del.
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ABHANDLUNGEN
DER
NATURFÖRSCHENDEN GESELLSCHAFT ZU HALLE.
ORIGINALAUFSÄTZE
AUS DEM GEBIETE DER GESAMMTEN NATURWISSENSCHAFTEN,
. VERFASST von MITGLIEDERN unD voRGETRAGEN
EIN-BENSLITZUNGEN-DER GESELLSCHAFT;
HERAUSGEGEBEN
voN
IHREM VORSTANDE,
Erfien Bandes zweites Qnartal.
RER
HALLE,
Druck uno Vervag von H. W. Scanr.
1853,
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Ueber
die Folge und den Verlauf epidemischer Krankheiten.
Beobachtungen
aus der medicinischen Geschichte. und Statistik der Stadt Halle
von
Dr. F. von Baerensprung.
Die Salubrität eines Ortes ist: nicht allein abhängig vom Klima und der. geographischen Lage desselben, sie wird wesentlich auch durch Zeitverhältnisse bedingt. _ Ausser den uner- gründeten Vorgängen im Luftraum , welche den Ausfall der Ernte bestimmen, über Menschen und Thierwelt Krankheits- und Sterbeläufte verhängen, bringen auch Kulturzustände — im weitesten Sinne des Worts — Veränderungen in dem Krankheitscharakter und der Sterblichkeit der Bewohner hervor. Diesen Wechsel zunächst für die Stadt Halle geschichtlich zu verfol- gen, soll in Folgendem versucht werden.
Zu Ende des 17ten Jahrhunderts, als Frieprıcn Horrmann an die neu begründete Uni- versität berufen wurde, fand er den Gesundheitszustand der Stadt so günstig, dass er es der Mühe werth hielt, in einer eigenen Schrift ') eine wissenschaftliche Erklärung dafür zu ver- suchen. Auch sein um die Geschichte der Mediein besonders verdienter; Schüler Jo. Hrınr. ScHurze ?) sprach sich 40 Jahre später in demselben Sinne aus und noch später ist dies von Drexuauer in seiner bekannten Chronik und von Jusser in den Halleschen Anzeigen gesche- hen. Sie glaubten nach Horrmann’s Vorgange den Grund darin zu finden, dass das durch Verbrennung der Braunkohlen aufsteigende schwefligsaure Gas die in der Luft enthaltenen
1) Diss. de vapore carbonum fossilium innoxio. Hal, 1695. 2) Diss. de salubritate Halae nosirae. Hal, 1742
Abh, d. Nat, Ges. zu Halle, Ir Band, 23 Quartäl 1
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miasmatischen Dünste zerstöre. Wenn man auch heut zu Tage dieser Erklärung beizupflich- ten nicht geneigt sein kann, so geht doch aus jenen gleichlautenden Zeugnissen hervor, dass am Schlusse des 17ten und während des 18ten Jahrhunderts Halle in dem Rufe einer gesun- den Stadt stand.
Halle hat diesen guten Ruf weder in der vorhergehenden Zeit verdient, noch in derispä- teren bewahrt. Die chronikalischen Nachrichten beweisen uns, dass während des ganzen Mittelalters und bis zum Ende des 17ten Jahrhunderts die Sterblichkeit, eine sehr grosse ge- wesen sei und in neuester Zeit ist unsere Stadt wieder ihrer Nervenfieber und Choleraepide- mien wegen weit und breit berüchtigt.
Däs Urtheil ‘der Laien ist freilich oft’ein wenig begründetes, es hält sich an einzelne besonders hervortretende Erscheinungen und übersieht, dass der Einfluss derselben durch an- dere, weniger augenfällige, aufgewogen werden könne. Selbst das Zeugniss ärztlicher Zeit- genossen darf nicht zu hoch angeschlagen werden, da ihnen zunächst nur der ‘Vergleich mit der jüngsten Vergangenheit zu Gebote steht, Einen zuverlässigeren Maassstab wird die über einen grösseren Zeitraum sich verbreitende Statistik liefern und mit Hilfe derselben wird es sich im Verlaufe dieser Untersuchung herausstellen, dass wir keinen Grund haben mit der Gegenwart unzufrieden zu sein. Der Gesundheitszustand von Halle ist nicht ungünstiger, als der anderer Städte unseres Vaterlandes; er ist jetzt namentlich sehr viel besser, als zu jener Zeit, welche Frieprıcn Horrmanv nur aus dem Grunde rühmenswerth finden konnte, weil man damals an viel schlimmere Eindrücke gewöhnt war und in der Erinnerung verheerender Krankheiten lebte, gegen welche selbst unsere letzte Choleraepidemie unbedeutend erschei- nen muss.
Uebersicht man das reichhaltige Material, welches dem folgenden Versuch einer medicini- schen Geschichte von Halle zu Grunde liegt, so wird man aufgefordert, dieselbe in drei Pe- rioden einzutheilen. Die erste umfasst den siebenhundertjährigen Zeitraum von der Begrün- dung der Stadt bis zu dem Erlöschen der letzten grossen Pestepidemie im Jahre 1683; die zweite reicht bis in den Anfang dieses Jahrhunderts, wo durch die Einführung der Vaceination den verheerenden Pockenepidemien eine Grenze gesetzt wurde, der zuräckkehrende Frieden den Wohlstand hob und damit einen glücklichen Umschwung in allen Lebensverhältnissen herbei- führte; die ‘dritte Periode, in der wir uns befinden, ist durch das Auftreten der Cholera- epidemien hinreichend bezeichnet.
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—3 —
Erster Zeitraum.
Der seiner Salzquellen wegen schon frühzeitig. wichtig gewordene Platz, auf welchem jetzt Halle steht, wurde erst im Jahr 981 zu einer Stadt erhoben, die schnell an Grösse und Be- deutung zunahm, im 12ten Jahrhundert schon ihre eigene Messe hatte und im 13ten sich dem, Rheinischen Handelsbunde anschliessen konnte. Obgleich. sie zweimal ein Raub der Flammen ‚wurde und trotz vielfacher Partheiungen im Innern, Streitigkeiten mit den ‚Erz- bischöfen. und Befehdungen von den Mansfelder. Grafen und Sächsischen Churfürsten, wurde und blieb sie lange die wichtigste Stadt, „das Herz“ des Erzstiftes Magdeburg. Das schnell Eingang findende Lutherthum gab zu neuen Streitigkeiten. Anlass, und unter den Drangsalen des Schmalkaldischen und des dreissigjährigen Krieges, von denen Halle, im Mittelpunkte Deutschlands gelegen, und als politisch und militärisch wichtiger Punkt besonders schwer be- troffen wurde, konnte es nicht fehlen, dass die Stadt an der schnell erreichten Grösse verlor. Obgleich. alle Angaben über die Einwohnerzahl fehlen, lässt sich doch schon aus dem Um- stande, dass die Stadt zur Zeit ihrer höchsten Blüthe im l5ten und 16len Jahrhundert 6 Pfarrkirchen, 28 Kapellen und 11 Klöster zählte, vermuthen, dass sie der jetzigen nicht viel nachgestanden habe.
Die Nachrichten über den Krankheitscharakter dieses Zeitraums sind sehr mangelhaft und beschränken sich. anf eine chronologische Aufzählung ‘der Jahrgänge, welche durch grosse Sterb- lichkeit sich ' auszeichneten. Dreynaupr?) scheint dabei für die früheren Jahrhunderte vor- zugsweise die historia Quedlenburgensis und den Analista Saxo, für die späteren Jahrhunderte handschriftliche zum Theil noch vorhandene Aufzeichnungen von Zeitgenossen benutzt zu ha- ben. : Seine Angaben gewinnen an Bedeutung dadurch, dass sie mit denen anderer Chroni- sten eine bemerkenswerthe Uebereinstimmung zeigen. Zu ihrer Kontrolle und Vervollständigung habe ich ausser ‘den ‘bekannten ‘Werken von Lesenwarpr ?) und von SchnurneR °) noch die Chroniken von Mansfeld®), Altenburg, Merseburg, Eilenburg‘), Sangerhausen °), Erfurt‘) ver- glichen. Bei aller‘ Mangelhaftigkeit wird die folgende ,,' hiernach entworfene Skizze doch ein sprechendes Bild der Eintlüsse gewähren, welche ausser den kirchlichen und politischen Wuch- selfällen. dem Gedeihen der Bevölkerung feindlich entgegentraten,
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®) Drevuupr „pagus Neletici ei Nudsiei oder ausführliche diplomatisch - historische Beschreibung des zum ehemaligen Pri- mat und Erizsift mehr Khar 'soknlarisidten Herzogthum Magdeburg ‚gehörigen Saal-Kreises ete,“ Halle 1755.
4 ) Lesenwarnr „‚Land- Stadt- und, Haus- Arzneibuch, wie man. der Pest etc, Widerstand .tkun könne, sammt einer Chronik
aller denkwürdigen Pesten.« Nürnberg 1705.
„Chronik der Seuchen.“ Tübingen 1823.
6) 'SPAnGBNBEnG „Mansfeldische Chronika;“ . 1572.
T) JEREN. Sımon „Eilenburgische Chronika,“ Leipz. 1696. 8) SumueL MÜLLER „,
5) SCHNURRER
Chronika der uralten Berg-Stadt Sangerhausen.“ Leipzig 1731. 9) Horx „Zur Charakterisirung der Stadt Erfurt.‘“ Erfurt 1843.
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10tes Jahrhundert.
In dem 20jährigen Zeitraume, welcher von der Begründung der Stadt Halle bis zum Ende des Jahrhunderts reicht, finden wir dreimal seuchenartige Krankheiten verzeichnet; näm- 984 lich zuerst 984, wo nach einem langen und harten Winter grosse Dürre, Hunger und Pesti- 989 lenz entstand; das zweite Mal 989. Nachdem sich schon die beiden vorhergehenden Jahre durch ungewöhnliche Trockenheit ausgezeichnet hatten, gab es zwar im Frühling dieses Jah- res Ueberschwemmungen, aber darauf wieder einen sehr heissen Sommer, schlechte Ernte, 992 Theuerung und „ein grosses Sterben.“ Endlich folgte 992 auf einen strengen Winter wie- der ein so heisser Sommer, dass Bäume und Feldfrüchte versengten und durch Mehlthau ver- darben, viel Vieh umkam und viele Menschen Hungers starben.
Iltes Jahrhundert,
Gleich der Anfang dieses Jahrhunderts ist wieder durch Hungersnoth und Krankheiten
1006 bezeichnet. Im Jahre 1004 begann eine 'Theuerung durch ganz Deutschland, die 1006 aufs
1009 Höchste stieg, und „eine geschwinde Pestilenz“ herbeiführte, die von nun an vier Jahre dauerte, Im Bisthum Hildesheim, in einigen Theilen Sachsens und am Harz waren manche Dörfer ganz ausgestorben; in Halle und Merseburg erreichte sie ihre grösste Heftigkeit erst im Jahre 1007, so dass man fürchtete, es werde die ganze Einwohnerschaft daran zu Grunde gehen, Im fol- genden Jahre scheint sie nachgelassen zu haben, aber 1009 trat sie nach einer Ueberschwem- mung der Saale wieder so mörderisch auf ‚dass man nicht Leute genug gehabt, die Todten zu begraben.“
1020 ©. Eine ähnliche Beschaffenheit zeigte die Witterung des Jahres 1020. Der Winter war streng und dauerte sehr lange; im Juli gab es Ueberschwemmungen, das Getreide verdarb und es entstand eine allgemeine 'Theuerung. Schon in den vorhergehenden Jahren hatte in benachbarten Städten eine Seuche geherrscht, die jetzt so verheerend wurde, dass in Sachsen über 100,000 Menschen daran starben. Die Leichen scheinen schnell in Fäulniss übergegan-
gen zu sein, so dass man sie „gleich nach dem Tode voller Würmer‘“ gefunden haben will, 1032 Im Jahre 1032 folgte „nach grossem Wasser Hungersnoth und Pestilenz, woran besonders viel grosse Herren und vornehme Leute starben.“ Dieselbe Kalamität wiederholte sich hier nu und in Merseburg im Jahre 1038 und im Jahre 1058 ist wieder in beiden Städten „‚ein grosses Sterben“ verzeichnet, welches fast durch ganz Deutschland geherrscht haben soll. 1072 Im Jahre 1072 ist in Halle wieder „Hunger und Sterben bis ins dritte Jahr“ gewesen, 1074 scheint sich aber nicht weiter verbreitet zu haben, da es in den Chroniken benachbarter Städte und selbst bei dem so ausführlichen Spaneensers nicht erwähnt wird. Dafür herrschte im Jahre 1075 in Merseburg eine Pest, von der Halle verschont blieb. Auch die grosse Ruhr-
epidemie, welche im Jahre 1083 nach dem Zeugniss des Analista Saro in diesen Gegenden
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haus’te, scheint an Halle vorbeigegangen zu sein, denn wir finden erst 1087 und dann wieder 1089 „Hunger und Sterben “ verzeichnet. Der ganze Zeitraum bis zum Schlusse des Jahr- hunderts war für Deutschland durch seuchenartige Krankheiten verhängnissvoll; für Halle und die Städte der Nachbarschaft finden wir aber nur im Jahre 1092 „ein Sterben an Menschen und Vieh‘ verzeichnet.
12tes Jahrhundert.
Dagegen haben die deutschen Chroniken aus den beiden ersten Decennien des 12 ten Jahr- hunderts nichts von pestilenzialischen Krankheiten zu ‚berichten, Auch Halle blieb bis zum Jahre 1125 davon befreit. Wie das vorhergehende, so zeichnete sich auch dieses Jahr durch einen ungemein strengen, anhaltenden und schneereichen Winter aus, dem im Frühlinge Ueber- schwemmungen folgten. Der Sommer war äusserst nass. Im Herbst brach an vielen Orten eine sehr verheerende Epidemie des heiligen Feuers aus. Auch die hiesige Gegend und Halle selbst war so schwer betroffen, dass man meinte,. es sei der dritte Theil der Einwohner gestorben,
Im Jahre 1144 ist „ein grosses Landsterben durch ganz Deutschland“ gewesen; auch in Halle, Merseburg etc. Wieder brachen in Folge des nassen Sommers von 1150 unter Men- schen und Vieh Seuchen aus, vielleicht auch das heilige Feuer.
Im Jahre 1167 herrschte in Italien und Deutschland die Pest, verbreitete sich über Sach- sen und verschonte auch Halle nicht.
„Im Jahre 1186 ist ein so gelinder Winter und um Weihnachten so warm gewesen, dass die Bäume im Januar zu blühen angefangen, und die Aepfel im Februar bereits so gross, als die welschen Nüsse gewesen; auch hat der Wein und Getreide zeitlich geblühet, und weil keine Kälte und Frost darauf erfolget, im Mai in diesen Landen die Ernte und zu Anfang des August die Weinlese gewesen, auch ein sehr fruchtbar Jahr und an Korn und Wein ein Ueberfluss worden.“ Trotzdem ist in Halle ein Sterben gewesen,
Im Jahre 1196 folgte auf grosse Ueberschwemmung ein nasskalter Sommer. Es gab Theuerung und Sterben.
Das: 13te Jahrhundert
war für Deutschland viel günstiger als das vorhergehende und nachfolgende. In der Halle- schen Chronik sind nur zwei Sterbejahre verzeichnet , nämlich:
Zuerst das Jahr 1226. In Folge mehrerer sehr kalter ;Winter und unfruchtbarer Sommer war eine allgemeine Hungersnoth entstanden. Verheerende Krankheiten hatten unter dem Vieh
geherrscht und auf sie folgte eine Seuche unter den Menschen ‚ die sich über einen grossen Theil Deutschlands und auch über Halle verbreitete.
1087 1089
1092
1125
1144 1150
1167
1186
1196
1226
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1264 Zum zweiten Mal herrschte Hungersnoth und Pestilenz in Halle und Umgebung anno 1264, Ein ‘grosser Komet war über ein Vierteljahr lang am Himmel sichtbar, den der Aberglaube damaliger Zeit als die Quelle des Unheils betrachtete. Während der letzten Decennien dieses Jahrhunderts herrschten zwar in mehreren Gegenden Sachsens und Thüringens wiederholt Krankheiten, von denen aber die Stadt Halle verschont gewesen zu sein scheint, obgleich ‚sie noch einmal, nämlich im Jahre 1279 von Hungersnoth betroffen wurde.
“ l4tes Jahrhundert,
Auch im Anfange dieses Jahrhunderts und namentlich im Jahre 1305. war eine verhee- rende Seuche über Deutschland verbreitet; in Erfurt, im :Mansfeldischen, selbst in Merseburg raffte sie viel Menschen hin; aber die Hallesche Chronik erwähnt ihrer nicht.
Im zweiten Decennium folgte sich eine Reihe unfruchtbarer und ungesunder Jahre. Be-
1312 sonders wird der Sommer von 1312 als sehr heiss und so dürre geschildert, dass es dreissig
Wochen lang nicht geregnet haben soll. Die wenig versprechende Ernte wurde durch. die im
’ Herbst hereinbrechenden Wasserfluthen vollends zerstört. Die unmittelbare Folge waren verderbliche Seuchen unter Vieh und Menschen, ‘Die schlimmsten Verheerungen richteten sie in Süddeutschland und den Rheingegenden an, aber auch Sachsen war schwer betroffen. Man rechnete, dass in Halle der dritte Theil der Menschen gestorben sei. Die in diesem Jahre weniger hart mitgenommenen Städte der Nachbarschaft wurden in den folgenden Jahren durch-
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seucht. 1315 war wieder ein schreckliches Hungerjahr, während ‘dessen in Merseburg und
Erfurt die Pest herrschte. Auch im Jahre 1317 waren in Folge der Theuerung Krankheiten
sehr verbreitet und die kleine Stadt Eilenburg wurde drei Jahre hintereinander von 1316—18
auf das Aergste verwüstet, Es fehlte an Händen, ‘die Leichen zu begraben, welche die Luft
verpesteten. Die Tochter eines Rathmanns, die einen ihr verhassien Bräutigam heirathen sollte,
ging tagtäglich auf den. Kirchhof, deekte die dort stehenden Särge auf, um angesteckt zu
werden, erreichte indessen ihren Zweck nicht, aber der Verhasste starb, 1330 Im Jahre 1330 grassirte wieder eine pestilenzialische Seuche an der Saale und: Elbe.
Im Jahre 1346 war im äussersten Osten von Asien jene fürchterliche Epidemie ausge-
brochen, die verbreiteteste und mörderischeste von allen, die jemals geherrscht haben, der schwarze Ted, eine wahre Bubonenpest ; 1347 halte sie zuerst Europa berührt und im fol- genden Jahre sich über den ganzen Erdtheil verbreitet, dem sie in mehrjähriger Dauer einen Menschenverlust brachte, welchen‘ man auf 25 Millionen geschätzt hat. Die Stadt Halle wurde ısıg 1348 und dann wieder 1350 davon heimgesucht, und besonders in dem letztern: Jahre war ' 1350 die Sterblichkeit eine so grosse, dass zum Beispiel im Barfüsser Kloster nur 3 Brüder am I
Leben blieben. Die Todten wurden auf dem: Martinsberge, wo jetzt der Stadtgottesacker liegt,
beerdigt. Fast alle Chroniken sprechen von den häufigen Verfolgungen der Juden, denen man
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Schuld gab, die Brunnen vergiftet zu haben, so wie von dem Auftreten der Geisselbrüder, als krankhaften Auswüchsen aus der düstern Stimmung der Zeit. Pestis regnavit plebis quoque millia stravit, Insolitus populus flagellat se seminudus, Contremwit tellus, populusgue crematur Hebreus, Nach .30jähriger Pause finden. wir im Jahre 1380. einen neuen Einbruch der Pest in die hiesige Gegend verzeichnet.
Eine andere Seuche, von der im Gegensatz zu den vorhergehenden ausgesagt wird, dass sie nicht ansteckend gewesen sei, grassirte zwei Jahre später. Nach dem: Erscheinen eines grossen Kometen soll lange eine vollkommene Windstille geherrscht haben und dadurch eine Verderbniss der Luft herbeigeführt worden sein. ‘Der Schluss des Jahres führte aber die Pest noch einmal zurück. 1393 wüthete sie besonders heftig in Eisenach und Nordhausen, verbrei- tete sich im folgenden Jahre über ganz Thüringen, gelangte 1395 nach Halle und 'war noch 1398 in der ganzen hiesigen Gegend verbreitet, namentlich in Nordhausen , Sangerhausen, Mühlhausen, Eisleben, Merseburg.
Im 15ten Jahrhundert
folgten sieh epidemische Krankheiten noch viel schneller, so dass die Hallesche Chronik nicht weniger als 14 Sterbejahre verzeichnet hat.
Im Jahre 1404 herrschte um den Harz, durch ganz Sachsen und Thüringen eine Krank- heit, welche von Drevmaupr nicht erwähnt, von SrangEngere aber genau beschrieben wird: Sie fing mit Schnupfen an, zu dem sich bald ein beschwerlicher Husten gesellte. Der Schleim war dabei so zähe und klebrig, dass die Kranken ihn nicht auswerfen konnten und immer zu ersticken fürchteten. Dabei lagen sie in starker Fieberhitze und mit eingenommenem Kopfe schwer darnieder. Viele Menschen, jung und alt, starben daran, und in Magdeburg soll man oft an einem Tage hundert Leichen gehabt haben. — Obwohl diese Krankheit der Zeit nach mit einer in Frankreich verbreiteten Influenza-Epidemie zusammenfällt, wird man sie doch der
grösseren Bösartigkeit wegen, währscheinlicher für eine typhöse Pneumonie zu halten haben.
Nach dem harten Winter von 1405—6 fing sich zeitig im Sommer ein grosses Land- sterben, wahrscheinlich wieder die Pest an und wüthete bis um Weihnachten, In Halle, Merseburg, ‚Halberstadt, Thüringen raffte sie viele Menschen, Arme und Vornehme hin. Unter anderen starben Landgraf Balthasar von Thüringen und Bischof Rudolf von Halberstadt daran ; und in Erfurt starb fast die ganze Universität aus, so dass nur 5 Professoren am Leben blieben. Wie es nach grossen Epidemien zu geschehen pflegt, trat auch jetzt eine längere Pause ein. Zwar erwähnt die’ Hallesche- Chronik im Jahre 1424 wieder „ein grosses Pesti-
1380
1382
1395
1404
1406
1424
1437 1438
1449
1452
1463
1472
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lenz-Sterben“, welches sich nach grossem Wasser entwickelte, aber dasselbe scheint sich nicht weiter verbreitet zu haben.
Erst von 1437 an traten Seuchen wieder allgemeiner auf. In diesem Jahre herrschte nach mehrjähriger Theuerung ein Sterben in der ganzen Gegend. Im folgenden war die Theuerung noch ärger, so dass ein Pfennigbrod nur so gross, wie eine welsche Nuss war, Im Spätsommer entstand wieder „ein gräulich allgemeines pestilenzialisch Landsterben“, wel- ches bis in den Januar 1439 fortdauerte, wahrscheinlich wieder. die echte Pest, Auch in Merseburg herrschten 1437 und 39 Seuchen und in Erfurt 1438 eine Krankheit, wobei der, welchen sie traf, drei Tage schlafen musste, und bei seinem Erwachen schon mit dem Tode rang.
Mit dem Jahre 1448 beginnt ein neuer Umgang der Pest, welche sich während der fol- genden Decennien, zwar mit Unterbrechungen, aber in immer neuer Heftigkeit über ganz Asien und Europa verbreitete. Ueber ihr Auftreten in der hiesigen Gegend lässt sich Folgen- des ermitteln. . Ihr erster Ausbruch in Halle fällt in das Jahr 1449, dem nach heissem Sommer ein sehr milder Winter vorausgegangen war. Sie zeigte sich noch sehr gelinde; um so heftiger aber im folgenden, wo über 5000 Menschen drauf gingen. Zur Abwendung des göttlichen Zorns wurden Processiönen gehalten und der fanatische Barfüsser Jomannes Capı- stranus predigte; auf offenem Markt Busse. Nicht geringere Verheerungen hatte die Seuche gleichzeitig in Magdeburg (wo 8000 Menschen starben), in Merseburg, Eilenburg etc. angerich- tet; und schon 1452 kehrte sie mit grosser Heftigkeit zurück und herrschte auch noch wäh- rend der folgenden Jahre in benachbarten Städten. (1457 in Eilenburg.)
Im Jahre 1463 grassirte die Pest wieder sehr stark in ‘Thüringen und um den Harz; am schlimmsten wurde Erfurt betroffen, wo die Zahl der Todten auf 28,000 angegeben wird. An den meisten Orten, namentlich zu Braunschweig, Hannover, Hildesheim, Magdeburg, Nord- hausen, Stollberg, Halberstadt brach die‘ Krankheit erst im Herbst aus und währte bis in das folgende Jahr um Fastnacht. Halle scheint diesmal besser davon gekommen zu sein, da die Zahl der Todten nur auf 400 angegeben wird. Damit verschwand die. Krankheit nicht aus der hiesigen Gegend, denn 1468 herrschte sie in der Gegend von Zeitz und Altenburg so heftig, dass allein in dem letzteren Städtchen 1700 Menschen erlagen.
Anno 1472 grassirte in einigen Städten, und so auch in Halle, eine Krankheit, die als eine von der Pest verschiedene und bisher unbekannte ausdrücklich bezeichnet, wird, aber nicht weniger Schrecken verbreitete, da sie für noch ansteckender gehalten wurde, als die Pest selbst. Daher lös’ten sich alle Bande; die Frauen liefen ihren kranken Männern, die Männer den Frauen, die Kinder den Eltern weg. Niemand wollte die Kranken warten; Priester und Mönche versagten ihnen die Tröstungen der Religion, Ueber die Natur dieser Krankheit fehlen
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aber selbst alle Vermuthungen. Anno 1474 war Halle wieder vom Juli bis September von 1474 einer Seuche betroffen.
In den 80er Jahren herrschte wieder ein grosses Sterben durch ganz Deutsch'and. In Erfurt begann es schon 1482 und währte drei Jahre lang. 1484 war es über Sachsen und die Harzgegend verbreitet; besonders arg in Braunschweig und Eimbeck. Zu Stolberg fing es um Weihnachten an und liess nach einigen Wochen nach, begann im Sommer von Neuem
und dauerte bis wieder Weihnachten. In Halle brach es 1485 um Pfingsten aus und erlosch 1485 im November.
Bis zum Schlusse des Jahrhunderts blieb Halle von den Ausbrüchen der Pest verschont, aber zwei andere Krankheiten erschienen noch in seuchenartiger Verbreitung, die vorher un- bekannt gewesen waren. 1491 herrschte nämlich der Skorbut, der in den S0er Jahren 1491 | sich zuerst in der Gegend von Meissen gezeigt und allmählig über das Mansfeldische und | Thüringen verbreitet hatte. Die zweite Krankheit war die Syphilis (morbus gallicus, Fran- | zosen), welche vom Süden her schnell um sich griff und sich 1493 zuerst in Halle zeigte. 1493
Der unerträglich heisse Sommer dieses Jahres mag ihre Bösartigkeit und epidemische Gestaltung begünstigt haben.
Während des 16ten Jahrhunderts
erreichten die Epidemien der wahren Bubonenpest ihren Höhenpunkt in Bezug ihrer Häufigkeit sowohl als ihrer Bösartigkeit. lm Anfange des Jahrhunderts herrschte allgemeine Theuerung und auf ungewöhnliche Vorgänge in der Atmosphäre deutete das zwar schon früher, aber ” nicht so allgemein wie jetzt, beobachtete Phänomen der Signacula. Auch in der Halleschen Chronik wird: diese Erscheinung erwähnt, die darin bestand, dass sich auf den verschiedensten Gegenständen, namentlich auf den Kleidern der Leute, rothe oder gelbe Flecken bildeten, die oft so schnell entstanden, dass man glaubte, sie seien aus der Luft herabgefallen, sich nach- her in einen ölartigen Schaum auflös’ten und nicht abzuwaschende Spuren hinterliessen. Wenn die abergläubische Phantasie jener Zeit in diesen Flecken Blutstropfen oder die Form von Kreuzen erkennen wollte, so äusserten doch einsichtsvollere Männer schon die Vermuthung, die durch die Forschung neuerer Zeit zur Gewissheit erhoben worden ist, dass es nämlich farbige Schim- melbildungen gewesen seien, Immerhin ‘aber deutet. das nur zeitweise und strichweise beob-
achtete Vorkommen: derselben auf eigenthümliche Veränderungen im Luftraum.
| Im Jahre 15092 brach in verschiedenen Theilen Deutschlands die Pest aus und suchte auch 1502 | Halle heim; im folgenden Jahre haus’te sie in Merseburg, 1505 in Erfurt. Alle diese Jahre zeichneten sich durch "grosse Hitze und Trockenheit aus und obwohl dieselbe durch strenge
is r R R a Winter anno 1505 und 6 unterbrochen wurde, so kehrte die Pest doch in dem letztgenannten Abh, d, Nat, Ges. zu Halle, Ir Band,
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1506 Jahre‘ wieder in Halle ein, und raffte etwa 3000 Menschen fort. Zur selben Zeit war sie nicht weniger verderblich in Altenburg und im folgenden Jahre in Magdeburg.
Während des zweiten Decenniums scheint sie in der ganzen Gegend verbreitet: geblieben zu sein, denn 1515. haus’te sie wieder in Magdeburg, ‘Eimbeck und an mehreren Punkten Sachsens und Thüringens; im folgenden Jahre nahm sie noch zu, brach 1517 in Erfurt aus und gelangte selbst nach Eisleben, wo sie zugleich mit Petechialtyphus_ herrschte, ohne Halle zu berühren. Im Jahre 1519: herrschte sie wieder in der Grafschaft Mansfeld und in Eisleben; im Jahre 1520: in und um den Harz, wo namentlich wieder die Stadt Stolberg
1524 hart betroffen wurde, Nach Halle gelangte sie aber erst im Jahre 1524, wo sie auch in Merseburg war.
Vier Jahre später war die Pest wieder von Italien aus nach Deutschland vorgedrungen, hatte auch am Harz und an den Ufern der Saale und Elbe arg gehaus’t, und die zeitweilige Verlegung der Universität Wittenberg nach Jena veranlasst, aber die Hallesche Chronik erwähnt ihrer nicht, obwohl das nahe Merseburg nicht verschont geblieben war.
Im Jahre 1535, obwohl es ein fruchtbares war, breitete sich die Pest wieder über
1536 Westphalen, den Harz und Sachsen aus und gelangte 1536 nach Halle und Merseburg, er- iosch aber während des folgenden sehr strengen Winters. 1939 zeigte sie sich wieder in der Grafschaft Mansfeld und grassirte während der beiden: folgenden Jahre in Erfurt mit grosser Heftigkeit.
1541 Im Juli 1541 brach sie denn auch wieder. in Halle aus und raffte während einer drei- monatlichen Dauer 6000 Menschen hin, nämlich 4000 in der Stadt selbst und 2000 in den
1543 Vorstädten, Auch 1543 herrschte sie nach dem Zeugnisse Spancengere’s wieder in Halle, und gleichzeitig in Merseburg und um den Harz, ohne aber eine grosse Intensität zu verrathen.
Im Jahre 1549 fing sich in Eisleben eine Krankheit